Gesundheit : Den Menschen so nah

Beim Zeus: Warum die griechischen Götter bis heute präsent sind

Norbert Blößner

Das Outfit von Nike, die Brille von Apollo – und alles kommt mit Hermes ins Haus? Als Chiffren sind altgriechische Götternamen in Wirtschaft und Werbung bis heute präsent: Die Göttin des Sieges (Nike) macht Sportartikel attraktiver, der Gott des Lichts (Apollo) optische Geräte. Der Götterbote (Hermes) garantiert perfekte Logistik; daneben bürgt er für Kredite – wobei man seine Funktion als Gott der Diebe besser nicht assoziiert. In diesen Tagen, da die Olympischen Spielen nach Griechenland zurückgekehrt sind, grüßen die Götter von allen Plakatwänden. In vielen Medien wird die Entstehung der Spiele aus dem Zeuskult von Olympia reflektiert. Was macht die griechischen Gottheiten zu derart unverwüstlichen Symbolen? Warum sind sie seit Jahrtausenden unvergessen?

Ein Grund liegt in ihrer unauflöslichen Bindung an Literatur und Kunst. Bereits in den frühesten Epen Europas nimmt das Handeln der Götter breiten Raum ein. In Plastiken und Malerei ist es verewigt. Der griechische Tempel ist ein Meisterstück europäischer Architektur. Vor allem aber sind die Götter des Epos starke Figuren mit menschlichen Zügen. Frühe Darstellungen haben immer weitere hervorgebracht. Sie sind unsterblich und mächtig, aber nicht allmächtig. Wie die Menschen haben sie Vorlieben und Launen. Ihr Handeln bleibt für sie folgenlos, auf Erden aber entscheidet es über Leben und Tod.

In der Ilias scheint die Zeichnung der Götter nicht von religiöser Scheu bestimmt: Schonungslos werden dort auch Lügen und Blamagen, moralische und intellektuelle Fehlleistungen der Götter erzählt. Diese Götter täuschen und betrügen, fühlen sich nicht gebunden an Recht oder Moral. Die Menschen möchten den Krieg beenden und den Streit um Helena durch einen Zweikampf lösen. Zeus selbst aber sorgt für den Bruch des in seinem Namen beschworenen Eids: Auf den siegreichen Zweikämpfer wird geschossen. Der Krieg geht weiter. Troja ist verloren.

In der Odyssee gehen Menschen oft durch ihr eigenes Verschulden zugrunde – wie die Gefährten des Odysseus, die tolldreisten Freier. Sie belegen, was Zeus selbst eingangs betont: Nicht die Götter, sondern die Menschen selbst seien ihres Unglücks Schmied. Diese Götter sind respektabler. Doch dienen sie auch den Menschen zum Gelächter, wenn der irdische Sänger die Farce vom Ehebruch des Ares mit Aphrodite erzählt: Köstlich, wie der gehörnte Hephaistos die Liebenden in eindeutiger Stellung fesselt und dann zum Gespött werden lässt.

Die Definitionsmacht der Dichter über die Götter wurde schon früh kritisch reflektiert: „Alles haben Homer und Hesiod den Göttern zugeschrieben, was bei Menschen Schimpf und Schande bedeutet: stehlen, Ehebruch treiben und einander betrügen.“ Dies äußert der vorsokratische Denker Xenophanes (ca. 575–475 v. Chr.). Eine derart despektierliche Zeichnung der Götter, wie sie uns auch wieder in den Komödien des Aristophanes begegnet, wäre in heutigen Religionen schwer denkbar. Natürlich gibt es auch respektvollere Gottesentwürfe, beispielsweise bei Hesiod und Aischylos.

