Gesundheit : Der "Bilderberg Namibias": Eine Schatzinsel im Felsmeer

Matthias Glaubrecht

Wie eine Insel ragt der Brandberg aus der trockenen, ebenen Landschaft heraus, wogt ein Meer aus Granitbrocken zu einem Gebirge auf. Das schroffe Massiv am Rande der Namib - einer der unwirtlichsten und ältesten Wüsten der Welt - war einst Olymp und Bergoase für die im Umkreis lebenden Menschen. Zugleich ist der Brandberg eine einzigartige Schatzinsel in einer Landschaft voller Härte und Schönheit. Denn in dem 2573 Meter hohen und 30 Kilometer weiten Granitgebirge haben spätsteinzeitliche Jäger und Sammler vor rund 6000 Jahren begonnen, die Felswände mit warmen Farben zu bemalen; einige wirken so frisch, als wären sie erst gestern aufgetragen worden.

Volle Ausrüstung gefragt

An etwa 1000 Fundstellen bevölkern zusammen mit Menschendarstellungen die Tiere der tiefer gelegenen Savanne - vor allem Springbock, Antilopen, Elefanten, Zebra und Giraffe - die Felsen des Granitkolosses und lassen diese Gebirgslandschaft zu einer einzigartigen Bildergalerie werden - einer höchst unzugänglichen allerdings. Wenn das Kölner Forscher-Ehepaar Marie-Theres Erz und Tilman Lenssen-Erz den Brandberg und die fortlebende Vergangenheit seiner Felszeichnungen aufsucht, rüsten sie sich wie für eine Expedition in feindliches Terrain. Wie vor Jahrtausenden für die Schöpfer dieser Bilderkunst gilt auch heute für die Erforscher vom Heinrich-Barth-Institut der Universität Köln: Nur wer alles Lebensnotwendige mit sich tragen kann, wird den Brandberg bezwingen.

Der beschwerliche Aufstieg zur Menagerie der Menschen- und Tierfiguren zwingt zur mitunter gefährlichen Kletterleistung. Und dennoch: Seit etwa 30 000 Jahren, so zeigen Besiedlungsspuren, zieht es Menschen auf den Brandberg, seit Jahrtausenden verewigen sie sich und ihre Lebenswelt an diesem ungastlichen Ort. Unter überhängenden Felsplatten, oft nur knapp über dem Boden, im Hocken oder Liegen schufen sie mit ihren eigenwilligen Malereien eines der reichsten Felskunstgebiete der Welt. Nach einer Blütezeit bricht die Tradition im 16. Jahrhundert abrupt und aus ungeklärten Gründen ab.

Lange galten die mysteriösen Höhlenmalereien im französischen Lascaux in der Dordogne sowie im kantabrischen Altamira als früheste Zeugnisse und zugleich Höhepunkte steinzeitlicher Bilderkunst, die Höhlen gleichsam als die Sixtinischen Kapellen eiszeitlicher Kunst. Neue und spektakuläre Funde paläolithischer Höhlen seit Anfang der 1990er Jahre - etwa die bei Marseille entdeckte Grotte Cosquer oder die an der Ardèche entdeckte Grotte Chauvet - haben das Interesse an der Erforschung von Höhlenmalerei unserer eiszeitlichen Vorfahren ebenso wieder angefacht wie die Entzifferungsversuche australischer Felskunst.

Vielfach gelten die großartigen Bildnisse des Paläolithikums als Zeugnisse der Traumwelt vergangener Kulturen, ähnlich wie die skurrilen Felsmalereien und Gravuren der Aborigines in Australien von deren Traumzeit zeugen. Die Felsbilder des Brandbergs sind dagegen nicht nur deutlich jüngeren Datums. Während die europäischen Malereien im Inneren von Höhlen zu finden sind, begegnet man den namibischen Felsbildern überall dort, wo Menschen gelagert haben. Für sie war Kunst offenbar ein beiläufiges Element des Alltags.

