Gesundheit : Der Bachelor braucht Nachhilfe

Ahnungslose Personalleiter, ängstliche Politiker: Die große Studienreform kommt nur schleppend in Gang

Uwe Schlicht

In San Francisco ist es selbstverständlich, dass ein Historiker, der an der Stanford University seinen Bachelorabschluss gemacht hat, in einer Bank einen Job findet. Nicht nur der Wirtschaftswissenschaftler, sondern auch der Absolvent eines geisteswissenschaftlichen Studiums bekommt seine Chance. Die Amerikaner gehen davon aus, dass ein Student einmal in seinem Leben das Bohren dicker Bretter in einer Wissenschaftsdisziplin gelernt haben soll. Danach muss er in der Lage sein, sich in die verschiedensten Bereiche einzuarbeiten – eben weil er Denken, Methodik und Lernen gelernt hat. Ihn für einen bestimmten Beruf fit zu machen, ist Aufgabe des „Training on the Job“.

In Deutschland ist man von solcher Chancengleichheit noch weit entfernt. Im Gegenteil, hier droht der Bachelor „den Bach runter zu gehen“, wenn nicht bald Entscheidendes geschieht. So formulierte es jedenfalls Jürgen Kluge von der Unternehmensberatung McKinsey auf einer Expertentagung vor führenden Vertretern der Hochschulen, der Kultusministerien und der Wirtschaft im Headquarter der Deutschen Bahn AG.

Allgemeine Verunsicherung

Die bisherige deutsche Bachelor-Bilanz ist nicht rosig. Erst 1500 Studiengänge sind nach den neuen Abschlüssen Bachelor und Master konzipiert, noch viel weniger, nämlich erst 160 von ihnen haben das neue Gütesiegel, die Akkreditierung, erreicht. Diese Zahl ist gering – sie entspricht erst 15 Prozent aller Studiengänge. Andere Signale sind noch bedenklicher. In der Wirtschaft sind die neuen Abschlüsse weitgehend unbekannt. Viele Personalleiter ordnen den Bachelor wie eine Zwischenprüfung ein.

Vom 1999 gestarteten „Bolognaprozess“haben die meisten Betriebe in der Wirtschaft noch nichts gehört. Jetzt soll eine von den Arbeitgebern und den Hochschulen gemeinsam organisierte Aufklärungskampagne bekannt machen, dass sich 29 Bildungsminister in Europa auf die Angleichung ihrer Studienangebote und Hochschulsysteme im Zeichen von Bachelor und Master geeinigt haben. Vielleicht kommt die Kampagne gerade noch rechtzeitig, bevor die Bildungsminister auf der Bologna-Nachfolgekonferenz im September in Berlin Bilanz ziehen.

Die Situation ist deswegen so brisant, weil bei der allgemeinen wirtschaftlichen Unsicherheit die Abiturienten und künftigen Studienbewerber die Leidtragenden sind. Das meint jedenfalls Detlef Müller-Böling vom Centrum für Hochschulentwicklung (CHE) der Bertelsmann-Stiftung. Werden die Abiturienten angesichts der ungeklärten Frage der Anerkennung der neuen Abschlüsse nicht auf Nummer sicher gehen und lieber die herkömmlichen Langzeitstudiengänge mit dem Diplom oder Magisterabschluss wählen als die neuen wesentlich kürzeren Bachelor- und Masterangebote?

Unbezahlbare Parallelangebote

Aber selbst in Deutschland gibt es jenseits einer Aufklärungskampagne noch anderes zu klären. Was bisher nur als Übergangslösung geplant war, dass die herkömmlichen Abschlüsse mit Staatsexamen, Diplom und Magister parallel zu den neuen Abschlüssen Bachelor und Master laufen, droht zu einer Dauereinrichtung zu werden. Das wäre unbezahlbar, weil die Hochschulen gar nicht genügend Wissenschaftler haben, um parallele Studiengänge nach alter und neuer Art anzubieten. Und die Experten wissen, dass neue und kürzere Studiengänge das Wissen, die Methoden und Schlüsselkompetenzen in wesentlich konzentrierterer Form anbieten müssen als die herkömmlichen Langzeitstudiengänge. Ohne eine intensivere Betreuung der Studenten kann das nicht gelingen.

