Gesundheit : Der 52. Geografentag beschäftigt sich mit den unbekannteren Folgen der weltweiten Vernetzung

Dierk Jensen

"Wenn Afrika im Meer versänke, würde die Frankfurter Börse davon nichts merken." Hans H. Blotevogel, Präsident der Deutschen Gesellschaft für Geografie, nahm im vollbesetzten Audimax der Universität Hamburg die Globalisierung aufs Korn, die unter dem Diktat der Ökonomie und des Marktes voranschreitet. Verkehrs- und Kommunikationssysteme haben dabei "entgrenzende" Wirkungen. Diese Enträumlichung menschlichen Handelns und Denkens sei nun aber nicht, wie böse Zungen behaupten, das Ende der Geografie, sondern eine Herausforderung.

In der Tat hat gerade die Geografie, als Mittlerin von Geistes- und Naturwissenschaften, eine Schlüsselfunktion: Wie keine andere Wissenschaft erbringt sie Erkenntnisse über die Folgen der wachsenden weltumspannenden Interaktionen, über die dynamischen Wechselbeziehungen von Natur und Mensch vor Ort. Nicht von ungefähr wählten die Veranstalter des 52. Deutschen Geografentags in dieser Woche daher das Motto "Lokal verankert, global vernetzt".

Welche gigantischen Auswirkungen die Globalisierung auf die Natur- und Kulturräume hat, ist etwa auf den Meeren und in den Küstenregionen zu erkennen. "Gut, dass die meisten Häfen immer noch einen hohen Verschmutzungsgrad aufweisen, ansonsten gäbe es schon heute riesige Arten-Invasionen", sagte der Kieler Geograf Harald Rosenthal, der die Änderungen des Artenspektrums durch die internationale Schifffahrt studiert.

Das Einschiffen von Arten aus anderen Kontinenten und folglich anderen Ökosystemen hat inzwischen gigantische Dimensionen angenommen: Täglich werden 4500 Arten als illegale Passagiere zwischen den Kontinenten hin und her geschippert. Und zwar im Ballastwasser, das manchmal bis zur Hälfte des Frachtgewichtes ausmacht.

Nach Rosenthals Berechnungen werden jährlich 12 Milliarden Tonnen Ballastwasser über die Ozeane befördert. "Kein Mensch aus der Schifffahrtsbranche hat dieses Problem je wahrgenommen. Weshalb gibt es dazu keinerlei rechtliche Bestimmungen, obwohl Ballastwasser nicht anders als Abwasser zu behandeln wäre?"

Anhand von ingeschleppten Borstenwürmern oder Wasserflöhen demonstrierte der Kieler die gravierenden Folgen einer schnellen Ausbreitung von Organismen in fremden Ökosystemen. So ist beispielsweise der Bestand der Wollhandkrabbe in der Elbe in diesem Jahr exorbitant gewachsen: Bei Magdeburg trat diese Krebsart so massiv auf, dass Tausende dieser Krustentiere lebendige Brücken bildeten, um natürliche Hindernisse zu überwinden.

Unter den enormen Schäden, die durch das sorglose Einschleppen fremder Organismen anfallen, litten vor allem Fischerei, aber auch der Tourismus. Dabei verschlimmern schärfere Umweltauflagen den Trend auf kuriose Weise. Die von Greenpeace eingeforderten Doppelhüllen-Tanker sind für das Überleben von Kleinstlebewesen nach Rosenthals Ansicht geradezu ideal, weil diese darin wie in einer Thermoskanne aufbewahrt werden.

Ein weiteres Thema auf dem Geografentag waren neue, höhere Deiche, mit denen die Menschen in tiefliegenden Küstengebieten vor dem weltweiten Anstieg des Meeresspiegels geschützt werden sollen. Doch auch hier gibt es offensichtlich einen Zielkonflikt, den die Geografie aufdeckt. Denn durch Begradigungen, Eindeichungen und Flussvertiefungen verändern sich Fließgeschwindigkeiten und Tidenhub. So wurde in Bremen vor hundert Jahren nur rund ein halber Meter Tidenhub gemessen, während es heute schon fast vier Meter sind; nicht anders - wenn auch nicht so dramatisch - verhält es sich im Hamburger Hafen.

Mit den Küstenschutz-Maßnahmen hat die Gesellschaft eine erhöhte Erosionsgefahr in Kauf genommen, was die eigentlichen Anstrengungen konterkariert. Überdies verschärft der stetige Anstieg des Meeresspiegels die Gefahr der Überflutung. Wie hoch die Schäden für die Küstenlandstriche werden könnten, zeigte Tobias Behnen vom Geografischen Institut der Universität Hannover in einem Simulationsmodell. Der Wissenschaftler analysierte darin verschiedene Szenarien im Falle eines weiter steigenden Meeresspiegels. Die Ergebnisse waren verheerend: Bei einem weiteren Anstieg von nur wenigen Dezimetern würde - bei Beibehaltung des derzeitigen Küstenmanagements - die ganze norddeutsche Tiefebene in Fluten versinken.

Dass der globale Treibhauseffekt einen entscheidenden Beitrag zur Erhöhung des Meeresspiegels liefert, steht unter Geografen anscheinend außer Frage. Auch die atlantische Wasserzirkulation könnte sich jedoch als direkte Folge globaler Erwärmung verändern. In aufwendigen Computersimulationen stellte Stefan Rahmstorf vom Potsdamer Institut für Klimafolgenforschung fest, dass ein erhöhter Süßwassereintrag, verursacht durch das Abschmelzen des arktischen Eizpanzers, irgendwann zum Kollaps des Systems führt. "Eine solche Veränderung wäre unumstößlich." Sollte es jemals dazu kommen, könnte der Golfstrom keine Wärme mehr in hiesige Breiten transportieren. "Jedoch kann niemand sagen, wann der kritische Punkt einsetzt", sagte Rahmsdorf.

Für die Geografen kein Grund zum Aufatmen, sondern eher ein Anlass, ihre Forschungen zu vertiefen. Und dies gehe nicht ohne eine globalisierte Geografie, appellierte der Meteorologe Hartmut Grassl als Gastredner an die Geografen. "Erst weltweit miteinander vernetzte Datendienste bringen gute Ergebnisse", sagte Grassl. Schon in fünf Kilometern Höhe, bei einer Windgeschwindigkeit von 20 Metern pro Sekunde, sei jedes nationale Denken hinfällig. Globale Daten seien eine unabdingbare Basis für Lösungsansätze, nach denen die Gesellschaft verlange.

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