Gesundheit : Den Bach runter

Am Tiroler Vernagt-Gletscher ist es zehn Grad wärmer als sonst, das Eis geht drastisch zurück

Paul Janositz

DIE GROSSE SCHMELZE – ZU WARM FÜR GLETSCHER UND POLAREIS

„Ein Gletscher ist immer dynamisch“, sagt Heidi Escher-Vetter, Meteorologin an der Bayerischen Akademie der Wissenschaften in München. Er wandert langsam zu Tale und besteht aus vielen verschiedenen Materialien. Neben Eis, dem Hauptbestandteil, finden sich Schnee, Wasser, Luft sowie viel Gestein und organisches Material, Rotalgen beispielsweise.

So ist es auch am „Vernagtferner“ im hinteren Tiroler Ötztal. Seit vielen Jahren beobachtet die Münchner Glaziologin die Veränderungen des mit knapp neun Quadratkilometern zweitgrößten österreichischen Gletschers. Stündlich und rund um die Uhr werden Lufttemperatur und -feuchte, Strahlungsintensität, Windgeschwindigkeit und Niederschlagsmenge gemessen. Die Daten werden gespeichert und ausgewertet.

Derzeit registriert das vierköpfige Forscherteam auch eine rötliche Färbung. Sie rührt vom Saharastaub her, der seinen langen Flug aus dem heißen Afrika auf kaltem Untergrund beendet hat. Nun kann er wieder wärmere Temperaturen erleben, denn die Sonne scheint dieses Jahr auch in den Alpen extrem viel. Derzeit ist es am Gletscher in rund 3000 Metern Höhe zwischen 15 und 18 Grad warm. „Das ist zehn Grad mehr als sonst“, sagt Escher-Vetter.

Bei diesen Temperaturen schmelzen Eis und Schnee, das wundert niemand. Erschreckend ist aber das Ausmaß. Der Vernagt gibt pro Sekunde bis zu 14 Kubikmeter Abwasser frei. „Ähnlich schlimm war es im Jahr 1991“, sagt die Forscherin, die sich seit fast 30 Jahren mit Gletscherkunde beschäftigt. Ob die Schmelze dieses Jahres ein Rekord wird, zeigt sich endgültig erst Anfang Oktober. Dann endet quasi das Geschäftsjahr des Gletschers, dann wird die Massenbilanz aufgestellt, die winterliche Zunahme gegen den Sommerschwund gerechnet.

Es gibt Indizien, dass es diesmal so schlimm sein wird wie noch nie. Bis Ende der 80er Jahre gab der Gletscher nie mehr als zehn Kubikmeter pro Sekunde frei. Anfang und Mitte der neunziger Jahre nahm das Schmelzwasser dann stark zu. Die letzten drei Jahre waren wiederum moderat.

Doch jetzt, seit Juli, schmilzt der Gletscher auch nachts. „Rund um die Uhr haben wir extreme Abflüsse“, sagt Escher-Vetter. Nach ihren Berechnungen kommt heute insgesamt „doppelt so viel Wasser den Gletscher herunter wie in den 60er und 70er Jahren“. Das Übel liegt nicht so sehr in den relativ hohen Temperaturen, als an der intensiven Strahlung, die 70 bis 80 Prozent des Gletscherverlusts verursacht. Schnee wäre in diesem Zusammenhang gut, denn die weiße Pracht reflektiert die Sonne besser als das dunklere Eis. Doch das Gebiet unweit der Ötzi-Fundstelle, in dem es sonst etwa zwei Mal im Monat weiß wird, hat seit Anfang Mai keine Schneeflocke mehr gesehen.

Wie katastrophal die Gletscherbilanz in diesem Jahr auch ausfallen wird, eine langfristige Aussage trauen sich die Glaziologen nicht zu. „Vielleicht ist es nächstes Jahr wieder ganz anders“, sagt Escher-Vetter. Allerdings häufen sich die Belege dafür, dass ein langfristiger Trend eingeleitet wurde. Die durchschnittlichen Temperaturen haben zugenommen, die Gletscher schrumpfen seit Jahrzehnten kontinuierlich.

So hat der Vernagtferner in den letzten eineinhalb Jahrhunderten zwei Drittel der Eismasse verloren. In heißen Sommern schmolzen die Gletscherzungen stellenweise um mehr als vier Meter ab. An manchen Stellen ist das Eis sogar um bis zu 40 Meter dünner geworden. Alle Alpengletscher zusammen haben seit der Mitte des 19. Jahrhunderts mehr als ein Drittel ihrer Fläche und mehr als die Hälfte ihres Volumens eingebüßt. Wenn es so weiter geht, könnten in den nächsten 50 Jahren drei Viertel der heutigen 4500 Alpengletscher verschwunden sein.

Den Vernagtferner, als einen der größten in den Alpen, würde es dann, zwar stark geschrumpft, immer noch geben, meint Escher-Vetter. Doch die meisten der kleineren Exemplare – neun von zehn sind weniger als einen Quadratkilometer ausgedehnt – wären dann verschwunden. Darunter wären auch die fünf Gletscher auf deutschem Gebiet, die zusammen nicht mehr als 0,8 Quadratkilometer einnehmen.

Besonders dramatisch würde sich das Gletschersterben auf das Trinkwasser auswirken. In unseren – noch – gemäßigten Breiten könnte der Verlust des Alpenwassers durch andere Quellen ausgeglichen werden. In den trockenen Regionen Zentralasiens dürfte das Gletscherschmelzen die Situation zunächst verbessern. Wenn das eisige Reservoir aber versiegt ist, wird dort der Kampf ums Wasser mit aller Härte beginnen und die Situation auch für Europa zusätzlich anheizen.

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