Gesundheit : Depressiv erfolgreich

Der Schriftsteller Karl Philipp Moritz in Berlin

Anatol Schneider

Der erste psychologische Roman der deutschen Literatur zeigt einen trostlosen Helden. Aufgewachsen in einer Atmosphäre ärmlicher Kleinbürgerei, neurotischer Frömmigkeit und heuchlerischer Doppelmoral taumelt Anton Reiser von einer Depression zur nächsten, Aufschub bieten höchstens Phasen des Selbstzweifels. Anton Reiser, so der gleichnamige Titel des Romans, gilt als ein getreues Abbild der Herkunft und Seelenlage seines Autors, des schriftstellernden Psychologen, Kunst- und Altertumswissenschaftlers Karl Philipp Moritz. Wie getreu, das wird der erste Band der auf dreizehn Bände angelegten kritischen Gesamtausgabe der Schriften von Moritz, die gegen 2006 abgeschlossen sein soll, zeigen.

Mitte der Neunzigerjahre begonnen, wird das Projekt ein löbliches Beispiel einer zügigen Edition darstellen. Der erste Band bringt zahlreiche neu erschlossene Quellen zum Roman „Anton Reiser“. Karl Philipp Moritz hat sich in seiner Kritik an der religiösen Schwärmerei seiner Zeit noch genauer an die historische Wirklichkeit gehalten, als man das bislang angenommen hatte, sagt Christof Wingertszahn, Leiter der Arbeitsstelle zur Herausgabe der Schriften von Karl Philipp Moritz. Grund, den Autor Moritz und seinen Helden Reiser angesichts ihrer Herkunftsgeschichte zu bedauern, wird also auch nach dem Erscheinen dieses Bandes mehr als genug bleiben. Allerdings sollte die sozialpsychologische Betroffenheit posthum auch nicht übertrieben werden.

Wer nämlich die Berliner Jahre des 1756 in Hameln geborenen Schriftstellers Moritz betrachtet, kann ein anderes Bild zeichnen. Die von der Arbeitsgemeinschaft „Berliner Klassik“, den Moritz-Herausgebern und der Berlin-Brandenburgischen Akademie veranstaltete Tagung über „Karl Philipp Moritz in der Berlin“ hat dies nun getan. Heraus kam ein Moritz, der durchaus nicht nur als bedauernswerte Figur zu sehen ist, wie es der autobiografische Roman „Anton Reiser“ vermuten lassen könnte.

Für einen Geisteswissenschaftler und Schriftsteller machte Moritz eine auch zu seiner Zeit ansehnliche Karriere. Schon vor seinem Aufenthalt in Italien war er Gymnasiallehrer in Berlin. Nach seiner Rückkehr im Jahr 1789 wird er Professor für Altertumskunde an der Akademie der Künste in Berlin und zwei Jahre später Mitglied der preußischen Akademie der Wissenschaften. Ein von Abstiegsängsten und Minderwertigkeitsgefühlen geplagter Depressiver? Keineswegs. Conrad Wiedemann (Berlin) sprach sogar von einer „Erfolgsgeschichte“. Zumindest zu deren literarischer Seite habe dabei wohl auch ein nicht unwichtiges religiöses „Erwählungsbewusstsein“ beigetragen.

Einer der Orte, an dem Moritz nach seiner Rückkehr aus Italien sein gesellschaftliches Leben in Berlin voranbrachte, waren die Zirkel der Freimaurer. Schon vor dem Aufbruch nach dem Süden 1786 aktives Mitglied, konnte auch Goethes ironische Bemerkung über die Freimaurerei zu dem in Italien weilenden Moritz – „Daran glauben sie noch?“ – nichts an dessen Mitgliedschaft ändern. Wieder in Berlin blieb er Club-Mitglied, was trotz der stilisierten freimaurerischen Geheimniskrämerei offen zu Tage liegende Gründe hatte: Moritz traf in der Berliner „Loge zur Beständigkeit“ nicht auf eine illustre Gesellschaft von Aufklärern und Schöngeistern, er verkehrte dort mit dem Militär und mit dem aufstrebenden kaufmännischen Bürgertum der Stadt. „Moritz ist“, wie Jürgen Jahnke (Freiburg) resümierte, „über die Freimaurerloge in die Berliner Gesellschaft integriert worden. Und er hat diese Beziehungen sehr intensiv ausgelebt.“

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