Gesundheit : DDR-Krippe schützte vor Überreaktionen - Ursache für Krankheit anscheinend auch fehlende Geschwister

Adelheid Müller-Lissner

Fast ein Viertel aller in den Industrieländern lebenden Zeitgenossen leidet unter Allergien. Tendenz: steigend. Dass die Neigung zu allergischen Reaktionen erblich ist, ist unbestritten.

Zu den diskutierten Umweltfaktoren gehört, dass immer mehr Kinder ohne Geschwister aufwachsen. So ergaben Ost-West-Vergleiche, dass Kinder aus Leipzig oder Erfurt kurz nach der Wende deutlich seltener unter allergischen Erkrankungen litten als ihre Münchner Altersgenossen, obwohl die Schadstoffbelastung durch industrielle und private Emissionen im Osten höher lag. Dafür hatten sie im Durchschnitt mehr Geschwister und waren seit der frühesten Kindheit in Krippen und Kindergärten mehr Krankheitserregern ausgesetzt. Das könnte, so die Hypothese der Forscher, die für Allergien typische Bereitschaft des Immunsystems zur Überreaktion dämpfen.

Eine Allergie ist eine durch Kontakt erworbene Überempfindlichkeitsreaktion des körpereigenen Abwehrsystems gegen Stoffe aus der Umwelt, die vom Immunsystem als "fremd" (griechisch: allos) eingestuft werden. Der Körper setzt deshalb Verteidigungsmechanismen in Gang, die angesichts des eigentlich harmlosen Feindes übertrieben sind und sich letztlich gegen ihn selbst richten. Die Produktion von biochemischen "Waffen" wie Immunglobulinen und Histamin ist messbar erhöht. Beschwerden, die Krankheitscharakter annehmen können, sind die Folge: Hautreaktionen wie Jucken oder Ausschlag, Niesen, Schnupfen und gerötete Augen, Atemnot, Verdauungsbeschwerden, aber in Einzelfällen auch plötzliche schwere Schockzustände, etwa nach einem Wespenstich. An einem solchen anaphylaktischen Schock soll schon der ägyptische Pharao Menes gestorben sein.

Mediziner bezeichnen Menschen mit der Bereitschaft zu allergischen Reaktionen auch als Atopiker. Das griechische Wort bedeutet soviel wie "verschoben, verrückt" und bezieht sich auf das übereifrige Immunsystem. Juckende Hautveränderungen stehen meist am Anfang einer "Allergikerkarriere". Schon beim Säugling kann sich ein atopisches Ekzem entwickeln. Meist zeigt es sich zuerst als sogenannter Milchschorf auf der noch spärlich behaarten Kopfhaut. Ellenbeuge, Kniekehlen und Gesicht sind typischerweise später von der Neurodermitis betroffen. Auslösende Allergene aus dem Nahrungsmittelbereich sind oft Hühnereiweiß, Kuhmilch, Nüsse, aber auch Fisch oder Erdbeeren. Allergische Hautreaktionen auf bestimmte Nahrungsmittel, die im Säuglings- und Kleinkindalter auftreten, verlieren sich oft später wieder. Dafür machen viele dieser Kinder eine Veränderung durch, die die Mediziner "Etagenwechsel" nennen: Sie reagieren nun auf andere Arten von Allergenen. Die Folge ist in vielen Fällen ein allergisches Asthma (schweres Atemholen, heute die häufigste chronische Erkrankung des Jugendalters. Es kommt dabei zu einer Verengung der Bronchien, die zu akuter Atemnot führen kann. Eine solche Form des Asthmas kann die Reaktion auf Tierhaare, Hausstaubmilben oder Pflanzenpollen sein.

Der Heuschnupfen als häufigste Allergie-Form bleibt glücklicherweise meist auf einige Wochen - manchmal auch Monate - des Jahres beschränkt. Die meisten Opfer leiden unter einer Allergie gegen Birkenpollen. Unter Fachleuten wird diskutiert, ob Umweltprobleme eine Rolle spielen könnten. Ozon könnte als Verstärker wirken, vor allem aber die Schwebstoffe, feinste Partikel von Luftschadstoffen, die sich als blinde Passagiere auf Pollen anlagern und gratis mitfliegen. Sie könnten dadurch Schaden anrichten, dass sie die Immunantwort des Organismus verändern. Kontaktekzeme, also allergische Hautreaktionen auf Stoffe, mit denen der Betroffene durch Anfassen oder Einatmen in Berührung kommt, sind vor allem als Berufskrankheiten häufig. Mit Abstand am schlimmsten trifft hier es wegen des Kontakts mit verschiedenartigen Chemikalien die Friseure. Aber auch die Bäcker und Spritzlackierer sind betroffen.

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