Gesundheit : Der Deutschen liebste Schule

50 Jahre Bundesvereinigung der Volkshochschulen: Sprachkurse bekommen den meisten Zuspruch

Hermann Horstkotte

Wollen Sie sich fit machen für ein Bewerbungsgespräch im Ausland? Oder für eine professionelle Produktpräsentation? „Wenden Sie sich doch an Ihre Volkshochschule, die bereitet Sie vor, vom Scheitel bis zur Sohle!“, rät Ulrich Aengenvoort, Direktor des Deutschen Volkshochschul-Verbandes. Die früher oft „Hochschule des kleinen Mannes“ genannte Institution ist längst zum Serviceunternehmen für das lebenslange Lernen geworden. Wer sich beispielsweise für Büroarbeit qualifizieren will, kann hier den „Europäischen Computerpass Xpert“ erwerben. Andere Lehrgänge führen zu berufsqualifizierenden Abschlüssen vor den Handwerks- oder Industrie- und Handelskammern.

Heute feiert der Deutsche Volkshochschul-Verband, die Bundesvereinigung der Volkshochschulen, mit viel politischer Prominenz in Berlin sein 50-jähriges Bestehen. Bis 1953 waren die Abendschulen nur in den Besatzungszonen und auf Länderebene organisiert und konnten bundesweit nicht geschlossen agieren.

Im ganzen Land gibt es derzeit fast tausend Volkshochschulen, in Berlin zwölf, für jeden Stadtbezirk eine. Über ihre bundesweit 3600 Außenstellen erreichen sie rund neuneinhalb Millionen Kursteilnehmer im Jahr. Mehr als zehn Prozent der Gesamtbevölkerung in Deutschland sind also ständige „Kunden“. Kein anderer Dienstleister im Non Profit-Sektor hat so großen Zuspruch. Für die Kursteilnehmer ist das „Volkshochschulniveau“, das Politiker einander gern vorwerfen,  kein Schimpfwort. Nach den Wellness-Angeboten sind Sprachkurse mit fast zwei Millionen Belegungen am beliebtesten. Fast eine Million Menschen schreiben sich für berufliche Bildung ein. Mehr als 85 Prozent aller Teilnehmer sind im erwerbsfähigen Alter. Drei Viertel sind Frauen.

Wie alle öffentlichen Bildungsmittler von der Grundschule bis zur Universität sind die Volkshochschulen Zuschussbetriebe. Aber mit einer vierzigprozentigen Eigenfinanzierung durch  Gebühren stehen sie im Zeitalter des Subventionsabbaus weit günstiger da als alle anderen gemeinnützigen Anbieter. Staatliche Aufträge wie Sprachkurse für Aussiedler oder Qualifizierungen für Arbeitslose umfassen bundesweit weniger als drei Prozent aller Lehrgänge und Teilnehmer. Berlin ist eine Ausnahme: Hier besteht das Sprachenprogramm zu zwei Dritteln aus Deutsch- und Integrationskursen für Zuwanderer und Flüchtlinge, die etwa das Arbeitsamt bezahlt.

Solche sozialen und wirtschaftlichen Maßnahmen der öffentlichen Hand sind jedoch keineswegs der Goldesel für die Volkshochschulen: Das Geld dafür muss im Wettbewerb mit privaten Anbietern und Wohlfahrtsverbänden eingeworben werden. Gerade mal das Stundenhonorar für einen qualifizierten Lehrer und kaum mehr die Raummiete springen dabei heraus . Gleiches gilt für die „Bildungsgutscheine“ vom Arbeitsamt. „Derartige Projekte müssen aber die Kosten decken“, sagt Aengenvoort. Denn die Kommunen, die Hauptsponsoren ihrer Volkshochschulen, wollen nicht auch noch auf unterfinanzierte Leistungsangebote der Bundespolitik draufzahlen.    Die VHS ist ganz bewusst ein geistiger Gemischtwarenladen, der auf die lokale Gesamtnachfrage vielfältig antwortet. Oft ist  sie die letzte Chance, zum Beispiel für einen nachgeholten Hauptschulabschluss. Den machen rund Zehntausend im Jahr. Halb so viele gelangen zur mittleren Reife, einige Hundert so gar zum Abitur. „Bildung ist Bürgerrecht“ lautet ein politisches Versprechen, und die VHS ist der Garant dafür, wenn andere schon abgewinkt haben.

Das Image einer Anlaufstelle für Benachteiligte oder Pechvögel ist heute freilich nur bedingt gewinnend.  Eben darum rückt Verbandsvertreter Aengenvoort   das Gegenbeispiel vom Erfolgsmenschen in den Vordergrund, der die Fachkräfte der VHS als Persönlichkeits- und Werbeberater nutzt.

Das jüngste Vorhaben seines Verbandes: Apoll, ein Internet-Portal, das es Analphabeten erlauben soll, im stillen Kämmerlein Schwächen im Lesen, Schreiben und Rechnen zu beheben. Die Initiative richtet sich an gut sechs Prozent der Gesamtbevölkerung. Überhaupt muss sich der bisherige „Präsenzveranstalter“ VHS laut Aengenvoort in Zukunft zum multimedialen Anbieter wandeln, der auch orts- und zeitunabhängige Lernmöglichkeiten bereit hält. Die entsprechenden Lern- und Übungseinheiten können aus Kostengründen nur für den gesamten VHS-Verband,  produziert werden, sagt der Verbandsdirektor: „Unsere Volkshochschulen werden gewiss ein bunter Strauß bleiben – aber doch mehr Ton in Ton.“

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