Gesundheit : Den Vertrag als Azubi in der Tasche, das Diplom im Visier

Thomas Gehringer

"Wir werden uns die Butter nicht vom Brot nehmen lassen." Jürgen Lüthje gab sich kämpferisch gestimmt. Der Präsident der Universität Hamburg ist entschlossen, auf ein noch junges Terrain vorzudringen, das bisher fast ausschließlich von Fachhochschulen besetzt ist: den dualen Studiengängen. Ihre Studenten haben einen Ausbildungsvertrag mit einem Unternehmen in der Tasche, oft mit Übernahmegarantie nach dem Studium. Auf einer gemeinsamen Fachtagung der Hochschulrektorenkonferenz (HRK) und der Bundesvereinigung der Arbeitgeberverbände (BDA) in Bonn kündigte Lüthje den Fachhochschulen einen harten Konkurrenzkampf mit den großen Universitäten an.

Bislang haben sich die Unis geziert, denn ein duales Studium stellt höchste Anforderungen an die Professoren. Der theoretische Lehrstoff muss auf der Höhe der Zeit sein, denn die Studenten können ihn während ihrer Praktika in den Firmen bereits gezielt anwenden. Für Lüthje sind vor allem die Medien- und Kommunikationswissenschaften, aber auch die Informatik sowie die Wirtschafts- und Rechtswissenschaften für duale Studiengänge prädestiniert. 104 Studiengänge gibt es bundesweit vor allem in den Betriebs- und Ingenieurwissenschaften, davon knapp 90 an Fachhochschulen. In Berlin, Baden-Württemberg, Sachsen und Thüringen bieten auch die staatlichen Berufsakademien solche Studiengänge an. Jeden Herbst setzt ein regelrechter Sturm auf die raren Plätze ein, die Absolventen gehen weg wie warme Semmeln.

Nach Auffassung der Spitzen von HRK und BDA ist das erst der Anfang: "Weitere 100 Studiengänge in den nächsten Jahren" wünscht sich HRK-Vizepräsident Clemens Klockner. In einer "Bonner Erklärung" sprachen sich beide Verbände "nachdrücklich dafür aus, das bestehende Angebot an dualen Studiengängen weiter zu fördern und auszubauen." Wohlgemerkt: Auch an den Universitäten. Mit der Einführung der gestuften Studiengänge und Abschlüsse biete sich "die hervorragende Chance, Studium duale und Studium internationale zu kombinieren". Rund 12 000 junge Leute, so die Schätzungen der Experten, sind derzeit zugleich Auszubildende im Betrieb und Studierende an einer Hochschule, die Berufsakademien nicht eingerechnet. Das ist gewiss kein Zuckerschlecken; denn die in Bonn vorgestellten Modelle fordern den jungen Leuten ein enormes Arbeitspensum ab.

In Zukunft müssten verstärkt auch kleine und mittelständische Betriebe für duale Studienprojekte gewonnen werden. Allerdings sei es für viele dieser Betriebe schwer vorstellbar, an der Konzeption eines Studiengangs mitzuwirken. Und zudem werde die Personalpolitik häufig nicht vorausschauend auf mittlere Sicht, sondern nur auf aktuelle Bedürfnisse ausgerichtet. Die Debatte um die Green Card für Informatiker bietet das beste Bespiel.

Der Märkischen Fachhochschule Iserlohn ist das Kunststück gelungen, die mittelständische Wirtschaft vor der eigenen Haustür für einen dualen Studiengang im Fach Maschinenbau zu gewinnen. 50 Firmen stellen 80 Ausbildungsplätze zur Verfügung, ab Mitte des Jahres geht es mit einem auf zehn Semester angelegten Studium los, das stark auf Fernlehre baut und den Unterricht an der Berufsschule ersetzt. Zudem stellen die örtlichen Arbeitgeberverbände 1,25 Millionen Mark für fünf Jahre zur Verfügung.

Natürlich hoffen die Hochschulen angesichts mangelnder Spielräume der öffentlichen Haushalte auf tatkräftige Unterstützung der Unternehmen "auch beim Ausbau der Infrastruktur", wie Clemens Klockner betonte. Freilich bilden viele Firmen die fertigen Akademiker lieber in aufwendigen Traineeprogrammen weiter oder schicken ihren Nachwuchs gar auf Berufsakademien, die es in einigen Bundesländern gibt. Die geplante Multimedia-Akademie in Hamburg will jährlich etwa 40 Absolventen ausbilden, berichtete Jürgen Lüthje. "Wenn die Wirtschaft uns drei Millionen gibt, bilden wir 100 aus, und zwar so, wie es die Wirtschaft haben will."

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben