Gesundheit : Den Antworten folgen die Fragen

Das Experten-Gutachten über Bettenabbau, Sanierungsbedarf und Personal

Ingo Bach

Das Gutachten der Experten liegt gerade erst auf dem Tisch, da beginnen schon die Diskussionen. Denn das Gutachten ist keineswegs das Ende des Streits um die Zukunft der Berliner Hochschulmedizin, sondern wohl eher dessen Anfang. Viele Frage bleiben unbeantwortet und viele Antworten werden die Debatte erst richtig anheizen.

Die Kommission empfiehlt, das Virchow-Klinikum in Wedding ab 2010 als Universitätsstandort aufzugeben. Lehre und Forschung sollen langfristig an den beiden Standorten Benjamin Franklin in Steglitz und der Charité in Mitte konzentriert werden, betonte der Kommissionsvorsitzende Winfried Benz bei der Präsentation des Gutachtens. Offen ist aber, ob das Weddinger Krankenhaus als städtisches Hospital weitergeführt oder verkauft werden soll. Als Einzelklinik räumen ihm Fachleute auf dem engen Berliner Markt keine großen Überlebenschancen ein. Man könne es nicht wirtschaftlich führen, weil es für eine Kiezkrankenhaus überdimensioniert sei. Auch ein Verkauf scheint schwierig. Zwar zeigen private Krankenhauskonzerne immer Interesse, wenn über die Veräußerung eines Berliner Krankenhauses geredet wird. Denn sie möchten Zugang zu dem attraktiven Berliner Markt. Gerade ein Universitätsklinikum zählt da als Juwel – wenn es weiter forschen darf und öffentliche Gelder erhält. Doch beides soll im Virchow wegfallen.

Mit der Aufgabe des Virchow-Klinikums trifft es den Standort mit der besten Bausubstanz. Denn während Charité und Benjamin Franklin jeweils für hunderte Millionen Euro Sanierungsbedarf haben, flossen in die Modernisierung des Virchow-Klinikums bereits rund 760 Millionen Euro. Deshalb empfiehlt die Kommission, an dem Standort bis 2010 festzuhalten. Dann hat sich das Problem möglicherweise erledigt, weil bis dahin wegen des Votums sicher keine größeren Investitionen mehr erfolgen. Trotzdem bleibt ein Kostenproblem. Die Hälfte der 760 Millionen Euro sind Mittel des Bundes für die Hochschulbauförderung. Die müsste Berlin nach der Aufgabe des Virchow-Klinikums „nach der jetzigen Rechtslage“ an den Bund zurücküberweisen, so die Experten in ihrem Gutachten.

Millionenschwere Investitionen sind auch für das Charité-Bettenhochhaus in Mitte notwendig. Fachleute bemängeln unter anderem unzureichenden Brandschutz. Rund 160 Millionen Euro sind für die Sanierung notwendig. Die Kommission hält trotzdem nichts von einem Abriss, wie er bereits diskutiert wurde. Denn in dem Gebäude sollen sich die klinischen Bereiche konzentrieren, die auf die enge Kooperation mit der medizinischen Forschung angewiesen sind.

Die Charité wollte die Sanierung mit Hilfe der Bundeswehr stemmen, die mit ihrem Krankenhaus in das Hochhaus ziehen sollte. Das lehnen die Experten ab. Für die Bundeswehr solle man auf dem Charité-Gelände einen Neubau errichten. Das ist auch die von der Bundeswehr bevorzugte Variante.

Zusätzliche Betten sind in der Universitätsmedizin ohnehin nicht erwünscht. Derzeit verhandeln die Krankenhäuser, die Krankenkassen und die Senatsgesundheitsverwaltung über den aktuellen Berliner Krankenhausplan. Danach sollen bis zu Jahr 2005 rund 2000 Betten an den normalen Krankenhäusern verschwinden. Doch auch an der Universitätsmedizin geht dieser Kelch nicht vorüber. Seit Jahren beklagen die Krankenkassen das Überangebot an teurer Hochleistungsmedizin in Berlin. Die Expertenkommission schlägt vor, jedes dritte Universitätsbetten zu streichen – von derzeit über 3400 Betten sollen bis zum Jahr 2010 noch 2200 Betten übrig bleiben. Die Senatsgesundheitsverwaltung möchte diesen Abbau gern beschleunigen: die ersten 500 universitären Betten sollten schon bis 2005 verschwunden sein.

Das aus der Fusion von Charité und Benjamin Franklin hervorgehende „Zentrum Universitäre Medizin“ (ZUMB) wird mit 2200 Betten ein Gigant sein. Die Experten wissen, dass solch ein Koloss unflexibel sein kann, zumal zwei Universitäten mitreden. Aus diesem Grunde fordern sie, dass das ZUMB rechtlich selbstständig sein soll, geführt von einem Kuratorium und überwacht von einem Aufsichtsrat. Sicher wird bald die Diskussionen um die Führung starten.

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