Gesundheit : Der Aufklärer

Heute wird der Historiker Jürgen Kocka 65

Paul Nolte

Berlin, bekannte der Historiker Jürgen Kocka vor einigen Jahren in einem biografischen Interview, sei für ihn der Ort gewesen, „wo ich unbedingt hin wollte“. Seit dem Herbst 1988 hat er an der Freien Universität eine Stiftungsprofessur für die Geschichte der industriellen Welt inne – als ob er mit sicherem Instinkt kurz vor dem Mauerfall in die damals noch geteilte Stadt gekommen wäre, um von hier aus den Prozess der Wiedervereinigung Berlins und der Nation kritisch zu beobachten, aus historischem Bewusstsein mahnend zu kommentieren, und auch, im Felde des wissenschaftlichen Zusammenwachsens, aktiv zu gestalten.

All das hat Jürgen Kocka seitdem getan, in den verschiedensten institutionellen Zusammenhängen ebenso wie mit der Autorität seiner Person und seines scharfen Intellekts. Doch würde er jegliches Element höherer Fügung bezüglich seiner Ankunft in Berlin leugnen. Im Gegenteil: Auch im Rückblick hätte er keine Probleme, zu bekennen, dass die Wiedervereinigung vor 1989 nicht die oberste Priorität auf seiner politischen und historischen Agenda genoss.

Denn persönlich wie wissenschaftlich gehört er, am 19. April 1941 in Haindorf im Sudetenland geboren, einer Generation an, die alles daran setzte, die Konsequenzen aus dem Scheitern des Deutschen Reiches in Diktatur, Weltkrieg und Völkermord zu ziehen und die Bundesrepublik, einschließlich ihres merkwürdigen Vorpostens an der Spree, tief im Westen zu verankern: in der liberalen, demokratischen politischen Kultur der Alliierten, und unter ihnen zuerst Amerikas.

Es kennzeichnet seine Offenheit und nicht versiegende Neugier, dass Jürgen Kocka sich Anfang der 90er Jahre erst recht der Herausforderung des vereinten Deutschlands gestellt hat – und der Tatsache, dass nun auch vier Jahrzehnte DDR zur gemeinsamen deutschen Geschichte gehören. So ist er, obwohl ursprünglich auf diesem Gebiet nicht zu Hause, zu einem der wichtigsten Anreger und Förderer einer Sozialgeschichte der ostdeutschen Diktatur geworden.

Als Kocka von dem Sog nach Berlin sprach, meinte er jedoch nicht das Jahr 1988 und seinen Wechsel aus Bielefeld, wo er seit seiner Münsteraner Habilitation 15 Jahre lang neben anderen Größen einer sozialwissenschaftlichen und theoriebewussten Geschichtswissenschaft wie Hans-Ulrich Wehler und Reinhart Koselleck gelehrt hatte. Er sprach vielmehr von einer früheren, seiner ersten Ankunft in Berlin, als Student an der FU im Jahre 1962.

Hier entfaltete sich, angeregt durch akademische Lehrer wie Gerhard A. Ritter, Ernst Fraenkel und Richard Löwenthal, seine Neigung zu einer Sozialgeschichte, die sich nicht mit der Beschreibung vergangener Lebensverhältnisse sozialer Klassen zufrieden gab, sondern den Fluchtpunkt von Politik und Gegenwart im Auge behielt. Wieso sympathisierten deutsche Angestellte mit dem Nationalsozialismus, während sie in den USA demokratisch gesinnt waren? Gab es einen „Sonderweg“ des deutschen Bürgertums, vielleicht in einer apolitischen, idealistischen Grundhaltung? Warum formierte sich die Industriearbeiterschaft zur politischen Bewegung von Sozialdemokratie und Gewerkschaften?

Mit diesen Fragen sind zugleich große Themen benannt, denen sich Jürgen Kocka seit vier Jahrzehnten und bis heute widmet. Ursprüngliche Thesen hat er dabei immer wieder revidiert. Nicht revidiert hat er den Anspruch, Geschichte als „Aufklärung“ zu betreiben, obwohl dieses Programm so manchem längst nicht mehr zeitgemäß erscheint.

Nach einem langen Engagement am Grunewalder Wissenschaftskolleg leitet er seit 2001 als Präsident das Wissenschaftszentrum Berlin für Sozialforschung am Reichpietschufer. Ein Historiker als oberster Sozialwissenschaftler? Es entspricht Kockas Selbstverständnis nicht nur, die Geschichte in den Diskurs der Soziologen, Politologen, Ökonomen oder Anthropologen einzubeziehen. Am WZB wie anderswo arbeitet er zugleich an seiner Vision einer Integration enger disziplinärer Perspektiven und fragt hartnäckig nach dem „Mehrwert“ sozialwissenschaftlicher und historischer Arbeit für die Öffentlichkeit.

Dieser Mehrwert könnte in der Selbstaufklärung einer Gesellschaft als offene „Zivilgesellschaf“ unter globalen Bedingungen bestehen. Berlin und die Bundesrepublik können das auch in den kommenden Jahren mehr denn je gebrauchen.

Der Autor ist Professor für Geschichtswissenschaften an der Freien Universität Berlin

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