Gesundheit : Der angebliche Durchbruch könnte die größte Niederlage werden (Gastkommentar)

Alexander S. Kekulé

Noch stärker als Freundschaft verbindet ein gemeinsamer Feind, den man so richtig hassen kann: Craig Venters Erfolgsmeldung von der vollständigen Entschlüsselung des menschlichen Erbgutes hat einen Freundeskreis der besonders missgünstigen Art zusammengeschweißt, der sich diese Woche im kanadischen Vancouver zum gemeinsamen Wundenlecken und Rachesinnen trifft.

Die rund 1000 Teilnehmer des "Humanen Genomprojektes" (HGP) haben in 50 Ländern rund zehn Jahre lang am größten Gemeinschaftsprojekt der Wissenschaftsgeschichte getüftelt, das sie selber vollmundig zur "Mondlandung der Biologie" erklärten. Planmäßige Ankunft der mit drei Milliarden Dollar Steuergeldern finanzierten Karawane: das Jahr 2005 - oder vielleicht doch schon 2002 oder 2001.

Da verkündete am Donnerstag vergangener Woche der "erstaunlichste Molekularbiologe der Welt" (New York Times) frech vor der Presse, dass er mit seiner 300-Mann-Firma "Celera" den Code des Lebens kurzerhand geknackt hat, mit einem Zehntel des Geldes und in weniger als acht Monaten: Ein gewaltiger Sprung für die Menschheit, aber nur ein kleiner Hopser für Craig Venter. Das Dementi kam prompt und wirkungsvoll. Am Sonntag widersprach der Leiter des HGP, Francis Collins, der Erfolgsmeldung vehement: Celera habe nicht einmal die Hälfte seines hochtrabenden Planes erfüllt, das menschliche Genom sei frühestens in zwei Jahren vollständig entschlüsselt.

Schon am nächsten Tag stürzte der Börsenticker der Celera-Aktie ("CRA"), der nach der Erfolgsmeldung um 15 Prozent abgehoben hatte, um über 20 Prozent Verlust ab - Venter und seine Aktionäre waren rund zwei Milliarden Dollar ärmer. Das dürfte in Vancouver ein paar Tränen getrocknet haben. Tatsächlich ist Venters Verkündung, Celera habe "die Sequenzierung des Genoms eines Menschen abgeschlossen", kein wissenschaftlicher Meilenstein, sondern ein raffiniert ausgedachter Schachzug. Celera hat von den rund drei Milliarden Buchstaben der Erbinformation weit über 90 Prozent entziffert, während die HGP-Truppe bei 70 Prozent liegt. Erfolgsgeheimnis sind 300 superschnelle "ABI Prism 3700"-Automaten, die von Celeras Mutterfirma PE Corp. eigens für das Genom-Rennen entwickelt wurden und an die Konkurrenz nur zögerlich ausgeliefert wurden. Die Supermaschinen haben jedoch den Nachteil, dass sie die auf 23 Chromosomen sorgfältig geordnete Erbinformation zerhacken und in winzigen, zufälligen Bruchstücken analysieren. Venter sitzt also vor einem Berg von 23 zerlegten, unvollständigen Puzzle-Spielen, die er ohne Lösungsbilder zusammensetzen muss.

Neben einer Armada von Supercomputern dürfte ihm dabei die Konkurrenz vom HGP behilflich sein, die ihre Ergebnisse täglich veröffentlicht - darunter eine in neunjähriger Kleinarbeit zusammengestellte "Kartierung", mit der die Position der Puzzlesteine im Genom ermittelt werden kann. In sechs Wochen will Venter das Ergebnis "zu 99 Prozent" präsentieren. Das ist kein Durchbruch, sondern eine "share holder value"-gerechte Milchmädchenrechnung: Wie viele Steine bei einem Puzzle wirklich fehlen, merkt man bekanntlich erst am Schluss. Da jedoch den "richtigen" Bauplan nur Einer kennt, wird Venter vorerst kein Irdischer widersprechen können. Im Gegensatz zur Mondlandung ist beim Genom-Wettlauf das Ziel vorher nicht zu erkennen, so dass jeder "Erster!" rufen kann, wenn es gerade opportun ist.

Das scheinbar drollige Treiben birgt jedoch eine ernste Gefahr: Im Gegensatz zum HGP hat Celera jeden gefundenen Schnipsel der Erbinformation sofort zum Patent angemeldet. Jetzt wird darum gestritten, ob Gen-Schnipsel ohne konkrete Anwendung patentiert werden können. Wenn Venter gewinnt, gelten eines Tages Bauanleitungen für Körpergröße, Infektabwehr und blaue Augen als sein geistiges Eigentum. Für andere Firmen dürfte sich die Gen-Forschung dann kaum noch lohnen - das Projekt "Mondlandung" würde zu einer historischen Bruchlandung der Biotechnologie.Der Autor ist Direktor des Institutes für Medizinische Mikrobiologie an der Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg.

(Aus der Tagesspiegel-Serie "Was Wissen schafft")

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