Großen Einfluss hatte das antike Griechenland auch auf die Religionsgeschichte: Die griechische Polis war eine Kultgemeinschaft im selben profanen Sinn, wie sie auch eine Wohn-, Wehr-, Wirtschafts- und Staatsgemeinschaft war: Kultvergehen (Asebie) war vor allem ein politisches Delikt (und hatte oft politische Hintergründe). Griechische Religion war nicht jenseitig, sondern diesseitig orientiert, und sie definierte sich nicht über Glaubenssätze, sondern über gemeinsame Teilnahme am Kult. Diese Lücken konnten Mysterienkulte und das Christentum später füllen.

Anders als in den Staaten des Nahen Orients legitimierte sich auch politisches Handeln in Griechenland nicht als Vollstreckung göttlichen Willens. Geglückte Politik war ein Erfolg der Menschen, den die Götter ihnen sogar neiden konnten (Polykrates). So konnte in Griechenland Politik als autonomer Raum menschlichen Handelns entdeckt werden: zunächst von Solon und Kleisthenes in der Praxis, später von Platon und Aristoteles in der Theorie. Die Ideen der Gleichheit und Freiheit, die sich in der frühesten Demokratie der Menschheit herausbilden konnten, machten Griechenland für spätere Denker zum Ideal.

Die griechische Götterwelt erlebte einen nicht enden wollenden Siegeszug in die europäische Kulturgeschichte: Vergil und Ovid, Dante und Goethe (Prometheus, Ganymed, Iphigenie) gestalten, wie zahllose andere Literaten, die griechische Mythologie neu und fort. Bedeutende Kunstwerke und ganze Gemäldegalerien wären ohne Kenntnisse der antiken Götterwelt unverständlich. Christliche Ikonografie spiegelt antike Vorbilder: „Isis mit dem Horusknaben“ lebt in der „Gottesmutter mit Kind“ fort; Pan und Satyrn inspirieren Darstellungen des Satans; der geflügelte Eros (Amor) ziert als Putte christliche Kirchen.

Götter, von denen man sich ein Bild machen kann – auch dies hat die griechische Antike so fruchtbar gemacht. Und verblüffend war die Erklärung, die wiederum Xenophanes dafür bot, dass dieses Bild menschliche Züge trug: „Doch wenn Ochsen oder Löwen Hände hätten oder malen könnten mit ihren Händen und Kunstwerke herstellen wie die Menschen, dann würden Pferde der Götter Gestalt pferdeähnlich, Ochsen sie ochsenähnlich malen und solche Körper bilden, wie sie selbst jeweils gestaltet sind“, schrieb der Philosoph.

Auch das Volk Israel hat sich Jahwe menschengestaltig vorgestellt, aber erklärt hat es sich dies mit Gottes Willen: „Gott schuf also den Menschen als sein Abbild“ (Genesis 1,27). Xenophanes zieht den entgegengesetzten Schluss: Die Menschen haben sich die Götter nach ihrem eigenen Bilde geformt. Diese philosophische Kritik am tradierten Gottesbild hat weit reichende Folgen.

Konsequenterweise formt Xenophanes ein abweichendes Gottesbild, das in sich bereits Züge eines Monotheismus und einer negativen Theologie enthält. Andere Philosophen, darunter Platon, schreiten auf dem Wege einer philosophischen Neukonstruktion Gottes fort. Der Stoiker Kleanthes (ca. 304–232) identifiziert Zeus mit der göttlichen Weltvernunft (lógos). Andere und weit komplexere Gottesvorstellungen schafft später der Neuplatonismus, der Philosophie selbst zu einer Art intellektueller Religion werden lässt. Neben den alten Göttern des Kults und den Göttern des Mythos entsteht ein dritter, philosophischer Gottestyp.

Im Jahre 392 n. Chr. verbietet der römische Kaiser Theodosius I. das heidnische Ritual. Damit sind die griechischen Kultgötter tot. Die Götter des Mythos und Gottesvorstellungen der Philosophen aber leben bis heute fort.

Norbert Blößner lehrt Klassische Philologie an der Freien Universität Berlin und an der Universität Regensburg.

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