Gesundheit : Der britische Anthropologe Robert Foley zu der Frage, wie und warum der Homo sapiens entstand

Matthias Glaubrecht

Die zeitliche Koinzidenz hat ihren eigenen Symbolgehalt: Nur wenige Stunden vor Robert Foleys Vortrag an der Freien Universität über die Evolutionsgeschichte und das Schicksal des Menschen gab der amerikanische Molekulargenetiker Craig Venter von der Firma Celera bekannt, dass er den Buchstabencode des menschlichen Erbguts entschlüsselt habe. Und während an der Wall Street die Celera-Aktie um 80 Prozent stieg, begann Foley seinen Parcoursritt durch die Ahnengalerie des Homo sapiens. Er stellte die Frage, was denn versteinerte Zeugnisse wie die hominiden Fossilien angesichts der - mittlerweile sogar börsentauglichen - Erkenntnisse der modernen Molekulargenetik noch über unsere Vergangenheit oder gar Zukunft aussagen können.

Allein der jetzt entschlüsselte Buchstabencode des menschlichen Genoms gibt keinen Aufschluss über die Funktion einzelner Gene und damit möglicher Therapien. Denn damit kennen wir noch immer nicht den komplizierten Kontext der biochemischen Maschinerie. Ebenso wenig liefern uns molekulargenetische Studien jenen Kontext, den wir zur Interpretation der Geschichte des Menschen brauchen. Unsere Entstehung und Entwicklung, das zeigt die Fülle an Befunden von Fossiljägern, Ökologen und Verhaltensforschern, ist eng an die evolutiven Rahmenbedingungen geknüpft.

"Unsere Geschichte hängt im wesentlichen vom Kontext ab", sagt Robert Foley. Allein dass wir überlebt und seit rund 30 000 Jahren als einzige Menschenart die Erde erobert haben, verdanken wir - neben dem Zufall - weitgehend einer Reihe ökologischer Faktoren sowie körperbaulichen und sozialen Anpassungen. In seinem Vortrag, der unter anderen auf Einladung der Gesellschaft Naturforschender Freunde zu Berlin und zusammen mit dem Stuttgarter Thorbecke-Verlag organisiert wurde, verstand es Foley meisterhaft, die Entwicklung des Menschen aus affenähnlichen Vorfahren nachzuzeichnen und die Auswirkung einiger dieser Faktoren zu beleuchten.

Ein buntes Häuflein unterschiedlichster Urmenschen tummelte sich in den vergangenen fünf Millionen Jahren zuerst und ausschließlich in Afrika. Lange galt der in Ostafrika entdeckte Australopithecus afarensis - der "Südaffe aus Afar", liebevoll auch "Lucy" genannt - mit seinen rund 3,7 Millionen Jahren als unser aller Urahn. Inzwischen wurde Lucy von zwei älteren, bereits aufrecht gehenden Hominiden entthront: dem 3,9 bis 4,2 Millionen Jahre alten A. anamensis und dem rund 4,4 Millionen Jahre alten Ardipithecus ramidus. Während einige Forscher in ihm nurmehr einen ausgestorbenen Seitenzweig unserer Ahnenreihe sehen, einen Urgroßonkel, fassen andere Ardipithecus ramidus durchaus als möglichen Ahnen der Australopithecinen auf. Umstritten ist auch, wie sich aus den Nachfahren von "Lucy" die übrigen Frühmenschenformen entwickelten, der Australopithecus africanus, A. aethiopicus und die robusten Formen boisei und robustus mit schimpansengroßem Hirn und massigen Backenzähnen.

Kontrovers diskutiert wird aber vor allem die Herkunft der Gattung Homo, für die der direkte Vorfahre bislang noch nicht dingfest gemacht werden konnte. Vermutlich spielte der am Malawi-See entdeckte, rund 2,5 bis 1,9 Millionen Jahre alte Homo rudolfensis die zentrale Rolle. Mit ihm waren unsere Ahnen zu echten Menschen geworden, die bald darauf mit dem rund 1,8 Millionen Jahre alten H. erectus erstmals auch ihre ostafrikanische Heimat verließen und sich bis nach Südostasien ausbreiteten.

