Gesundheit : Den Tumor aushungern

Krebszellen brauchen Nahrung zum Wachsen – ein neuer Wirkstoff soll sie daran hindern

Adelheid Müller-Lissner

Im Februar dieses Jahres ist in Europa ein Mittel zugelassen worden, das als neuer Hoffnungsträger im Kampf gegen Darmkrebs gilt. Jährlich sterben allein in Deutschland 30000 Menschen an dieser Krebsform – eine Kleinstadt, wie die Deutsche Krebsgesellschaft kürzlich zu bedenken gab.

Bei dem neuen Mittel handelt es sich um einen Antikörper mit dem zungenbrecherischen Namen Bevacizumab (Markenname Avastin von der Pharmafirma Hoffmann-La Roche). Das Behandlungsprinzip geht auf den Krebsforscher Judah Folkman von der Harvard-Universität zurück.

Vor 30 Jahren hatte Folkman erstmals den Gedanken, man könne Tumoren vom Wachsen abhalten, indem man ihnen die Blutzufuhr abschneidet. Angiogenese-Hemmung heißt das Zauberwort, das Aussprossen neuer Blutgefäße verhindern, die die schnell wachsenden bösartigen Zellgebilde für ihre Versorgung dringend brauchen.

Bevacizumab ist ein gentechnisch erzeugtes Eiweißmolekül, das als Antikörper gegen den Wachstumsfaktor VEGF („vascular endothelial growth factor“) wirkt. Der Tumor sendet VEGF aus. Empfänger sind die Blutgefäße in der Nähe. Auf der Oberfläche ihrer Zellen sitzen Antennen, mit denen sie die Signale des Wachstumsfaktors registrieren. Dockt VEGF hier an, startet das Programm zur Neubildung von Blutgefäßen. Heftet sich stattdessen Bevacizumab an VEGF, wird der Signalstoff blockiert und das Programm zur Gefäßbildung gestoppt.

Der Antikörper ist bisher nur für die Behandlung von Darmkrebs zugelassen, der bereits Metastasen gebildet hat. In diesem Stadium werden die Patienten bisher mit verschiedenen zellgiftigen Chemotherapeutika behandelt – eine Therapie, die oft mit der Zeit nicht mehr wirkt. In der Studie, die zur Neuzulassung von Bevacizumab führte, zeigte sich, dass Patienten, die zusätzlich den Antikörper bekamen, deutlich länger lebten. Die Kombigruppe gewann fünf Monate Lebenszeit hinzu – 20 statt 15 Monate. Ein deutlicher, wenn auch bescheidener Zeitgewinn in einer Situation, in der Heilung von der Krankheit nicht mehr möglich war.

Etwa die Hälfte der Patienten, bei denen die Diagnose Darmkrebs gestellt wird, kann jedoch dauerhaft geheilt werden. Am Anfang der Behandlung steht für alle die Operation, bei der die Geschwulst selbst und umliegende Lymphknoten entfernt werden.

Ob der Eingriff allein schon Heilung gebracht hat, kann im Einzelfall keiner so genau wissen. Um sicherzugehen, dass nach der Entfernung des Tumors nicht winzige Metastasen den dauerhaften Erfolg der Behandlung gefährden, wird bestimmten Gruppen von Patienten routinemäßig eine Chemotherapie empfohlen, gewissermaßen eine Behandlung auf Verdacht, gerichtet gegen ein mögliches Rückfallrisiko.

Nun wird in einer Studie, die derzeit in Berlin anläuft, geprüft, ob der Hoffnungsträger Bevacizumab auch bei diesen Patienten wirkt – ob er also die Chancen auf dauerhafte Heilung erhöht. Patienten, deren Darmkrebs im fortgeschrittenen Stadium 3 operiert wurde, bekommen dafür eine Kombination aus Bevacizumab und der herkömmlichen Chemotherapie oder aber, zum Vergleich, nur die bewährten Mittel.

Während die Chemotherapie 24 Wochen dauert, soll der Antikörper ein ganzes Jahr lang gegeben werden. „Wir wollen prüfen, ob die Kombinationstherapie das Rückfallrisiko stärker senkt als die Chemotherapie allein“, sagt Studienleiter Albrecht Kretzschmar von der Robert-Rössle-Klinik der Charité im Helios-Klinikum Berlin-Buch.

Eine ähnliche Karriere hat gerade ein anderer Antikörper bei einer weiteren Krebserkrankung gemacht: Der Wirkstoff Trastuzumab, besser bekannt unter dem Handelsnamen Herceptin. Der Antikörper kam bisher nur für eine kleine Gruppe von Brustkrebs-Patientinnen, die bereits Metastasen hatten, mit einem speziellen Krankheitsprofil in Frage. Jetzt hat Trastuzumab auch seine Nützlichkeit als Medikament für jene Gruppe von Frauen bewiesen, deren Tumor den Eiweißstoff „Her-2“ in großer Menge produziert. Bei ihnen konnte das Risiko für einen Rückfall halbiert werden – eine Sensation, die man kürzlich auf der Jahrestagung der amerikanischen Krebsspezialisten in Orlando bejubelte.

Brustkrebs und Darmkrebs gehören zwar beide zu den häufigsten Krebserkrankungen, aber im Umgang der Ärzte und Patienten damit zeigen sich nach Kretzschmars Beobachtung heute deutliche Unterschiede – auch wenn der Darmkrebs sein „Schmuddelimage“ glücklicherweise inzwischen verloren hat. Dazu haben die zahlreichen, von Prominenten unterstützten Kampagnen zur Früherekennung beigetragen. Dabei wurde die Öffentlichkeit über mögliche Vorbeugung, etwa durch ballaststoffreiche Ernährung, informiert.

Die Unterschiede sieht der Krebsspezialist eher bei der Art der medikamentösen Therapie. Während man beim Brustkrebs zur Überbehandlung neige und vor einigen Jahren sogar große, später als voreilig erkannte Hoffnungen auf eine riskante, hoch dosierte Chemotherapie gehegt habe, sei man beim Darmkrebs deutlich zurückhaltender. Zu zurückhaltend in manchen Fällen: Nur drei Viertel aller operierten Patienten im fortgeschrittenen Stadium erhalten eine Chemotherapie, wie sie in den Leitlinien der Fachgesellschaften vorgesehen ist. „Patienten im noch nicht so fortgeschrittenen Stadium 2, deren Lymphknoten nicht befallen sind, sollen nach den bestehenden Leitlinien nicht behandelt werden. Inzwischen haben Studien gezeigt, dass auch hier eine Chemotherapie einen Überlebensvorteil bringt“, sagt Kretzschmar. „Man muss mit den Patienten zumindest über diese Möglichkeiten sprechen.“

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