Gesundheit : Denken ohne Begriffe

Für Geometrie braucht man keine Sprache

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Hängt es von der Sprache ab, wie wir denken, was wir denken können? Der US-Linguist Edward Sapir und sein Schüler Benjamin Lee Whorf vertraten diese Hypothese. Demnach würde ein Eskimo beispielsweise viele verschiedene Schneesorten wahrnehmen, weil es in seiner Sprache viele verschiedene, differenzierende Begriffe für Schnee gibt. Oder ist das Denken zum Großteil unabhängig von Sprache – sind unsere Gedanken in ein wortloses „Mentalesisch“ gekleidet, wie zum Beispiel der US-Sprachforscher Steven Pinker vermutet?

In einer neuen Studie, veröffentlicht im Forschermagazin „Science“, gingen Wissenschaftler der Frage nach. Sie legten einer Gruppe von Jägern und Sammlern, die an einem Fluss namens Cururu am Amazonas leben, verschiedene geometrische Aufgaben vor. In einem Test gab es jeweils sechs Figuren, von denen eine nicht zu den fünf restlichen passte. Beispielsweise waren alle Linien gerade, während eine etwas gekrümmt war. Darüber hinaus zeigte man Rechtecke, Trapeze und viele andere geometrische Figuren. Obwohl die Sprache des Stammes nur wenige geometrische Begriffe enthält, lösten schon die Kinder die Aufgaben ziemlich gut: Mit zwei Dritteln der Figuren hatten sie keine Probleme – fast genauso wie amerikanische Kinder. Und das auch, obwohl dem Stamm so etwas wie ein Lineal oder Kompass fremd ist, auch formellen Unterricht gibt es dort nicht. Auch die Erwachsenen schnitten relativ gut ab, jedoch nicht besser als die Kinder – und schlechter als amerikanische Erwachsene. In einem zweiten Versuch sollten die Jäger-Sammler eine Karte (ähnlich wie eine Straßenkarte) benutzen, um einen Gegenstand zu finden. Hier waren die Resultate ähnlich wie beim ersten Test. „Basiswissen über Geometrie ist ein universeller Baustein der menschlichen Psyche“, schließen die Forscher Stanislas Dehaene und seine Kollegen im Fachblatt „Science“.

Der Disput um das Verhältnis von Sprache und Denken reicht zurück bis in die Antike. Schon der griechische Philosoph Plato hat einen ungebildeten Sklaven beschrieben, den Sokrates mit Fragen und in Sand gezeichneten Rechtecken auf seine intuitiven Geometrie-Kenntnisse hin prüfte. Aus den Antworten des Sklaven schloss Sokrates, dass dessen Seele schon immer über ein gewisses geometrisches Wissen verfügt haben musste.

Kaum ein Experte bestreitet die Bedeutung der Sprache für das Denken. Aber Denken scheint sich durchaus auch unabhängig von Sprache vollziehen zu können. So verfügt die rechte Hirnhälfte nur über rudimentäre Sprachfähigkeiten, dafür ist es gut in der Erkennung von geometrischen Figuren, Mustern, Gesichtern. Gerade mathematisches Denken spielt sich oft jenseits von Begriffen ab. „Worte oder Sprache spielen in meinem Denkmechanismus anscheinend überhaupt keine Rolle“, urteilte zum Beispiel Albert Einstein. Einstein dachte vielmehr in Bildern oder wie Pinker sagen würde: in Mentalesisch. bas

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