Gesundheit : "Davon kannst du nicht mal die Zugfahrt bezahlen"

DANIEL D.ECKERT

Carola Beckmeier vom Akademischen Auslandsamt der TU blickt ein wenig enttäuscht.Als sie kürzlich eine Informationsveranstaltung über die Studienmöglichkeiten in Großbritannien anbot, war der Saal noch brechend voll.Diesmal geht es um das Zielland Frankreich - und nur etwa 25 interessierte Studentinnen und Studenten sind gekommen.Der unterschiedliche Anklang, den die beiden Veranstaltungen gefunden haben, spiegelt die Prioritäten der Berliner Studierenden wieder: Die englischsprachigen Länder stehen auf ihrer Wunschliste unangefochten an erster Stelle.An zweiter Position rangiert Frankreich, um den dritten Platz konkurrieren Spanien und Italien.

Erstaunlich weit abgeschlagen erscheinen die osteuropäischen Staaten.Entsprechendes gilt, mit Ausnahme der Humboldt-Universität, für Rußland.Innerhalb des englischsprachigen Zielgebiets wiederum liegt Nordamerika deutlich vorne.Während sich die Freie Universität mit dem "deutschlandweit besten Direktaustauschprogramm" brüstet, gestalten sich die Aussichten auf ein USA-Stipendium an den anderen Berliner Universitäten merklich schlechter.Uwe Brandenburg vom Akademischen Auslandsamt der Humboldt-Universität ist zwar zufrieden, in der letzten Zeit einige der "großen Namen" als Partner gewonnen zu haben, gibt aber unumwunden zu, daß die HU noch "einige Schwierigkeiten" mit dem Zielland USA habe.Hier übersteige die Nachfrage das Angebot bei weitem.Da ist es immerhin ein Lichtblick, daß seine Hochschule ihr 1999er Austauschkontingent für das kanadische Toronto auf 20 Plätze aufstocken konnte.

Ähnliches ist von der Technischen Universität zu erfahren: "Übersee ist ein sehr begehrter Bereich", sagt Carola Beckmeier.Aber: "Die TU stellt traditionell zu wenig Geld für USA-Austauschprogramme zur Verfügung." Außerhalb der universitären Partnerschaft in den Genuß eines Stipendiums zu gelangen, ist nicht einfach: "Beim DAAD erhält maximal jeder fünfte Bewerber den Zuschlag, und bei Fulbright sieht es eher noch schlechter aus", schätzt Günter Schepker, Leiter des Akademischen Auslandsamts der Freien Universität.

Das liebe Geld stellt ohnehin den kritischen Faktor beim Studienwunsch Ausland dar.Wenngleich sich die deutschen Studierenden in der beneidenswerten Position befinden, daß ihnen mit "Erasmus" ein europaweites Austauschprogramm offen steht, so halten sich die tatsächlichen Geldzuwendungen doch sehr in Grenzen: Der Romanistik-Student Johannes Schwartz mußte bei seinem Auslandsjahr in Paris mit läppischen 200 DM pro Monat vorliebnehmen."Davon kannst du nicht einmal eine Zugfahrt bezahlen", meint er rückblickend.Daß er sich die zwei Semester in der "superteuren" französischen Hauptstadt dennoch leisten konnte, verdankt er der Unterstützung seiner Eltern.

Heinz Weber, der Leiter des Referats internationale Beziehungen der HdK, befürchtet, daß sich immer mehr eine Tendenz zur "sozialen Auswahl" durchsetzen wird: "Die relevante Frage ist, was können sich die Studierenden heute noch leisten", so Weber.Finanzielle Schwierigkeiten sind ihm zufolge oft schuld daran, daß Studentinnen und Studenten auf ihren Traum vom Auslandsstudium verzichten müssen.

Auch Günter Schepker von der FU findet, daß "politischer Anspruch und finanzielle Ausstattung weit auseinander klaffen.Allerdings gibt er zu bedenken, daß die Deutschen im internationalen Vergleich keineswegs schlecht dastehen: "Mir fällt kaum ein Land ein, wo die Studierenden in dieser Hinsicht so privilegiert sind wie bei uns." Wenn die Quote der im Ausland Studierenden hinter den Erwartungen zurück bleibe, dürfe man dies also nicht allein auf das Geld schieben.Bei allen Schwierigkeiten und Unannehmlichkeiten: Für die spätere Stellensuche könnte es sich durchaus auszahlen, sich in der Fremde durchgeschlagen zu haben.Bei der Wirtschaft steht das durch einen Auslandsaufenthalt erworbene "Mehr" an Lebenserfahrung und Sprachkenntnissen nach wie vor hoch im Kurs.So erklärt Claus-Jürgen Volkmann von der Personalabteilung der Siemens AG, daß Auslandserfahrungen zwar nicht automatisch zu bedeutend besseren Einstellungschancen führten.Alles in allem seien ein, zwei Semester außerhalb Deutschlands aber "auf alle Fälle sehr sinnvoll."

Interessanterweise spielt das Zielland des Austauschs seiner Meinung nach keine ausschlaggebende Rolle.Wichtig sei dagegen, daß man, wo immer man studiere, mehr mache als nur Ferien.Als "ganz ideal" erachtet Volkmann schließlich die Kombination von Auslandsstudium und Auslandspraktikum.Das haben auch die Berliner Hochschulen erkannt.

An der Humboldt-Universität ist man dabei, ein eigenes Büro für die Akquise von Praktikumsstellen bei ausländischen Firmen und Institutionen aufzubauen.Indes, so sinnvoll die Verbindung von Studium und Praktikum im Ausland auch sein mag - die Umsetzung ist schwierig.Praktika an Austauschstudenten werden nach Auskunft von Uwe Brandenburg von der Humboldt-Universität keineswegs großzügig vergeben.Momentan gelte daher: "Schon ein einziger Platz ist ein Erfolg."

An der Freien Universität hatte man vor einiger Zeit Vorstöße in dieselbe Richtung unternommen.Diese fielen dann freilich den jüngsten Einsparungen zum Opfer.Günter Schepker gibt sich resigniert.Der engen Verknüpfung von Studium und Praxis gehöre in vielen Fächern gewiß die Zukunft, "aber unsere Anläufe dazu sind schlicht an mangelndem Personal gescheitert." Bleibt der Trost, daß auch ein Auslandsaufenthalt ohne Praktikum zu einem unvergeßlichen, persönlich wie fachlich bereichernden Erlebnis werden kann.Was einem Friederike Westphal sofort bestätigen wird.Die Studentin der Linguistik erinnert sich mit Wehmut an ihr Semester am Birkbeck College der University of London: "Die Studienbedingungen und das Klima waren so gut, daß ich dort am liebsten meinen Abschluß gemacht hätte."

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