Gesundheit : Depression: Schrittmacher aus dem Schattenreich

Adelheid Müller-Lissner

"Wie ekel, schal und flach und unersprießlich scheint mir das ganze Treiben dieser Welt!" Spätestens wenn ein Patient so etwas sagt, müsste sein Hausarzt aufschrecken: Der Dänenprinz Hamlet spricht wie ein Mensch, der von einer schweren Depression befallen ist. Sie beeinträchtigt den ganzen Menschen, Körper, Geist und Seele: Alles erscheint in einem trüben Licht. Auch was früher Freude machte, kann die Niedergeschlagenheit nicht mehr verscheuchen. "Wenn es eine Hölle auf Erden gibt, dann findet man sie im Herzen eines melancholischen Menschen", schrieb Robert Burton 1621 in seiner "Anatomy of Melancholy".

Was sich seitdem allerdings entscheidend verändert hat, sind die Möglichkeiten, Niedergeschlagenheit und Seelentief zu behandeln. Da sind einerseits die Psychotherapien, andererseits Medikamente und andere Methoden, mit denen jene biochemischen und elektrischen Übertragungsmuster im Gehirn beeinflusst werden können, die die materielle Grundlage für Denken und Fühlen bilden. Beim 7. Weltkongress für Biologische Psychiatrie, der noch bis heute in Berlin stattfindet, standen naturgemäß die biologischen Therapien im Mittelpunkt.

Etwa fünf Prozent der Bevölkerung leben mit einer behandlungsbedürftigen Depression. Auch bipolare Störungen, bei denen Phasen manischer Hochgestimmtheit im Wechsel mit extremer Niedergeschlagenheit auftreten, gehören dazu. "Bei der Hälfte von ihnen allen wird das erkannt, wiederum die Hälfte von diesen wird richtig behandelt", so rechnete Kongresspräsident Hans-Jürgen Möller vor. Der Psychiater von der Münchner Uniklinik betonte, dass heute Medikamente eine zentrale Rolle spielen.

Antidepressiva wirken, indem sie das System der Botenstoffe Serotonin und Noradrenalin beeinflussen. Diese Neurotransmitter übertragen elektrische Impulse im Gehirn. Die MAO-Hemmer blockieren das Enzym Monoaminoxidase, das für den Abbau der Botenstoffe zuständig ist. Selektive Serotonin-Rückaufnahme-Hemmer sorgen dafür, dass dieser Neurotransmitter den Signalaustausch der Nervenzellen länger in Schwung hält.

Von einer Entdeckung, aus der in einigen Jahren ein Medikament mit einem ganz anderen Wirkprinzip hervorgehen könnte, berichtete auf dem Kongress Florian Holsboer, Direktor des ebenfalls ins München ansässigen Max-Planck-Instituts für Psychiatrie. Schon länger weiß man, dass bei Depressionen typischerweise die Werte für das Stresshormon Cortisol erhöht sind. Die erhöhte Ausschüttung von Cortisol wurde allerdings als Folge oder Begleiterscheinung der depressiven Verstimmung gedeutet: Als versetze die gedrückte Stimmung den Körper in eine Art Alarmzustand. Dazu passte allerdings nicht, dass eine Erhöhung der Stresshormone schon zu messen ist, bevor ein Patient Symptome einer Depression zeigt.

Vermehrte Stresshormone

Die Wissenschaftler konnten nun zeigen, dass bei den Opfern der Depression ein wichtiger Rückkoppelungsmechanismus gestört ist, der normalerweise die Cortisol-Produktion in Grenzen hält: Er sorgt dafür, dass weniger Corticotropin freisetzendes Hormon (CRH) ausgeschüttet wird, wenn schon viel Cortisol im Blut kursiert. Ist der erhöhte Stresshormon-Spiegel Ursache und nicht Folge der Depression, dann muss man Wege finden, das CRH zu blockieren. In Laborversuchen und Tierexperimenten ist es gelungen, Zielmoleküle im Gehirn zu finden, die blockiert werden müssen, damit CRH dort nicht andocken kann. Und man erforscht Substanzen, die das gestörte System der Stresshormone durch eine solche Blockade unterbrechen können.

Schon einen Schritt weiter ist man mit einer Behandlungsform, die für einige Patienten in Zukunft die Medikamente ersetzen könnte, der transkraniellen Magnetstimulation (TMS). Dafür wird eine Spule auf dem Kopf des Patienten befestigt. Sie erzeugt rasch pulsierende Magnetfelder, die für die elektrische Stimulierung von Nervenzellen im linken Vorderhirn sorgen. Schon länger weiß man, dass bei Depressionen dort verminderte Aktivität herrscht. Dass in Studien bis zu 40 Prozent derjenigen Patienten auf die elektrische Stimulation ansprachen, bei denen zuvor Medikamente nicht gewirkt hatten, ist trotzdem spektakulär.

Während der 20- bis 30-minütigen Sitzungen werden 500 bis 2000 Impulse abgegeben. "Die optimalen Bedingungen müssen wir aber noch herausfinden", sagte Frank Padberg, der an der Münchner Uniklinik die TMS-Arbeitsgruppe leitet. Möller und Padberg sprachen sich deshalb dafür aus, die Anwendung zunächst auf wissenschaftliche Studien zu beschränken. "Wir wollen verhindern, dass es schon heute unkontrolliert von allen angewandt wird", so Möller.

Über ein anderes Gerät, das Patienten helfen könnte, bei denen Medikamente allein der Depression nicht Herr werden, berichtete John Rush von der Universität von Texas in Dallas. Dort wurden 60 Patienten, die während der letzten Jahre mehrere Episoden einer schweren Depression durchlitten hatten, Geräte von der Größe einer Taschenuhr in den Brustkorb eingepflanzt und mit dem linken Vagusnerv verdrahtet. Dieser Nerv läuft den Hals in der Nähe der Schlagader hinab. Er verbindet den Hirnstamm mit Herz, Lunge und Verdauungstrakt.

Die leichten Stromstöße, die der "Schrittmacher" alle fünf Minuten für etwa 30 Sekunden aussendet, landen über den Vagusnerv im limbischen System des Gehirns, das Einfluss auf Stimmung, Schlaf, Appetit, Aufmerksamkeit und Konzentration nimmt. Bei jedem Studienteilnehmer hatten sich die Symptome nach zehn Wochen deutlich gebessert oder waren ganz verschwunden.

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