Gesundheit : Den europäischen Blick lernen

LARS VON TÖRNE

An der Wand des kleinen Seminarraums, der eigentlich eine Bibliothek ist, hängen sieben abstrakte Gemälde. Jedes von ihnen symbolisiert einen der Professoren des Instituts für Deutsches und Europäisches Unternehmens-, Wirtschafts- und Arbeitsrecht der Humboldt-Universität. Vor den Bildern sitzen 15 Doktoranden und ein paar der in den Gemälden porträtierten Professoren in Grüppchen beisammen und diskutieren angeregt über den Vortrag, den sie eben gehört haben.

Robert Schulz hat an diesem Abend den Zwischenstand seiner Dissertation zum europäischen Telekommunikationsrecht vorgestellt. Sein "Sachstandsbericht" wurde von den anwesenden vier Professoren und von den Doktoranden ausführlich kritisiert, gemeinsam wurden andere Herangehensweisen an das Thema diskutiert. Jetzt gehen die Debatten in kleinen Kreisen weiter. "Wer kommt noch mit auf ein Bier?", fragt schließlich einer in die Runde. Der informelle Teil des Graduiertenkollegs "Europäisches Privat- und Wirtschaftsrecht" beginnt.

Für viele der 16 Doktoranden des Kollegs ist das regelmäßig stattfindende Kollegseminar eine wichtige Hilfe auf dem Weg zum Doktortitel. "Hier werden wir auf Dinge gestoßen, die uns spätestens bei der Abgabe der Arbeit große Probleme bereiten würden - aber dann wäre es zu spät", sagt Wolf von Bernuth. Der 27jährige schreibt an seiner Doktorarbeit zum Thema Urheberrechte und Warenverkehrsfreiheit in Europa. "Wo bekomme ich sonst so viele Ideen aus ganz unterschiedlichen Perspektiven, wie hier im Kollegseminar?"

Und Catherine Foitzik, die sich mit der rechtlichen Ordnung der europäischen Schulbuchmärkte beschäftigt, findet im Kolleg neben der fachlichen auch viel seelische Unterstützung. "Die regelmäßigen Treffen mit der Gruppe haben mich während meiner Arbeit bei der Stange gehalten", sagt die 28jährige, "und mich immer wieder aufgebaut, wenn ich beim Schreiben mal Hilfe brauchte."

Das Graduiertenkolleg an der HU ist eines von über dreißig in Berlin, an denen Doktoranden an einem übergreifenden Forschungsthema arbeiten. Gegründet wurde es vor drei Jahren von Axel Flessner, Professor für Europäisches Privatrecht. Bei der Auswahl von Beiträgen für die von ihm herausgegebene Zeitschrift für europäisches Privatrecht fiel ihm auf, daß eine länderübergreifende, europäische Betrachtungsweise des Privat- und Wirtschaftsrechts bei vielen Wissenschaftlern nach wie vor unterentwickelt sei, wie er berichtet. Gemeinsam mit seinen Kollegen rief er deswegen das Graduiertenkolleg ins Leben. Es soll, so Flessner, "dazu beitragen, daß das Privat- und Wirtschaftsrecht als europäische Disziplin begriffen wird".

Den europäischen Blick zu erlernen, ist allerdings nicht immer einfach, sagt er, denn "viele Doktoranden sind immer noch zu sehr in ihrem nationalen Recht verhaftet". Genau hier setzt das Konzept des Kollegs an, erläutert Flessner. Bei allen unterschiedlichen Themen der Doktoranden vereint die Promovierenden doch das gemeinsame Interesse an einer länderübergreifenden, europäischen Perspektive. Die Dissertationen der Kollegiaten sollen Teil einer gesamteuropäischen Rechtsliteratur werden, wünscht sich Flessner. Die Deutsche Forschungsgemeinschaft finanziert das Kolleg jährlich mit gut 300 000 Mark, der Rest kommt von der Humboldt-Universität.

Neben zwölf Doktoranden, die vom Kolleg Stipendien erhalten, gibt es noch vier assoziierte Nachwuchswissenschaftler, die sich aus anderen Quellen finanzieren, jedoch an der Arbeit des Kollegs teilnehmen. Da nicht alle Kollegiaten zur gleichen Zeit angefangen haben, gibt es regelmäßig Ab- und Neuzugänge. Das Durchschnittsalter liegt bei 28 Jahren.

Etwa zweimal monatlich trifft sich die Gruppe in der Instituts-Bibliothek in der "Kommode" Unter den Linden zum Sachstandstreffen. Daneben stehen Vorträge renommierter Gastreferenten zum europäischen und internationalen Recht oder zu wissenschaftlichen Methoden auf dem Programm. Zusätzlich sollen die Kollegiaten für ihre jeweiligen Themen kleine Fachtagungen organisieren, auf denen sie ihre Arbeiten mit Juristen aus dem In- und Ausland diskutieren können. Vor diesem Hintergrund ist eine weitere Besonderheit des Kollegs wichtig: Jeder Doktorand hat sich verpflichtet, während des Kollegs zusätzlich eine weitere Fremdsprache zu lernen, um die Rechtsliteratur möglichst vieler Länder ohne Schwierigkeiten im Original lesen zu können.

Wichtig sind den Kollegiaten auch die privaten Kontakte untereinander, die sie außerhalb des offiziellen Programms pflegen. "Wir treffen wir uns regelmäßig bei jemandem zu Hause, um die Sachstandsberichte vorher zu diskutieren und uns gegenseitig Tips zu geben", erzählt Sebastian Wulff, der an seiner Dissertation zum Thema Kündigungsschutz im europäischen Vergleich arbeitet. "Das Feedback aus der Gruppe hilft, um in dieser Phase nicht vollends zum isolierten Einzelkämpfer zu werden", sagt er. Auch wenn die Themen innerhalb der Gruppe zu unterschiedlich sind, um wirklich über jedes Detail diskutieren zu können, lassen sich so manche Probleme leichter in den Griff kriegen als alleine.

Das sieht auch Tilman Hoppe so, Koordinator des Kollegs: "Das Kolleg wirkt wie ein Katalysator", sagt er. "Die Motivation der Doktoranden ist viel größer, als wenn jeder einzeln vor sich hin arbeiten würde." Außerdem seien die monatlichen Stipendien von bisher 1500 und ab Juli 1750 Mark für manchen eine zusätzliche Erleichterung. Das habe unter anderem zur Folge, daß die Doktoranden wesentlich schneller mit ihren Arbeiten fertig werden, als wenn sie neben der Dissertation noch für ihren Lebensunterhalt arbeiten müßten.

Die Zustimmung zum Kolleg ist übrigens nicht nur bei den Doktoranden groß. Auch für die sieben Professoren des Instituts ist es eine Bereicherung, wie Axel Flessner sagt. "Durch die Auseinandersetzung mit den Doktoranden werden wir aus unseren vertrauten Themen herausgerissen und haben die Chance, unseren wissenschaftlichen Horizont zu erweitern."

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