Gesundheit : Der Befreier

Zur Eröffnung des Einstein-Jahres wird der große Physiker als Vorbild gefeiert

Hartmut Wewetzer

„Zu Beginn des Einstein-Jahres stellt sich die Frage: Was feiern wir? Der Anlass: Vor 100 Jahren die einzigartige Kreativität eines einsamen Genies, dessen umstürzende Gedanken verhältnismäßig schnell erkannt und belohnt wurden. Die List und der Schrecken der Geschichte umgaben ihn nach 1918 mit Ruhm und Rummel. Aber das Einstein-Jahr – in sich selbst ein gewagtes Unternehmen, gerade in Deutschland, welches er zweimal und absichtlich verließ – sollte sich der frühen Zeit entsinnen, in der Einstein seine anti-autoritäre Haltung pflegte und Wissenschaft und europäische Kultur gleichsam umfasste. Es hat im Stillen und in gewisser Not begonnen, auch das Durchhalten und die Selbstentfaltung verdienen Ehrfurcht.“

Fritz Stern, Historiker

Die Fassade des Deutschen Historischen Museums war rot erleuchtet. „Menschen, Pflanzen oder kosmischer Staub, wir tanzen alle nach einer bestimmten Melodie“, stand auf den Steinquadern – ein Zitat Einsteins. Im überdachten Schlüterhof waren jene Formeln an die Wände geworfen, die Albert Einstein 1905 berühmt gemacht haben: die spezielle Relativitätstheorie.

Einstein – was war das für ein Mensch? Was trieb ihn an, was war sein zentrales Motiv?

„Einstein war ein Freigeist, und seine selbst gestellte, bewusst übernommene Aufgabe war es, als Befreier zu wirken.“ Mit diesen Worten charakterisierte der Budapester Wissenschaftshistoriker Yehuda Elkana das „Genie unter den Genies“, wie das „Time“-Magazin Einstein nannte. Elkana sprach am gestrigen Mittwochabend im Deutschen Historischen Museum bei der Eröffnung des „Einsteinjahres 2005“ – einer gemeinsamen Anstrengung von Bundesregierung, Wissenschaft, Wirtschaft und Kultur, um das Werk und das Leben Einsteins in Erinnerung zu rufen und ihn als Galionsfigur und Hoffnungsträger für einen gesellschaftlichen Aufbruch zu feiern. Und so nahm Bundeskanzler Gerhard Schröder auch die Gelegenheit wahr, in seiner Eröffnungsrede dazu aufzurufen, „eine neue Kultur der Wissenschaft in unserem Land zu entwickeln“.

Freiheit bedeutete für den Wissenschaftler Einstein vor allem Freiheit von jeglichem methodischen Zwang. Er entledigte sich der physikalischen Dogmen seiner Zeit und gab seiner Phantasie die Sporen. So befreite er Naturwissenschaft und Philosophie von der Faktenbesessenheit und dem Positivismus des 19. Jahrhunderts. Seine Relativitätstheorie entwickelte Einstein ohne irgendeinen empirischen Beweis und ohne ein hinreichend überzeugendes mathematisches Gerüst, führte Elkana aus.

Aber Einstein war kein Anarchist. Kein früher Anhänger eines postmodernen „alles geht“. Nach dem freien Lauf der Phantasie muss das von ihr entworfene theoretische Gebäude durch Erfahrung und Experiment überprüft werden. Einstein glaubte an eine tatsächliche, unabhängig vom Menschen existierende Welt. Realität war für ihn „deterministisch im absolut klassischen Sinn“.

„Autoritätsdusel ist der größte Feind der Wahrheit“, hat Einstein schon 1901 geklagt. Und so war auch sein vielfältiges politisches Engagement von Unabhängigkeit gegenüber den Mächtigen bestimmt. „Einstein kann als Vorbild dafür dienen, wie Demokratie und soziale Gerechtigkeit in aufrechter Haltung verteidigt werden können“, sagte Elkana.

Also kein Makel auf der Lichtgestalt Einstein? Doch, es gibt einen dunklen Fleck. Nämlich dort, wo die Freiheit zur Kälte wird.

Elkana kritisierte, dass es Einstein bei allem politischen Einsatz an einem persönlichen Interesse mangelte. Die Haltung der inneren Distanz lasse vieles zu wünschen übrig, sagte Elkana, und rief dazu auf, „über Einstein hinauszugehen“. Es sei nötig, dass „der wertfreie Wissenschaftler dem aktiv engagierten Wissenschaftler Platz macht“.

Elkana, der Präsident der Zentraleuropäischen Universität in Budapest und ständiges Mitglied des Berliner Wissenschaftskollegs ist, machte mehrere Vorschläge: Auf der Suche nach Innovation dürften etwa Grundlagenforschung und angewandte Forschung nicht länger getrennt sein, Wissenschaftler sollten stärker über die geistigen Wurzeln ihrer Arbeit nachdenken und sich in Selbstreflexion üben und auch beim Thema Elite- Universitäten gehe es um Skepsis gegenüber Autorität: „In der Welt des Geistes zählt, was gesagt wird, und nicht, wer es sagt.“

Ein weiteres Thema sprachen sowohl der Wissenschaftshistoriker Elkana wie Bundeskanzler Schröder an: die Vermittlung von Wissenschaft. Das Kind Einstein faszinierten bereits populärwissenschaftliche Bücher von Aaron Bernstein, und er selbst bemühte sich später, seine Theorien unters Volk zu bringen – soweit das eben möglich war. Schröder leitete daraus eine Verpflichtung ab. Auch heute sollten Forscher daran mitarbeiten, „dass sich gerade Kinder und Jugendliche wieder mehr für die Faszination der Wissenschaft begeistern“, sagte Schröder in seiner Eröffnungsrede.

Der Bundeskanzler bekräftigte, dass die „Innovationsoffensive“ der Regierung „die andere Seite der Medaille Agenda 2010“ sei. Zu dieser Offensive gehöre es, Wissenschaft und Bildung als Einheit zu begreifen. „Von der Tagesbetreuung über Ganztagsschulen bis zur Förderung von Spitzenuniversitäten.“ Schröder forderte, „die enormen Chancen im wissenschaftlich-technischen Fortschritt künftig viel stärker zu betonen, ohne dabei die Risiken zu vernachlässigen“. Das hätte vermutlich auch Einstein unterschrieben – dabei wäre der notorische Eigenbrötler und Querkopf zweifellos ein ebenso unbequemer wie bereichernder Geist in Schröders Innovationsgarde gewesen.

Einstein im Internet:

www.einstein-online.info

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