Gesundheit : Denn sie wissen nicht, warum sie brüllen

Immer öfter heißt es: Jungen werden in der Schule benachteiligt. Stimmt das? Und wenn ja: Wie lässt es sich ändern?

Ulf Preuss-Lausitz

Lange glaubte die Öffentlichkeit, Mädchen würden in der Schule von den Jungen und den „LehrerInnen“ unterdrückt, ihr Selbstbewusstsein beschädigt, sie zu einem konservativen Frauenbild und gesellschaftlich wenig einflussreichen Berufen gedrängt. An vielen Orten wurden, um dem abzuhelfen, Selbstverteidigungsgruppen für Mädchen eingerichtet, der Sportunterricht, Physik und Computer-AGs wurden geschlechtergetrennt erprobt, und die Lehrkräfte wurden aufgefordert, Mädchen im Unterricht stärker zu beachten. Man müsse, kurz gesagt, nicht alle Kinder, sondern „Mädchen stärken“, wie ein Buchtitel forderte.

Im Märchen ruft, als der Kaiser vorbeizieht, ein Kind laut: Aber er hat doch gar nichts an! Und alle sehen den Kaiser nackt, den sie zuvor als schön geschmückt bejubelt hatten. Ähnlich verhält es sich hier. Nun rufen alle: Aber die Mädchen sind doch die Erfolgreichen in der Schule! Dagegen die Jungen, sie sind die Benachteiligten!

Liegt’s am Testosteron?

Stimmt das? Die Fakten sprechen dafür: Schon bei Schulbeginn werden Jungen häufiger zurückgestellt, kommen also öfter überaltert in die Schule – ohne dass sie danach bessere Leistungen zeigen. Jungen bleiben viel häufiger sitzen, etwa im Verhältnis von 60 zu 40. Jungen werden dramatisch häufiger in Sonderschulen abgeschoben, und zwar in den letzen zehn Jahren zunehmend. Jungen erhalten, wie in Hamburg festgestellt wurde, beim Übergang zur Oberschule bei gleicher Leistung eine geringere Oberschulempfehlung. Jungen, berichtet mir eine Beratungslehrerin aus Schleswig-Holstein, gehen häufiger vorzeitig vom Gymnasium ab. So verwundert es auch nicht, dass Jungen inzwischen bundesweit sieben Prozent seltener das Abitur ablegen und im Schnitt 14 Prozent häufiger gar keinen Abschluss erhalten. In den neuen Bundesländern sind diese Unterschiede besonders krass ausgeprägt.

Wer nach den Gründen fragt, hätte vor 100 Jahren gesagt: Das liegt am „physiologischen Schwachsinn des Mannes“. Auch heute noch neigen manche zu biologischen Erklärungen: Das Testosteron sei schuld. Aber wären dann, im Umkehrschluss, erfolgreiche Jungen nicht männlich genug? Was für ein Unsinn!

Ist also, wieder einmal, „die Schule“ schuld? In einer Untersuchung von Heike Diefenbach und Michael Klein wurde der Anteil von weiblichen Lehrern mit dem Schulerfolg von Jungen in Beziehung gesetzt. Und siehe da: Je geringer der Anteil männlicher Grundschullehrer in den Bundesländern ist, desto schlechter schneiden Jungen bei den Sekundarabschlüssen ab. Insofern ist die jüngste Forderung einzelner Kultusminister verständlich, der Männeranteil der Lehrer müsse in der Grundschule erhöht werden.

Aber nun auf den den früheren Aufschrei von Feministinnen hin: „Die Schule ist männlich“ nun umgekehrt die Lehrerinnen zu beschimpfen, wäre ebenso unfair. Überwiegend Frauen waren es, die sich seit 30 Jahren erfolgreich um die innere Reform der Grundschule kümmerten, um Binnendifferenzierung, aktives Lernen, Partnerarbeit, individuelle Förderung. Ohne sie wären die Leistungs- wie die sozialen Erfolge, die durch die Iglu-Studie belegt werden, kaum erreichbar gewesen.

Aber manche Lehrerinnen neigen offenbar auch dazu, unduldsam zu sein gegenüber Verhaltensweisen mancher Jungen, die dann zu gestörter Kommunikation, zu Motivationsverlust, Aggression, Sitzenbleiben und zur Sonderschulüberweisung führen: Wer nicht „schön“ schreibt, und das sind häufiger Jungen, wird auch in der fachlichen Leistung strenger beurteilt. Wer „frech“ ist oder einfach unruhiger, und das sind eher Jungen, hat schlechte Karten bei der Bewertung. Das wirkt sich auch auf die übrigen Schüler aus: Es gibt viel mehr unbeliebte Jungen in den Schulklassen. Das „schwarze Schaf“ ist männlich.

