Gesundheit : Den Kindern auf den Fersen

Ein Jahr nach Pisa: Was Erziehungswissenschaftler vorhaben

Susanne Vieth-Entus

Rund ein Jahr ist es her, dass die Pisa-Studie Deutschland überrollte. Seither hagelt es politische Rezepte rund um Kindergartenreform und Ganztagsschule. Viele Ansätze sind unausgegoren und folgen lediglich der Vermutung, dass sie auf den richtigen Weg führen könnten. Damit sich das ändert, wollen endlich auch die Erziehungswissenschaften einen stärkeren Beitrag zur praxisnahen Forschung leisten und damit ihrer „uneingestandenen Bringschuld" nachkommen, wie es der Schweizer Erziehungswissenschaftler Fritz C. Staub spitz formuliert. Einige der wichtigsten Vorhaben wurden jetzt an der Freien Universität vorgetragen. Zu dem Forum eingeladen hatten Bildungsforscher Jürgen Baumert sowie FU-Vizepräsident Dieter Lenzen als Herausgeber der „Zeitschrift für Erziehungswissenschaft“.

Angesichts des deutschen Pisa-Desasters verwundert es nicht, dass jetzt an fast allen kindlichen Schauplätzen geforscht werden soll. Denn es fehlt nicht nur praxisnahes Forschungswissen, sondern es gibt auch ganze Bildungsbereiche, die bisher vernachlässigt wurden. Als Beispiel nannte Hans-Günther Rossbach (Universität Bamberg) die Kindertagesstätten: Es sei kaum empirisch untersucht, welche längerfristigen Auswirkungen deren Qualität habe. Eine Lücke tut sich auch bei den Haupt- und Realschulen auf: Deutsche Forscher beschäftigen sich lieber mit Gymnasien und Grundschulen.

Aber auch auf diesen Feldern gibt es Nachholbedarf. Ein Beispiel ist die Unterforderung der Grundschüler. Laut Elsbeth Stern, Max-Planck-Institut für Bildungsforschung, sind sich Fachleute darüber einig, dass das Lernpotenzial der Grundschüler „nicht annähernd genutzt wird“. Jetzt überlegt man, welche Schlüsse daraus für den Unterricht gezogen werden müssen. Stern interessiert sich etwa dafür, wie man schon kleine Kinder an physikalische Sachverhalte heranführen kann, damit Fehlvorstellungen gar nicht erst entstehen. Wenn ein Viertklässler etwa glaubt, dass Gegenstände schwimmen, weil „die Luft sie nach oben zieht“, kann man ihm ruhig schon mal die richtige Erklärung nahe bringen. Das erleichtert den Unterricht in der Mittelstufe.

Ein Schwergewicht der Pisa-Folgen-Forschung muss angesichts der großen Schulprobleme von Migrantenkindern beim Sprachunterricht liegen. Ingrid Gogolin (Universität Hamburg) untersucht, wie der Schrifterwerb vonstatten geht. Und sie vergleicht Schulen, die trotz ähnlicher Klientel sehr unterschiedlich erfolgreich arbeiten. Ein Augenmerk will sie auch auf der Erforschung der bilingualen Alphabetisierung liegen.

Das wohl wichtigste Feld der Pisa-Folgen-Forschung werden die Züricher Wissenschaftler Fritz C. Staub und Kurt Reusser beackern: die Verbesserung der Unterrichtsqualität. Sie halten es für zwingend, „in die Professionalität der Lehrberufe zu investieren". Staub hat sich am Institute for Learning in Pittsburgh jahrelang mit dem „Coachen" von Lehrers beschäftigt und praxisnahe Programme mitgebracht. Für ihn steht fest, dass sich die Erziehungswissenschaft unbedingt um die Unterrichtsentwicklungs-Forschung kümmern muss.

Der Katalog an Forschungsvorhaben ließe sich fortsetzen. Er enthält zweifellos die in der Folge der Pisa-Studie bedeutsamen Fragen. An dem Forum nahmen auch wichtige deutsche Förderorganisationen für die Wissenschaft teil, die Deutsche Forschungsgemeinschaft, die Volkswagen-Stiftung und der Stifterverband. Es zeigte, wie viel noch nicht gewusst wird, und es offenbarte auch die schweren Versäumnisse der deutschen Bildungspolitik. Es warf auch die Frage auf, ob Bildungsforschung sich auf Messung und Beschreibung beschränken soll oder die Entwicklung von Reformvorschlägen mit zu ihrem Auftrag gehört. Auf jeden Fall dürfe die jetzige Reformstimmung nicht unter jahrelangen Längsschnittstudien begraben werden, warnte FU-Vize Dieter Lenzen.

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