Wenn ein Professor auf 100 Studenten kommt und das etliche Finanzminister in Deutschland auch noch als Dauerlösung hinnehmen, kann man die Studienreform im Zeichen von Bachelor und Master vergessen. Berlin ist hier ein besonders schlimmes Beispiel. Schon heute liegt hier die Betreuungsrelation weit unter dem Bundesniveau. An der Freien Universität kommt ein Professor auf 93 Studenten – von den Verhältnissen an amerikanischen Eliteuniversitäten, wo ein Professor 15 Studenten betreut, kann man hier nur träumen. Nur in den Sonntagsreden der Politiker sind die amerikanischen Universitäten mit ihren Leistungen das Vorbild.

Berlin will jetzt weitere 200 Millionen Euro an den Hochschulen sparen. Gleichzeitig sollen aber weiterhin 85 000 Studienplätze garantiert sein, keine Studiengebühren einführt und dazu noch die Umstellung auf Bachelor und Master zu bewältigen hat, dann kann das nicht aufgehen. Die Betreuungsrelation wird dann noch viel schlechter. Aber Finanzsenator Thilo Sarrazin und der Regierende Bürgermeister Klaus Wowereit verlangen wahrscheinlich genau diese Quadratur des Kreises von den hiesigen Hochschulen. Das belegt ein interner Dienstvermerk.

Grundgedanke der Studienreform ist es, den Bachelor für die Massen anzubieten und den Master für eine Elite. Die meisten Studenten sollen nach drei oder vier Jahren mit dem Bachelor in der Tasche in die Berufspraxis wechseln und nur eine Minderheit von 20 bis 30 Prozent der Besten direkt zum Masterstudium zugelassen werden. Auf diese Weise könnten wenigstens während des Masterstudiums der künftigen Elite wieder Studienbedingungen geboten werden, die an das Ideal Wilhelm von Humboldts vom forschenden Lernen heranreichen.

Aber in Deutschland wollen viele Politiker – auch die in der rot-roten Koalition in Berlin – den Zugang zum Masterstudium möglichst vielen Bachelorstudenten ermöglichen. Sie lehnen entweder jegliche Selektion ab oder wollen die Abschlussnoten im Bachelorexamen zum Maßstab machen. Dann wäre die Reform tot, warnt der Generalsekretär des Stifterverbandes, Manfred Erhardt. Er plädiert für eine Aufnahmeprüfung zum Masterstudium.

Master nur für die Besten

Erhardt ist sich mit dem ehemaligen Wissenschaftsminister aus Sachsen, Hans Joachim Meyer, einig: In Zielvereinbarungen zwischen Staat und Hochschulen müssten Übergangsquoten vorgegeben werden, und zwar für die einzelnen Wissenschaftsdisziplinen unterschiedlich. Warum? In den Geistes- und Sozialwissenschaften, die mit die längsten Studienzeiten aufweisen, könne ein Bachelorstudium die Grundlagen innerhalb von drei oder vier Jahren legen, um einen Wechsel in den Beruf zu erlauben. Anders sei es in den Naturwissenschaften und Ingenieurwissenschaften, wo allein schon die Systematik im Studienaufbau unverzichtbar ist. Dort muss erst im Grundstudium bis zum Vordiplom das notwendige Fundament für die weitere Qualifikation gelegt werden. Während in den Geistes- und Sozialwissenschaften nur 20 bis 30 Prozent der Besten zum Masterstudium zugelassen werden dürften, müssten die meisten Studenten in den Naturwissenschaften und Ingenieurwissenschaften an den Bachelor den Master anschließen, wenn sie das bisherige Niveau eines Diplomabschlusses erreichen wollten, sagt Hans Joachim Meyer.

Im Nachbarland Schweiz gibt es unterdessen vielversprechende Modelle: Die Eliteuniversität für Ingenieure und Naturwissenschaftler in Europa, die ETH Zürich, stellt die Studiengänge geschlossen auf Bachelor und Master um. Die deutsche Eliteuniversität, die TH Aachen, wird folgen. Die unter Managern hoch angesehene Universität von St. Gallen in der Schweiz hat mit dem Bachelor und Masterabschluss gute Erfahrungen gemacht: Dort ist es gelungen, dass sich auch die besten Studenten zunächst mit dem Bachelorabschluss zufrieden geben und danach in die Berufspraxis wechseln, bevor sie nach einigen Jahren vielleicht den Weg zurück an die Universität gehen, um dort den Master nachzuholen. Wenn die Wirtschaft mit einer genügenden Anzahl von Bachelorabsolventen konfrontiert wird, die zugleich zu den Besten eines Jahrgangs gehören, sagt Sascha Spoun von der Universität St. Gallen, gewöhnt sie sich auch an diesen neuen Abschluss.

Mehr zum Thema im Internet:

www.bologna-berlin2003.de

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