Zugespitzt könnten wir sagen, dass die Schulnormen in der Grundschule es gerade für jene Kinder – überwiegend Jungen – schwer machen, in der Schule erfolgreich zu sein, die zu Hause nicht lernen konnten, wie man in einer „modernen“ – und das heißt von Frauen im Unterricht geprägten – Schule Erfolg hat: Anstrengungsbereitschaft zu zeigen, nett und kommunikativ zu sein, aber auch ruhig und angepasst, wenn es erforderlich ist, nicht aufzutrumpfen, sondern seine Wünsche höflich einzubringen, kurzum: ein pflegeleichter Schüler zu sein. Oder anders: Der in der heutigen Moderne nötige Sozialcharakter, den alle Kinder schon frühzeitig lernen müssen, also selbstständig zu sein, planungsfähig, leistungsfähig, sprachgewandt, einfühlsam die Wünsche anderer erkennend, um sie mit den eigenen Interessen in eine Balance zu bringen, körperlich fit (und nicht gewalttätig ausagierend) zu sein – all dies und mehr gelingt jenen Jungen kaum, die in ihrer Familie, im Kindergarten und in der Schule kaum mit modernen Männervorbildern Erfahrungen sammeln konnten. Kein Wunder, dass sie gelegentlich überlaut werden, um sich überhaupt selbst zu spüren.

Was ist zu tun? Wir brauchen eine mentale, eine curriculare und eine strukturelle Neuentscheidung im Umgang mit Kindern in der Schule. Wir müssen nun nicht „Jungen stärken" statt Mädchen, sondern alle Kinder, die Unterstützung brauchen. Die erste Schlussfolgerung ist für mich daher: Kein Kind lässt man sitzen. Das wäre eine jungenförderliche Maßnahme. Aus meiner langjährigen Erfahrung in der Integrationspädagogik weiß ich, dass alle Schüler im Sozialverhalten und in den Leistungen von dieser Leistungsmischung profitieren. (PISA bestätigt dies ebenfalls.) Das geht aber nur, wenn die Lehrkräfte eine mentale Revolution vollziehen und sagen: Jedes noch so schwierige Kind ist und bleibt ein Kind unserer Gemeinschaft. Wie wütend immer ich auf dich bin, du gehörst zu uns. Deswegen müssen wir lernen, miteinander gemeinsam voranzukommen. Du schreibst schlecht? Dann müssen wir eben einen gemeinsamen Plan ausdenken. Du wirst schnell wütend und brüllst in den Raum? Eigentlich willst du doch von allen geliebt werden, aber die fühlen sich gestört, und ich auch. Lass uns rauskriegen, warum du es machst!

Die curriculare Reform, im Lese- und Sprachunterricht, aber auch in anderen Fächern der Primar- und Sekundarstufe sollte stärker Expressivität belohnen und in schulische Formen überführen: Theatergruppen, Musikmachen, Toberäume, Werkstattarbeit, Sport-AGs über den Unterricht hinaus, Bewegungsübungen innerhalb des Unterrichts und Ähnliches: Das kommt den ausagierenden Jungen ebenso entgegen wie den schüchternen (und schadet Mädchen nichts). Jede Fachkonferenz könnte hier kreativ werden.

Und drittens: Ja, es ist richtig, wieder mehr Männer für die Schule zu gewinnen. Wenn es so schnell nicht geht, dann helfen auch „Dritte“ aus dem Sport-, Kunst- und Theaterbereich, die in der nachmittäglich offenen Schule über Honorarmittel mitwirken und vielleicht auch als Berater fungieren könnten. Vielleicht wären auch Väter aktivierbar. Entscheidend aber ist, dass Lehrerinnen in wilden, aufbrausenden, verbal beleidigenden Jungen nicht „potenzielle Vergewaltiger“ sehen, sondern Kinder, die Anerkennung und Zuwendung nicht ausreichend erhielten und dieses Grundbedürfnis nun in der Schule, meist falsch, ausdrücken.

Erstmal Fußball spielen

Es genügt aber nicht, für diese Jungen „Verständnis“ zu zeigen. Sie brauchen Hilfe. Wir müssen uns um sie kümmern, damit sie lernen, mit ihren Verletzungen zu leben, vielleicht sogar sie zu bewältigen. Nicht zuletzt deshalb sollte in jeder Schule ein therapeutisch qualifizierter Ombudsman – nun wirklich ein Mann – sein, der für Jungen und für Lehrkräfte ansprechbar ist. Vielleicht spielt er erstmal mit den Schwierigsten Fußball, um danach ins Gespräch zu kommen.

Mein Vorschlag ist also struktureller, curricularer wie mentaler Art. Jungen wie Mädchen brauchen auch am Ort Schule Unterstützungsformen, die ihnen soziale und kognitive Leistungen ermöglichen, die sie glücklich(er) machen und beliebt. Das hat nichts mit „Kuschelpädagogik“ zu tun, sondern ist ein Beitrag zur Verringerung von Schulversagen, ein Beitrag zur Gewaltprävention und zur Gewinnung einer zukunftsfähigen Männlichkeit.

Der Autor ist Professor für Erziehungswissenschaft an der Technischen Universität Berlin.

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