Gesundheit : Den Augapfel hüten

Der „Grüne Star“ bleibt meist jahrelang unentdeckt – erst die Messung des Augeninnendrucks enthüllt die Gefahr

Adelheid Müller-Lissner

Seinen Patienten über 40 drückt der Augenarzt oft gleich bei der Anmeldung einen Zettel in die Hand. Eine Aufforderung zum Selberzahlen. Nicht für die Bestimmung der Sehschärfe, die der Grund für den Praxisbesuch gewesen sein mag, sondern für Spezialuntersuchungen, mit denen nach dem „Grünen Star“, dem Glaukom gefahndet wird.

Das Glaukom ist eine tückische Erkrankung. Es bleibt meist jahrelang unbemerkt, denn es hindert nicht am scharfen Sehen. Statt dessen führt es zu Einschränkungen des Gesichtsfelds. „Diese Veränderung fällt den meisten gar nicht auf, selbst ein Kollege, der Glaukomforscher ist, bemerkte sie an sich selbst nicht“, erklärt Franz Grehn, Direktor der Universitäts-Augenklinik in Würzburg und Präsident der Deutschen Ophthalmologischen Gesellschaft (DOG). Bei der 101. Tagung der altehrwürdigen Gesellschaft, die 4000 Teilnehmer aus 41 Ländern im frisch renovierten Berliner Congress Center am Alexanderplatz versammelte, war das Glaukom ein Hauptthema.

Ausgelöst wird die Krankheit, an der in Deutschland etwa 800 000 Menschen leiden, durch eine Erhöhung des Augeninnendrucks (siehe Kasten), die den Sehnerv in Mitleidenschaft zieht. Besonders gefährdet ist dann der Sehnervenkopf. An diesem Vorposten des Gehirns treffen sich die Fortsätze der lichtempfindlichen Nervenzellen der Netzhaut, dort werden die Impulse gebündelt und gezielt in Richtung Großhirn weiter geschickt. Durch einen zu hohen Druck, aber auch infolge von Durchblutungsstörungen, wird er geschädigt. Zu einer solchen Druckerhöhung kommt es, wenn das Kammerwasser nicht im erforderlichen Ausmaß abfließen kann.

Die Zerstörung von Fasern des Sehnervs kann so weit gehen, dass die Betroffenen erblinden. Durch Behandlung mit Augentropfen kann man das Fortschreiten in den meisten Fällen verhindern – wenn man die Veränderungen im Auge rechtzeitig erkennt. Manchmal ist nur ein Auge betroffen, das andere kann die Störung noch ausgleichen.

Zwei Untersuchungen empfehlen die Augenärzte für (besonders gefährdete) stark Kurzsichtige, für genetisch Vorbelastete und ab 40 alle zwei Jahre für jeden: Zunächst eine Messung des Augeninnendrucks. Doch sie allein reicht nicht aus, denn die Druckempfindlichkeit der Nervenzellen ist individuell verschieden: Beim einen kann ein eigentlich unauffälliger Druck schon Probleme schaffen, das Auge eines anderen hält auch erhöhtem Druck stand.

Deshalb ist zusätzlich eine Untersuchung des Augenhintergrunds durch die Pupille nötig, mit der der Sehnerv betrachtet werden kann. „Bei dieser Untersuchung werden weit über 90 Prozent aller Glaukome entdeckt, die schon einen Schaden am Sehnerv verursacht haben“, erläutert Grehn. Heute werden beide Fahndungsmethoden als „Individuelle Gesundheitsleistung“ angeboten, weil die Krankenkassen ein Screening nicht bezahlen. Wenn sich dabei ein Verdacht auf ein Glaukom ergibt, wird auch das Gesichtsfeld untersucht, um möglicherweise schon aufgetretene Defekte zu erkennen.

Groß angelegte wissenschaftliche Studien haben im vergangenen Jahr Aufschluss über die jeweils beste Behandlung in den verschiedenen Stadien gebracht. So ist inzwischen gesichert, dass der Sehnerv bei einer fortgeschrittenen Erkrankung erst dann sicher geschützt ist, wenn der Innendruck unter 15 mmHg bleibt. Dafür muss, wenn Medikamente nicht reichen, eine Operation sorgen, die einen künstlichen Abfluss für das Kammerwasser schafft. Mittel, die man aus der Krebsbehandlung kennt, oder Antikörper gegen bestimmte Wachstumsfaktoren werden neuerdings eingesetzt, um eine erneute Verstopfung durch Narben zu verhindern.

Ob und wie sich der Sehnerv bei einem Glaukom-Patienten verändert, wird heute mit Lasergeräten ermittelt. Der Laserstrahl tastet ihn ab, dann wird er digital vermessen, die gespeicherten Messdaten machen den Vergleich bei der nächsten Untersuchung einfach. Aus der Forschung kommen Ansätze zur Rettung der Nervenzellen, die durch erhöhten Augeninnendruck leicht geschädigt werden. So werden Medikamente entwickelt, die sie gegen den Angriff schädlicher Aminosäuren schützen, Wachstumsfaktoren könnten sie vor dem Absterben bewahren.

Die Augenärzte hören es übrigens nicht so gern, wenn das Glaukom (von griechisch glaukos, grün leuchtend, nach dem grünlichen Reflex der Linse) bei seinem populären Namen „Grüner Star“ genannt wird. Denn dann liegt die Verwechslung mit dem „Grauen Star“ nahe. Beide „Stare“ (von: starren) sind typische Altersleiden der Augen. Doch damit hören die Gemeinsamkeiten schon auf: Der „Graue Star“ ist eine Linsentrübung, die heute meist durch Entfernung der Linse und Einpflanzung eines künstlichen Ersatzes behoben wird.

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