Gesundheit : Der ägyptische Traum

Die neue Bibliothek von Alexandria hat sich etabliert

Amory Burchard

„Licht, überall ist natürliches Licht.“ Für den Kairoer Schriftsteller Ibrahim Farghali ist die vor zwei Jahren eröffnete Bibliothek von Alexandria – ein am Mittelmeer gelegener spektakulärer Rundbau mit einem schrägen Glasdach – ein Symbol des neuen Ägypten: „Die Bibliothek zeigt, dass unser Traum von einem demokratischen Ägypten wahr werden kann“, sagt Farghali. Der 37-Jährige ist zurzeit auf Einladung des Goethe-Instituts als Stadtschreiber in Stuttgart zu Gast.

Die „hochintelligente Architektur“ des norwegischen Büros Snøhetta, die idealen Arbeitsbedingungen in den Lesesälen und die von der Bibliothek veranstalteten Konferenzen und Kulturevents ziehen eine neue Generation gut ausgebildeter Ägypter an. Und sie helfen ihnen, sich weiterzuentwickeln, sagt Farghali, der auch als Journalist für die Kulturseiten der Zeitung „al-Ahram“ arbeitet.

Die zunächst für April 2002 geplante Eröffnung der Bibliothek musste verschoben werden – wegen Ausschreitungen unter den Studenten der benachbarten Universität von Alexandria. Sie wüteten gegen das israelische Besatzungsregime in den palästinensischen Gebieten. Westliche Beobachter bezweifelten ohnehin, dass die Wiedergeburt der Bibliothek von Alexandria unter einem guten Stern stehe: Für die Renaissance der legendären antiken, um 48 v. Chr. nach mehreren Bränden vernichteten Büchersammlung hatte zunächst der irakische Diktator Saddam Hussein gespendet. Dann nahm sich die Unesco des Projekts an – obwohl klar zu sein schien, dass die ägyptische Zensur an der neuen Bibliothek nicht vorbeigehen würde. Findet man dort auch Salman Rushdies „Satanische Verse“? Ibrahim Farghali gibt zu, dass er es noch nicht versucht hat. Er schwärmt von dem „weltoffenen, liberalen Geist“ in der Bibliothek mit ihrem Buchmuseum, einer Kinder- und Blindenbibliothek und sogar einem Planetarium. Und spricht von den vielen jungen Frauen, die dort für ihr Studium lernten – „gut die Hälfte ohne Kopftuch“.

Für den deutschen Mentor der Bibliothek, Hans-Peter Geh, ist Zensur durchaus ein Thema in Alexandria. Der frühere Präsident des Weltbibliothekars-Verbandes Ifla und Direktor der Württembergischen Landesbibliothek, sagt, er habe mit Generaldirektor Ismail Serageldin „lange Gespräche“ über das heikle Thema geführt – auch über die scharfen Sicherheitsvorkehrungen. Serageldin habe ein Seminar über die Zensur im arabischen Raum veranstaltet und sei aufrichtig bemüht, den „freien Geist“ seiner Bibliothek zu verteidigen. Geh ist Mitglied des Beirats der Bibliothek, dem Suzanne Mubarak vorsitzt, Ägyptens First Lady. Dort beschäftigt ihn vor allem ein offenkundiges Problem der auf acht Millionen Bände ausgelegten Bibliotheca Alexandrina: Es gibt viel zu wenig Bücher. Aus internationalen Buchspenden kam bislang nur eine Sammlung von 350 000 Original-Bänden zusammen – neben einer ansehnlichen digitalen Bibliothek. Ein systematischer Ausbau des Bestandes hat erst jetzt begonnen, unter der neuen leitenden Bibliothekarin Sohaer Wastawy. Sie ist aus den USA zurückgekehrt – um an der Verwirklichung des ägyptischen Traums mitzuwirken.

Suzanne Mubarak ist gestern von der Universität in Frankfurt am Main für ihren Kampf um mehr Bildungschancen geehrt worden.

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