Entdeckt wurden die Felsmalereien 1909, während der deutschen Kolonialzeit in Namibia durch den deutschen Offizier H. Jochmann. Bekannt wurden sie indes erst, nachdem der Landvermesser Reinhard Maack 1918 seine Aufzeichnungen veröffentlichte, der eher zufällig weitere vielfarbige Figuren am Fels entdeckt hatte. Ausgangspunkt der modernen Forschung zur Kunst am Brandberg liefert schließlich die einzigartige Arbeit des inzwischen verstorbenen österreichischen Grafikers Harald Pager.

Er lebte bis zu seinem Tod 1982 acht Jahre lang wie ein Eremit am Brandberg und dokumentierte an 879 Fundstellen maßstabsgetreu über 45 000 Einzelfiguren dieser prähistorischen Kunst, indem er Bild für Bild von den Felsüberhängen auf ingesamt mehr als sechs Kilometer blaue Zeichenfolie durchpauste, und so auch Überlagerungen deutlich machte.

Das Kölner Forscher-Ehepaar versucht nun seit Mitte der 1980er Jahre, den Sinn und Inhalt der Bilder des Brandbergs zu klären. In ihrem jetzt erschienenen Bild- und Textband "Brandberg. Der Bilderberg Namibias. Kunst und Geschichte einer Urlandschaft" (Thorbecke Verlag, Stuttgart; 128 Seiten, 150 Abbildungen, 79 Mark) machen sie die einzigartige namibische Felskunst für jedermann zugänglich. Den Springbock liebten diese vor-namibischen Maler, die Giraffe verehrten sie, aber wirklich interessant war auch für sie offenbar vor allem der Mensch selbst. Die Felskunst des Brandbergs lebt von der Vielfalt menschlicher Darstellungen, von Menschen in Bewegung. Knapp zwei Drittel aller Darstellungen, so hat das Ehepaar Erz durch die Analyse von rund 17 000 Einzelbildern ermittelt, zeigen Menschen. So naturgetreu Tiere wiedergegeben sind, so ausgesprochen feine Nuancen menschlicher Handlungen lassen sich aus den Felsbildern entnehmen.

Die beiden Forscher sehen in diesen Bildern eine Art von Sprache; sie vermuten dahinter eine gewisse Ordnung, deren Regeln fassbar sind wie die Grammatik eines fremden Idioms. Wenn der Wortschatz dokumentiert ist und diese Grammatik entschlüsselt, lässt sich auch die Bedeutung der Felskunst verstehen. "Brandberg" zeigt, wie sich aus Motiven, Szenen und Fundorten das Weltbild der Wildbeuter im Südwesten des afrikanischen Kontinents rekonstruieren und sich die Bilder zum Sprechen bringen lassen. Noch aber bietet die Kunst des Brandbergs ein weites Feld für Spekulationen. Was trieb die einstigen Jäger und Sammler auf das unzugängliche Granitmassiv?

Für das Ehepaar Erz stellte der Brandberg ein Rückzugsgebiet für Menschen in der Krise dar. Sie vermuten, dass sich die Überlebenskünstler auf den Berg mit seinem Wasservorrat zurückzogen, wenn sie während Dürreperioden nirgendwo sonst mehr Wasser finden konnten. Auch heute noch zieht der Brandberg die vom Atlantik herüberdriftenden Regenwolken wie magnetisch an; ein einziger Regenguss kann für Wasservorräte selbst in Trockenzeiten sorgen, da der Berg in Klüften und Wannen als natürlichen Zisternen Wasser speichert und eine - angesichts der umgebenden Wüste - vergleichsweise vielfältige Fauna und Flora gedeihen lässt.

Die Zukunft sollte besser werden

Für Tilman Lenssen-Erz ist die Bilderkunst daher eindeutig Teil einer Strategie gegen soziale und ökologische Krisen einer vorgeschichtlichen Sammler- und Jäger-Kultur. Die Menschen malten sich eine ermutigende Zukunft auf die Felswand, unter der sie lagerten. Jene Wildbeuter waren mithin Alltagskünstler, die ihre Ideen, ihre Wünsche und Hoffnungen in Bilder fassten und sie überall auf dem Berg hinterließen.

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben