Gesundheit : Den Krebs aushungern

Ein neues Medikament hilft bei fortgeschrittenem Darmkrebs – es dreht dem Tumor die Blutzufuhr ab

Bas Kast

Es begann mit einer genialen Idee: Alles, was wachsen will, braucht Nahrung. Das gilt auch für tödliches Wachstum, sprich: für Tumoren. Warum also nicht hergehen, überlegte sich vor 30 Jahren ein junger Forscher der Harvard-Universität, Judah Folkman, und den Tumor aushungern?

Anfangs wurde Folkman ausgelacht – inzwischen aber stellt sich seine Idee als „Durchbruch“ in der Krebstherapie heraus, wie es der Onkologe Bernd Dörken von der Berliner Charité formuliert. Das bestätigt nun auch eine Dickdarmkrebs- Studie, die in der heutigen Ausgabe des US-Fachblatts „New England Journal of Medicine“ veröffentlicht ist.

Die Forscher der Universität von Kalifornien in Los Angeles berichten darin über die Ergebnisse eines klinischen Tests mit dem Präparat „Avastin“ (Wirkstoff: Bevacizumab) an insgesamt über 800 Patienten mit fortgeschrittenem Dickdarmkrebs. Das Medikament der Firma Roche besteht aus einem Antikörper, der einen Wachstumsfaktor namens VEGF (Vascular Endothelial Growth Factor) blockiert. VEGF ist ein Eiweiß, das Gefäße sprießen lässt. Schaltet man diesen Signalstoff aus, fehlt das Kommando zur Gefäßneubildung. Die Folge: Der Krebs wird auf Diät gesetzt, der Tumor wird ausgehungert.

Wie die neue Studie zeigt, funktioniert die Idee auch in der Praxis: Die Patienten, die das Avastin bekamen, vertrugen die Chemotherapie nicht nur besser. Nach 20 Monaten lebte außerdem noch die Hälfte dieser Patienten. „Das hört sich vielleicht bescheiden an, aber alle anderen Therapie-Kombinationen haben bisher zu keinerlei Verbesserung in der Überlebensrate geführt“, sagt der Krebsexperte Dörken. Bei den Patienten, die nur eine Chemotherapie bekamen, war die Hälfte nach gut 15 Monaten gestorben. Die Forscher sprechen von einem „Meilenstein“ in der Krebstherapie.

Jährlich erkranken hierzulande rund 70000 Menschen an Darmkrebs – er ist die zweithäufigste Krebstodesursache.

Im Februar erteilte die US-Arzneibehörde FDA Avastin als erstem Mittel aus der neuen Gruppe der Gefäßblocker („Anti-Angiogenese“) die Zulassung. Behandelt werden dürfen: Patienten mit fortgeschrittenem (metastasiertem) Dickdarm- oder Enddarmkrebs. Deutschland ist noch nicht so weit. „Bei uns bekommt man das Medikament nur in internationalen Apotheken“, sagt Hans-Ulrich Jelitto, Sprecher der Firma Roche. Die Apotheke an der Ecke hat somit keinen Zugang zu dem neuen Medikament, sondern nur solche mit der Berechtigung, Arzneimittel zu importieren. „Daran wird sich wohl leider erst zum Jahreswechsel etwas ändern“, sagt Jelitto.

Längst laufen die Studien mit Avastin und anderen Medikamenten, die die Gefäßneubildung hemmen, auf Hochtouren. Drei Fragen stehen dabei für die Wissenschaftler im Mittelpunkt:

Erstens: Was ist mit den Nebenwirkungen? Wie sich herausstellt, sind diese erstaunlich gering. „Anfangs hatte man Befürchtungen, was die Wundheilung betrifft“, sagt der Onkologe Ulrich Keilholz von der Berliner Charité. Bei einer Wunde werden neue Gefäße gebildet, um Reparaturprozesse anzuwerfen. „Es zeigt sich, dass die Wundheilung vielleicht etwas verlangsamt wird, aber am Ende nur marginal betroffen ist.“ Vermutlich sind die Nebenwirkungen deshalb so gering, weil im erwachsenen Körper die Gefäße fertig angelegt sind und in der Regel keine neuen mehr gebraucht werden.

Zweitens: Wie stehen die Überlebenschancen von Darmkrebspatienten, die mit Avastin behandelt wurden, nach drei, vier Jahren?

Drittens: Bei welchen weiteren Krebsformen ließe sich Avastin sinnvoll einsetzen? Zu allen großen Krebsarten – Beispiele: Brust, Lunge, Nieren, Prostata – laufen derzeit klinische Studien. Mit gemischten Ergebnissen: „Bei Brustkrebs zum Beispiel waren die Befunde bisher nicht so ermutigend“, sagt Keilholz.

Die Wissenschaftler entziffern das Wirkungsprinzip der Gefäßneubildung eines Tumors immer genauer. Bekannt ist: Geschwulste können wachsen, bis sie in etwa die Größe einer Erbse erreicht haben. Ab da ist Schluss. „Im Zentrum des Tumors kommt es zu einem akuten Sauerstoffmangel“, sagt Dörken. An diesem Punkt aktivieren die Krebszellen ein Gen, das zur Bildung des Signalstoffes VEGF führt – dann wird die Infrastruktur für ungebremstes Wuchern angelegt.

„Nach etlichen Enttäuschungen beweist diese Untersuchung, dass eine anwendbare Krebstherapie darin besteht, die Blutzufuhr des Tumors abzudrehen“, sagt Fairooz Kabbinavar, der Leiter der Darmkrebsstudie. Aus der Idee ist Wirklichkeit geworden.

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