Die zeitgleichen Hominidenfunde in Afrika werden neuerdings der Art Homo ergaster zugeschrieben. Diesem Frühmenschen, der vor 1,8 Millionen und 500 000 Jahren lebte, verdanken wir vor rund einer Million Jahre einen zweiten Auszug aus Afrika, in dessen Verlauf Hominiden auch nach Europa gelangten. In dieser Vorfahrenlinie liegen überdies die Wurzeln des modernen Menschen Homo sapiens, der allerdings erst vor rund 100 000 Jahren - und damit lange nach dem Neandertaler - in Europa erschien.

Jüngste molekulargenetische Befunde legen nahe, dass Homo neanderthalensis nicht in die direkte Ahnenreihe des Jetztmenschen gehört; vielmehr stammen wir alle von späten afrikanischen Vorfahren ab, deren Zöglinge in einer weiteren Wanderwelle die Welt eroberten.

Auch in seinem jetzt bei Thorbecke erschienenen und in bewährter Weise illustrierten Buch "Menschen vor Homo sapiens" (184 Seiten, DM 49,80) hat Robert Foley, Dozent für die menschliche Evolutionsgeschichte an der Universität in Cambridge, aus der kaum noch zu überblickenden Fülle wissenschaftlicher Details die großen Trends der Menschheitsevolution herausgearbeitet. Demnach führt nicht eine einfache Linie oder Stufenleiter von Ur- und Frühmenschen zu uns; vielmehr gleicht unsere Ahnengalerie einem weit verzweigtem Stamm-Busch. Die Evolution des Menschen ist nicht der geradlinige Pfad hin zur vermeintlichen "Krone der Schöpfung", sondern ein Prozess mit etlichen experimentellen Vorstößen verschiedener Hominiden-Arten. Von denen endeten die meisten in der Sackgasse, wenn der Kontext der Umwelt nicht mehr stimmte.

So versuchten vermutlich vor etwa zwei Millionen Jahren die robusten Australopithecinen mit ihren immer kräftigeren Mahlzähnen sich dem zunehmend trockeneren Klima in Ostafrika anzupassen, bis es nicht mehr ging. Zur gleichen Zeit verabschiedeten sich dagegen die grazileren Vertreter der Homo-Linie von der vegetarischen Ernährung und "entdeckten" das Fleischfressen für sich. Dank dieser proteinreichen Ernährung konnten sie sich bald auch das energetisch sehr aufwendige größere Gehirn leisten. Nachdem also in der Menschheitsentwicklung lange der Trend zu großen Zähnen und robustem Schädel ging, wuchs das Gehirnvolumen erst, als Vertreter von Homo begannen, in größeren Gruppen mit komplexen sozialen Beziehungen zu leben.

Foley macht in seinem Buch klar, dass sämtliche Stammbaum-Entwürfe und Rekonstruktionen zur Evolutionsgeschichte des Menschen Hypothesen sind. Als solche sind sie das Salz in der täglichen Suppe der Wissenschaft. Doch ebenso wichtig wie neue Fossilfunde der Paläoanthropologen und weitere Dechiffrierungsstudien der Molekulargenetiker ist es, alle diese Erkenntnisse in einen Zusammenhang zu bringen.

Foley, der die Befunde seiner Kollegen konsequent im Kontext von Ökologie, Intelligenz und Sozialleben interpretiert, zeigt anschaulich, dass der moderne Mensch ein vergleichsweise kurzer Schlussakkord im langen Lied der Hominiden-Evolution ist. Ungeachtet unseres bisherigen Evolutionserfolgs und gerade wegen der Milliarden von Menschen könne man nicht ausschließen, dass auch wir bereits in einer evolutionären Sackgasse sitzen.

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