Gesundheit : Denken wie die Tiere

Dominik Perler interpretiert den Geist neu. Jetzt bekommt er den Leibniz-Preis.

Kerstin Decker

Dass Philosophen Millionäre werden, ist etwas, das nicht alle Tage geschieht. Nun ist es doch passiert. Gemeinhin neigen Erwachsene zu besorgten Blicken, wenn ihre Söhne oder Töchter ihnen mitteilen, dass sie Philosophie studieren wollen: Ja gut, mein Kind, aber wovon willst du leben? Dominik Perler aus Fribourg in der französischen Schweiz studierte in seiner Heimatstadt nicht nur Philosophie, sondern auch noch Russisch. Denn Griechisch, Latein, Deutsch, Französisch und Englisch konnte er schon. Aus ihm hätte ein Diogenes in Sibirien werden können. Aber Dominik Perlers Schweizer Eltern müssen sich schon lange keine Sorgen mehr machen um ihren Sohn. Er ist ein Glückskind der Philosophie. Gerade vierzig Jahre alt – das ist für einen Philosophen noch ziemlich jung – und schon seit acht Jahren Professor. Und jetzt auch noch das Millionen-Ding.

Dominik Perler, Professor für Theoretische Philosophie an der Humboldt-Universität, erhält (zusammen mit elf anderen deutschen Wissenschaftlern) den höchstdotierten deutschen Forschungspreis, den Leibniz-Preis. Und den bekommen Philosophen nur selten, obwohl Leibniz, der Denker der prästabilierten Harmonie, schließlich auch Philosoph war. 1,55 Millionen Euro für Perler.

Von seinem Fenster im dritten Stock der Humboldt-Universität kann Dominik Perler über das Gorki-Theater und das Zeughaus hinweg bis zum Berliner Dom sehen. Ein Überblick, wie ein Philosoph ihn haben sollte. Man erkennt durch die Züge des Vierzigjährigen noch fast das Jungengesicht Perlers und es trägt jetzt den Ausdruck des philosophischen Uraffekts schlechthin. Nach den alten Griechen ist der philosophische Uraffekt das Staunen. Doch Perler staunt ausnahmsweise nicht über die Welt, sondern über sich selbst. So ganz begreift er das alles immer noch nicht, und da nützt es ihm wenig, dass er sein Leben lang im Grunde nichts anderes als die Grundlagen des Begreifens studiert hat: Warum er?

Vor ihm hatte Mitte der achtziger Jahre Jürgen Habermas den Leibniz-Preis bekommen. Für seine „Theorie des kommunikativen Handelns“. Das war gewissermaßen der Entwurf von Leibniz’ prästabilierter Harmonie unter den Bedingungen der Moderne. Leibniz hatte bewiesen, dass wir in der besten aller möglichen Welten leben, und Habermas bewies das noch einmal für die Gegenwart.

Perlers berühmtester Vorgänger in Berlin, in diesem Haus und vielleicht sogar an dem Fenster, an dem Perler gerade steht, ist natürlich nicht Jürgen Habermas, sondern Georg Wilhelm Friedrich Hegel. Hegel hatte eine Art prästabilierter Harmonie des Geistes entworfen, er hatte den Geist auf der Wanderschaft von seinen elementarsten Anfängen (sinnliche Wahrnehmung) bis hin zum Denken Gottes (absoluter Geist) begleitet. Perler macht das noch mal, nur anders. „Phänomenologie des Geistes“ heißt Hegels berühmtestes Buch und seltsamerweise taucht das lang geschmähte Wort Geist (undenkbar noch im Munde Habermas’) bei Hegels spätem Nachfahr Perler wieder auf. Aber in einer merkwürdigen Verbindung. „Der Geist der Tiere. Philosophische Texte zu einer aktuellen Diskussion“ heißt der Band, den Perler dieses Jahr bei Suhrkamp herausgegeben hat. Wessen Geist bitte?, hätte Hegel zurückgefragt. Denn für Hegel war der Geist in der Natur, also auch bei den Tieren, lediglich der Geist „außer sich“. Erst im Menschen kommt er zu sich. Perler sieht das anders. Er ist der Meinung, dass wir vom „Denken“ der Tiere noch viel lernen können. Vor allem über uns.

Dominik Perler ist ein Kind der modernen angelsächsischen Philosophie, also vor allem der analytischen Philosophie. Er benutzt das Wort Geist nicht mehr in der aufgeladenen, weltgesättigten Bedeutung, die es in der deutschen Philosophie hatte, sondern als Übertragung des englischen „mind“. Dieser Geistbegriff umfasst das elementarste Erkennen und reicht hinauf „bis zu etwas ganz Exklusivem, dem mathematischen Denken“, sagt Perler. Er forschte an der Cornell University und an der University of California in Los Angeles, er war als Lecturer in Oxford. Mit dieser analytischen Allround-Ausstattung prüft er nicht nur das tierische Denken, sondern auch die alten Philosophen. Wie René Descartes, über den er sich habilitierte. Descartes, der Bekenner des „Cogito ergo sum“, fand die Tiere geistlos schlechthin, er erklärte sie zu Maschinen. Das erlaubte ihm, zum ersten Mal eine solide mechanistische Physiologie der Tiere zu entwerfen. Perler weiß diese Leistung Descartes zu schätzen, verbündet sich aber methodisch dennoch mit dem Descartes-Gegner Montaigne und dessen Annahme, dass wir, Tiere und Menschen, nur Erscheinungsformen ein und derselben Natur sind.

Das hat bei Montaigne einen starken ästhetischen Akzent und erkennt die Leidensgemeinschaft alles Kreatürlichen. Perler berührt nicht den tragischen Aspekt Montaignes. Wenn es in der Philosophie die Tragiker auf der einen und die Denksportler auf der anderen Seite geben sollte, gehört Perler zu Letzteren. Aber gerade die neigten bis heute dazu, die Ratio von ihren körperlichen Grundlagen abzukoppeln. Hier öffnet Perler neue Räume. Er ist ein philosophischer Übersetzer.

Philosophen räumen auf im Haushalt unseres Denkens. Sie denken, was für Nicht-Philosophen manchmal etwas deprimierend ist, im Grunde immer wieder dasselbe, und zwar das Elementarste. Sie sind in gewissem Sinne die Putzfrauen im Reich der Wissenschaft, aber solche mit dem heimlichen Bewusstsein einer Königin. Sie neigen zu einem Gestus scheinbarer Naivität. Auch Perler ist fähig zu Sätzen wie: „Es fällt uns ziemlich leicht, Menschen von Pflanzen zu unterscheiden. Doch wie steht es mit den Tieren?“ Aber niemand sollte sich davon täuschen lassen.

Natürlich darf Perler die 1,55 Millionen Euro nicht für sich selbst ausgeben, sondern er soll das tun, was ganz normale Millionäre auch tun: Er muss sie in sein Unternehmen investieren. Schon in der DDR gab es an der Humboldt-Universität das Projekt „Bio-psycho-soziale Einheit Mensch“. Dieser interdisziplinäre Ansatz wird im Augenblick neu entdeckt. Lebenswissenschaft, nennt Perler das, und ein solches Forschungsprojekt will er aufbauen. Es soll den Zusammenhang von Geist, Leben und Körper erkunden.

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