Gesundheit : Depressionen: Die Vögel der Melancholie verscheuchen

Rosemarie Stein

Am Boden eine weibliche Gestalt in dunkelgrauem Kleid, zuerst reglos, einen großen Stein auf der Brust, selbst wie versteinert. Ein Mann mit einer Maske wie aus den Scherben eines zerbrochenen Spiegels steht und rezitiert Sätze, getränkt mit Trauer. Gläserne Klänge schmerzen. Filmsequenzen verstärken die Stimmung tiefer Melancholie, die sich dem Auditorium mitteilt. Die Frau am Boden wirft sich jetzt hin und her, wie wehrlos von Schmerz und Verzweiflung geschüttelt. Am Schluss erhebt sie sich langsam, legt den Stein beiseite, streckt sich, versucht ein paar Schritte. Auf der Leinwand sieht man, wie ein bewegungslos liegender Körper massiert wird, langsam und gründlich, kein Finger wird ausgelassen. Soll da ein fast Erfrorener erwärmt und ins Leben zurückgeholt werden?

Diese Performance, getanzt von Claudia Berg, war der unkonventionelle Schluss eines wissenschaftlichen Symposions, auf dem einen ganzen Tag lang Sätze gefallen waren wie: "Die Depression gehört nach einer Studie der Weltgesundheitsorganisation zu den zehn wichtigsten Volkskrankheiten." - "Kaum ein Leiden beeinträchtigt so zentral die Lebensqualität." - "Depressionen gefährden auch das Leben selbst. Von den 11 000 Suiziden, die in Deutschland jährlich erfasst werden, haben schätzungsweise 90 bis 99 Prozent eine depressive Grundlage." - "In der Hälfte der Fälle wird die Krankheit gar nicht erkannt, und wenn sie erkannt ist, wird sie oft trotzdem nicht behandelt." - "Bei der Mehrzahl der behandelten Patienten werden die Therapiemöglichkeiten nicht optimal genutzt."

Das hört man und vergisst es. Die zu Boden gestreckte Gestalt, eindrucksvoll dargestellt von einer Tänzerin, vergisst man nicht. Deshalb bedankte sich der Psychopharmakologe Bruno Müller-Oerlinghausen am Ende des ihm zu Ehren organisierten Abschieds-Symposions mit dieser Performance. Die Absicht gelang, Außenstehenden nicht nur über den Kopf, sondern über alle Sinne zu vermitteln, was eine schwere Depression für die Betroffenen bedeutet. Emotionales vertieft rationales Lernen. So glaubte man den Lobreden aufs Wort, als sie die Qualität des frisch Emeritierten als akademischer Lehrer hervorhoben.

Die Welt der Wissenschaft kennt ihn vor allem als Forscher, die Ärzteschaft als Vorsitzenden ihrer Arzneimittelkommission, der er auch im Ruhestand bleibt. Nachdem Müller-Oerlinghausen 1974 auf den ersten deutschen Lehrstuhl für Klinische Pharmakologie berufen wurde, begründete er an der Psychiatrischen Klinik der FU Berlin eine der ältesten und bedeutendsten Forschergruppen Deutschlands, die sich mit der Arzneitherapie psychischer Störungen befassen.

Den häufigsten unter ihnen, den Depressionen, gilt dabei besonderes Interesse - ein Thema, das Kollegen, Freunde und Schüler des Abschiednehmenden jetzt von allen Seiten beleuchteten. Lange Zeit betrachtete die psychiatrische Forschung seelische Krankheiten als direkte Folge spezifischer neurochemischer und neurostruktureller Defekte, sagte der kanadische Psychiater Paul Grof von der Universität Ottawa. Seine eigenen und zahlreiche andere neue Forschungsergebnisse stellen diese Annahme in Frage. Auch der Pharmakologe Walter E. Müller (Universität Frankfurt/Main) bezweifelte die alte Hypothese, die Depression sei eine ganz spezifische Störung der zentralen Neurotransmission. Irgend etwas muss sie aber mit einer Fehlregulation im Gehirn zu tun haben, denn sämtliche Antidepressiva wurden mit dem Ziel einer Hemmung von Noradrenalin oder Serotonin oder gar beider Neurotransmitter entwickelt.

Die vielfältigen Nebenwirkungen der älteren Mittel erklärte Müller mit ihrer Bindung an zahlreiche Rezeptoren. Diese Störwirkungen wurden bei den neueren Antidepressiva verringert, aber Nebenwirkungen haben sie trotzdem - schon weil die beiden Neurotransmittersysteme sich überlappen und weil sie vielerlei Funktionen haben, wie Müller ausführte. Mittel gegen Depressionen müssen für den individuellen Patienten und seine Krankheitsphase passend ausgewählt, dosiert und kombiniert werden.

Sie wirken im Prinzip alle gleich, wie der Heidelberger Hochschul-Pharmakologe Ulrich Schwabe bemerkte. Also sollten die Nebenwirkungen die Wahl bestimmen. Auch Johanniskrautpräparate haben Nebenwirkungen, betonte er. Aber ob ihre Wirksamkeit die eines Scheinpräparates (Placebo) übertrifft, ist nach neuesten Studien fraglich.

Ein altes Mittel, das von den FU-Psychiatern seit langem erforscht wird, ist Lithium. Zu Müller-Oerlinghausens Bedauern wird es nur noch wenig verordnet, weil die Nebenwirkungen übertrieben dargestellt werden und weil es so billig ist, dass die Pharmaindustrie nicht mehr dafür wirbt. Es ist aber das einzige Medikament, dessen selbstmordverhütende Wirkung gesichert ist, wie der Psychiater Werner Felber von der TU Dresden mitteilte. Verschiedene Studien zeigten, dass es die Suizidalität Depressiver auf ein Drittel bis ein Sechstel reduziert. Gerade bei Suizidgefährdeten darf man sich natürlich nicht allein auf Medikamente verlassen. Lebensrettend ist auch eine enge Beziehung - und sei es die Ersatz-Beziehung zum Arzt - mit ständigen Kontakten.

Ohnehin behandelt kein guter Arzt Depressive nur mit Arzneimitteln. Deren Effekt wird stark von psychischen Faktoren beeinflusst, vor allem der Arzt-Patient-Beziehung, sagte der Psychiater Burkhard Pflug (Universität Frankfurt/Main). Das gilt auch für andere Verfahren wie Schlafentzug oder Lichttherapie und natürlich für alle Formen der Psychotherapie, vom therapeutischen Gespräch über das Verhaltenstraining bis zur kognitiven Therapie. Neu ist die aus Amerika kommende Behandlung Depressiver mit Ganzkörpermassage, die an der Psychiatrischen FU-Klinik gerade in einem Forschungsprojekt erprobt wird.

Wie Müller-Oerlinghausen bemerkte, kann Berührung als nonverbale Zuwendung die Arzneitherapie ergänzen, manchmal auch ersetzen. Das Wort "Berührung" verstand der Psychiater Hinderk Emrich von der Medizinischen Hochschule Hannover im erweiterten Sinne: als Begegnung und als Inbegriff der Wirklichkeitserfahrung. Sie holt den Depressiven aus seiner virtuellen Welt zurück in die reale Gegenwart.

Auch mit Musiktherapie kann man ihn "berühren", was schon König Saul bei Davids Harfenspiel erfuhr, wenn "der böse Geist Gottes" ihn niedergedrückt hatte. Die Depression hat in unserer immer virtueller werdenden Welt zwar zugenommen, ist aber eine uralte Krankheit, wie der Berliner Theologe Wilhelm Hüffmeier an vielen Bibelzitaten zeigte. Er wies darauf hin, wie realistisch die Bibel mit Depression und Suizidalität umgeht. Sie werden nicht moralisch verurteilt, sondern, wie vor allem die Klage-Psalmen zeigen, rituell verarbeitet. Hüffmeier schloss mit einem auswendig zitierten Lutherwort: "Wir können nicht verhindern, dass die Vögel der Melancholie unsere Köpfe umschwirren. Aber wir können verhindern, dass sie dort ihre Nester bauen."

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