Gesundheit : Der Dissident kehrt an sein Institut zurück

Heiko Schwarzburger

Mehr als zehn Jahre hat die Humboldt-Universität (HU) Berlin gebraucht, um sich offen ihrer SED-Vergangenheit zu stellen. Beharrlich wurden die unangenehmen Geschichten um exmatrikulierte Studenten und mit Berufsverbot belegte Wissenschaftler ignoriert. Doch das Schweigen bröckelt: Als gestern am Institut für Chemie in Mitte eine Ehrentafel für Robert Havemann enthüllt wurde, standen Wissenschaftler der Universität und Weggefährten des berühmten Dissidenten nebeneinander.

Ein kleines Grüppchen hatte sich vor dem alten Ziegelbau aus der Gründerzeit gefunden, um Havemann an seinem 90. Geburtstag zu ehren. Im großen Hörsaal des Instituts hatte der Chemiker während des Wintersemesters 1963/64 seine berühmten Vorlesungen über "Naturwissenschaftliche Aspekte philosophischer Probleme - Dialektik ohne Dogma" gehalten. Vor über 1000 Hörern aus der ganzen DDR und Westberlin griff er damals die Bevormundung der Wissenschaftler durch die Stalinisten in der SED-Führung an. Er brachte die Erstarrung des politischen Systems der DDR in Zusammenhang mit dem ideologischen Dogmatismus in der offiziellen Auslegung des Marxismus und Leninismus. "Wahre Freiheit haben wir erst, wenn es für unser Tun und Lassen eine breite Skala von Möglichkeiten gibt", sagte Havemann damals. "Je mehr man nicht tun darf, um so weniger Freiheit." Die Studenten rissen sich um seine Manuskripte, sie wurden vielfach abfotografiert und unter der Hand weiter verbreitet. Für das SED-Politbüro wurde der Alt-Kommunist, der unter den Nazis wie Erich Honecker im Zuchthaus Brandenburg gesessen hatte, zur unerwünschten Person. Denn für den Fall, dass sich die SED-Führung weit reichenden Reformen verweigert, sagte Havemann ein Ende der stalinistischen Herrschaft in der DDR voraus.

1964 griff die Stasi zu

Als die DEFA die Abschlussvorlesung Havemanns im Februar 1964 filmte, griff die Staatssicherheit zu, beschlagnahmte die Filmrollen und verhörte das Aufnahmeteam. Die SED-Führung ordnete die fristlose Entlassung als Hochschullehrer an und schloss Havemann aus der Partei aus. Bis zum Dezember 1965 konnte er noch in der Arbeitsstelle Fotochemie der Akademie der Wissenschaften der DDR arbeiten, dann traf ihn auch dort die fristlose Kündigung. Havemann publizierte weiter, unter anderem mit Hilfe westlicher Medien verschaffte er sich immer wieder Gehör.

1976 protestierte er gegen die Ausbürgerung seines Freundes Wolf Biermann, im November des gleichen Jahres wurde er endgültig unter Hausarrest gestellt. Im April 1979 beschlagnahmte die Staatssicherheit in stundenlangen Hausdurchsuchungen seine Schreibmaschine, Manuskripte, fast die gesamte Bibliothek, persönliche Briefe, Kassettenrecorder und anderes mehr. Der Arrest wurde im Mai 1979 aufgehoben, allerdings musste Havemann wegen seiner Publikationen im Westen vor Gericht. Die Richter verurteilten ihn zu einer Geldstrafe von 10 000 Mark. Ein Prozess wegen Rechtsbeugung gegen Havemanns Richter ist derzeit noch anhängig.

Kritik der Industriegesellschaft

1980 erschien Havemanns letztes Buch: "Morgen. Die Industriegesellschaft am Scheideweg", in dem er sich vom Alleinanspruch des Marxismus als wissenschaftlicher Weltanschauung verabschiedete. Mehr noch: weder der moderne Kapitalismus noch der reale Sozialismus können die globalen Probleme der Menscheit lösen, schrieb Havemann als sein Vermächtnis. Damit ging er weit über die Analyse des inneren Systems der DDR hinaus. Als er am 4. April 1982 starb, befand er sich in nahezu vollkommener Isolation. Die Mehrheit seiner politischen Freunde war in den Westen gegangen.

Dennoch beeinflussten seine Thesen maßgeblich die Bürgerrechtsbewegung vor und während der Herbsttage 1989, er galt als Ikone der DDR-Opposition. So gehörten seine Thesen zu den wichtigsten Forderungen beispielsweise des Neuen Forums.Christof Geisel, Christian Sachse: "Wiederentdeckung einer Unperson: Robert Havemann im Herbst 1989", Schriftenreihe des Robert-Havemann-Archivs (Band 5), 224 Seiten, 16,80 Mark. Bestellungen über

Robert-Havemann-Archiv, Schliemannstraße 23, 10437 Berlin, Telefon: 44710810, Fax: 44710819, E-Mail: havemannarchiv@havemann-gesellschaft.de

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