Gesundheit : Der Bachelor lahmt

Auf den neuen Studienabschlüssen ruhen große Hoffnungen. Doch bislang haben sie sich nicht erfüllt. Wackelt jetzt die Hochschulreform?

Uwe Schlicht

Niemand soll behaupten, dass es den Europäern an Visionen fehle. Die Regierungschefs der EU haben sich für das Jahr 2010 zum Ziel gesetzt, dass in Europa mit Hilfe von wissensbasierten Arbeitsplätzen ein nachhaltiges Wirtschaftswachstum erreicht wird. Vor drei Jahren haben die Wissenschaftsminister von 29 europäischen Ländern in der Erklärung von Bologna dazu die Vision für einen europäischen Hochschulraum skizziert. Eine zentrale Säule: Das zweistufige Studiensystem mit Bachelor- und Masterabschluss. Die Studenten sollten schneller zum Ziel kommen, die Abschlüsse international besser vergleichbar werden. Und nun? In Deutschland lahmt dieses Reformprojekt, wie sich jetzt auf einer Tagung der Hochschulrektoren in Bonn zeigte, bei der das Treffen der europäischen Bildungsminister im nächsten Jahr vorbereitet wurde. Die Hoffnungen, die deutsche Bildungsexperten auf Master und Bachelor gesetzt haben, erfüllen sich bislang nicht.

Der Master für die Elite

Das radikale Reformprogramm, das der deutsche Wissenschaftsrat mit Unterstützung der Kultusminister für alle Hochschulen in der Bundesrepublik entwickelt hat, sah so aus: Drei bis vier Jahre soll ein Student bis zum ersten Abschluss, dem Bachelor, benötigen, ein bis zwei Jahre dauert das Masterstudium. Es gibt keinen automatischen Übergang vom Bachelor zum Masterstudiengang. Nur eine Minderheit von etwa 30 Prozent soll nach dem Bachelor direkt zum Masterstudium zugelassen werden. Für die Mehrheit, die den Bachelor im Alter von 23 Jahren erwirbt sollte der Weg erst in den Beruf führen. Aber die Aussicht wird eröffnet, dass diese Bachelorabsolventen nach einigen Jahren Berufstätigkeit an die Hochschulen zurückkehren und dort ihren Master erwerben. Alles soll schneller und besser werden: Wenn schon 30 bis 40 Prozent eines Jahrgangs künftig studieren, dann darf sich nicht alles in der Nivellierung der großen Zahl abspielen. Der Bachelor für die Massen, der Master für die Elite mit den besten Studienbedingungen – das ist die Vision.

Wo stehen wir heute – ein Jahr vor der großen Konferenz der europäischen Bildungsminister im September 2003 in Berlin? In Deutschland sind seit 1998 etwa 1500 neue Studiengänge mit dem Bachelor- oder Masterabschluss geschaffen worden. Ist das viel? Nein! Das sind erst etwa 15 Prozent aller Studiengänge. Deutschland ist damit noch weit entfernt von dem Ziel, alle Studiengänge auf die neue international übliche Zweistufigkeit umzustellen. Der Deutsche Akademische Austauschdienst (DAAD) bilanziert nüchtern, „dass sich die Einführung von Bachelor- und Masterstudiengängen trotz der quantitativen Dynamik noch in einer Pionierphase befindet“. Noch kritischer klingt der folgende Satz: „Klare Mehrheiten für einen radikalen Systemwechsel sind noch nicht erkennbar.“ Nun muss man nicht gleich an jene entlarvenden Äußerungen der Deutschen Fakultätentage von 1999 erinnern, dass die neuen Studiengänge die bewährten Diplomstudiengänge zu kannibalisieren drohten, um skeptisch über den Vollzug einer auf dem Papier ideal konzipierten Reform zu werden.

