Gesundheit : Der Balkan spiegelt den Zustand der europäischen Zivilisation

Gerwin Klinger

Das Osteuropa-Institut der Freien Universität wurde unlängst wegen seines "regionalwissenschaftlichen Ansatzes" vom Wissenschaftsrat kritisiert. Gerade die disziplinär organisierten Wissenschaften hätten bei den "Balkan-Ereignissen" versagt. Schon der Titel der jüngsten Tagung "Unverständlicher Balkan?" signalisierte, wie schwer die Region zu fassen ist. Mehr noch: ihr Gegenstand droht sich vollends aufzulösen. Nach Auffassung der Bulgarin Maria Todorova ist "der Balkan" bloß eine Imagination des "Westens", gespeist aus dem Bedürfnis nach einem negativen Gegenbild. Typisch für die westlichen Balkan-Fantasien seien Ausdrücke wie "Pulverfass Europas" oder das Schlagwort von der "Balkanisierung".

Diese Balkan-Imagination ignoriert ein komplexes historisches Erbe und will die Schuld für die Misere den "Fremden" anlasten, erst dem "Urübel" der osmanisch-türkischen Herrschaft, jetzt dem Westen. Das jedenfalls ist die These des Historikers Holm Sundhaussen. Geophysisch zeichne sich die Region südlich von Save und Donau durch offene Peripherien und Barrieren im Inneren aus. Das habe Invasionen erleichtert, die dauerhafte Beherrschung des unzugänglichen Innenraums aber erschwert.

Kultur- und zivilisationsgeschichtlich beeinflussten zwei multiethnische Imperien den Raum, beide Chiffren für die Bruchlinie zwischen Ost und West, Orient und Okzident: Byzanz und das Osmanische Reich. Doch völlig durchdrungen wurde der Raum nie, so dass imperiale und regionale Herrschaftsformen bis ins 19. Jahrhundert nebeneinander existierten. Der Erste Weltkrieg brachte den Untergang der Habsburger Monarchie und des Osmanischen Reichs, beides multiethnische Imperien. Die Neuordnung orientierte sich am ethnisch fundierten Nationenmodell des westlichen Europas. Damit war - wie Sundhaussen sagt - die "Büchse der Pandora" geöffnet: Zum einen fehlte die historische Vorbereitung in Gewaltenteilung und rechtliche Aufwertung des Individuums. Zum anderen beruhe die Nation als Abstammungsgemeinschaft auf der Abgrenzung gegen andere Ethnien. Die nationale Neuordnung mündete in diesem ethnisch hoch verschachtelten Raum in einen andauernden Kultur- und Zivilisationskampf, "der zu politischen Zwecken instrumentalisiert wurde".

Ljubomir Maksimovic aus Belgrad zeichnete die Spuren des untergründig wirkenden byzantinischen Erbes nach. Die Berlinerin Barbara Kellner-Heinkele gab einen Eindruck von der kulturellen Blüte in der Osmanen-Zeit und der rigiden Verdrängung dieser Epoche aus dem historischen und kulturellen Gedächtnis. So wurden etwa achtzig Prozent der orientalischen Bauten abgerissen und die osmanische Rechtstradition nicht fortgeführt.

Die multiethnischen und multikonfessionellen Bedingungen des Balkan prägten auch die Sprachverhältnisse mit einer Vielzahl von Dialekten und Mundarten: Mehrsprachigkeit war die Regel, die Lexik war vorwiegend griechischer und türkischer Herkunft. Der Philologe Siegfried Tornow beobachtete den so genannten Analytismus, die Auflösung synthetischer morphosyntaktischer Strukturen in den verschiedenen Sprachen: Eine Indiz für sprachökonomische Anpassung bei intensiver sprachlicher Heterogenität. Etwa vierzig Prozent des alten rumänischen Wortschatzes waren slawischen Ursprungs. Akten und Urkunden wurden im Kirchenslawisch verfasst, geschrieben wurde in der westlichen Kyrillica. Der Staat setzte eine Romanisierung ins Werk: Neue Grammatiken wurden geschrieben, die lateinische Schrift eingeführt, Neologismen entwickelt und die Lexik aus dem Französischen entlehnt. Die slawischen Traditionen in Sprache und Kultur wurden abgewertet.

Die Gewalt vom Westen abgeschaut

Wenn es um Kriege und Gewalt im Balkan geht, dominiert die These vom verzögerten Zivilisationsprozess und dem verspäteten Nationalstaat: Das staatliche Gewaltmonopol und Zivilgesellschaftlichkeit blieben unterentwickelt. Die imperiale Fremdherrschaft und das kommunistische System konservierten die Strukturen segmentärer Gesellschaftlichkeit, die patriarchale Familie, die Geringschätzung des Individuellen sowie das Misstrauen gegen Gesetz und Obrigkeit. Die Gewalt erklärt sich aus diesen vormodernen Beständen als "stammesgeschichtliche Abweichung" oder "balkanische Mentalität".

Im Westen ein Gewalt einhegendes zivilisatorisches Zentrum, auf dem Balkan dagegen ein vorzivilisatorisches Schlachtfeld - diese Sicht kritisierte der Leipziger Soziologe Wolfgang Höpken. Die europäische Moderne sei alles andere als gewaltarm gewesen. Insofern der Balkan das Konzept des Nationalstaates verabsolutiere, stehe er zutiefst in der europäischen Geschichte. Überdies trage die Gewalt im Balkan oft nicht vormoderne, sondern eher postmodern deregulierte Züge: die Akteure würden diffus, die Grenzen zwischen Zivilisten und Kombattanten außer Kraft gesetzt. Vielleicht - wurde in der Diskussion gefragt - sei ja die Distanzierung von der "balkanischen Gewalt" so heftig, weil sie unserer Zivilisation so nahe sei.

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