Die Zahlen sind entlarvend. Von den 1500 neuen Studiengängen sind erst 160 akkreditiert worden. Das ist blamabel. Hatten doch gerade Wissenschaftsrat und Hochschulrektorenkonferenz große Hoffnungen auf dieses neue international übliche Verfahren gesetzt. Akkreditierung bedeutet, dass Wissenschaftler, Vertreter der Länder, Experten aus der Wirtschaft und ausländische Kenner die neuen Studiengänge auf ihre Qualität hin überprüfen. Dadurch soll eine möglichst schnelle Anpassung der Studiengänge an die Entwicklung ermöglicht werden, statt eines jahrelangen bürokratischen Verfahrens des Aushandelns neuer Studiengänge durch die Hochschulrektorenkonferenz und die Kultusministerkonferenz der 16 Bundesländer. Mit anderen Worten: Die Mehrzahl der neuen Studiengänge beruht noch nicht auf einer Qualitätsprüfung durch die Experten, sondern auf einer herkömmlichen oder provisorischen Zulassung der Kultusminister der jeweiligen Länder.

Wie werden die neuen Studiengänge von den Arbeitgebern akzeptiert? Die optimistischsten Äußerungen lauten, natürlich würden auch Bachelorabsolventen eingestellt, sofern sie qualifiziert genug seien und ein entsprechender Bedarf bestünde. Wenn dagegen ein Kenner der Szene aus dem Nähkästchen plaudert, dann hört sich das schon ganz anders an. Oliver Maasen, Leiter des Talent Center der Hypovereinsbank, berichtete bei der Bonner Expertentagung, dass leider noch zu viele Personalleiter in den Firmen mit dem Bachelor nichts anzufangen wüssten. Bestenfalls stellten sie den Bachelor der Fachhochschulen und Universitäten dem Abschluss einer Berufsakademie gleich, im schlimmsten Fall bewerteten sie ihn wie das Vordiplom. Und Absolventen einer Zwischenprüfung wollen sie nicht einstellen. Und wenn dann noch ein Bachelor kommt, der beim Einstellungsgespräch mitteilt, dass er nach einigen Jahren Berufspraxis zum Masterstudium an die Hochschule zurückkehren wolle, dann winken die Firmen gleich ab.

Diese Art der individuellen, selbstbestimmten Weiterbildung wird offensichtlich nicht geschätzt. Maasen berichtete davon, dass viele Firmen ihre fähigen Mitarbeiter lieber auf die neuen Corporate Universities schicken, die Großunternehmen wie Siemens, DaimlerChrysler oder Bertelsmann schon besitzen oder gerade aufbauen. Bei Stellenvermittlungsagenturen, die für die Wirtschaft eine Vorsichtung unter Hochschulabsolventen vornehmen, fänden sich zum Beispiel unter 12 171 Angeboten für Bewerber der herkömmlichen Studiengänge nur sieben Angebote für Kandidaten mit dem Bachelorabschluss. Ein weiterer Vermittler weist unter 8471 Stellenangeboten nur sechs für den Bachelor aus. Maasen merkte kritisch an, dass die Wirtschaft sehr schnell anders reagieren müsse, schließlich habe sie ja mit Nachdruck kürzere Studiengänge gefordert.

Die Selektion ist nicht durchzuhalten

Kein Wunder, dass ein Gewerkschaftsvertreter wie Gerd Köhler vom Vorstand der GEW den Schluss zog, dass bei einer solchen Entwicklung die von den Politikern gewünschte Selektion der Masterstudenten auf 30 Prozent der Besten nicht durchzuhalten sei. Schließlich wollten Bachelorstudenten nicht in der Sackgasse der Arbeitslosigkeit landen, wie es sich in Dänemark gezeigt habe. Die breite Öffnung für das Masterstudium sei notwendig, sonst drohe die Reform zu scheitern. Eine 30-Prozent-Selektion werde demokratisch nicht akzeptiert.

Nicht minder entlarvend war die Erfahrung eines deutschen Bachelor-Studenten bei einer Anfrage in Großbritannien, ob er dort zum Masterstudium zugelassen werde. Die Antwort: Nein! Die Praxis ist selbst in den Ländern, die den Bologna-Prozess unterstützen, von den Wünschen der Politiker weit entfernt. Jörg Dräger, der Hamburger Wissenschaftssenator, kommentierte: „Deutsche Bachelorabschlüsse, die von englischen Hochschulen nicht anerkannt werden, setzen falsche Zeichen.“ Und er warnte alle Beteiligten: „Wir müssen jetzt aufpassen, dass wir unser Reformpaket nicht wieder an der einen oder anderen Ecke wegen unterschiedlicher Interessen aufschnüren.“

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