Gesundheit : „Der Dreck in der Brühe ätzt schnell alles kaputt“

In den unterirdischen Kammern der Dresdner Strom- und Fernwärmeversorgung sind die Schäden groß – Berliner Helfer im Einsatz

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Von Gideon Heimann

Es gibt Grundbedürfnisse, die werden ganz selbstverständlich gestillt. Ein Druck auf den Schalter: Licht brennt, ein Dreh am Thermostat: Wärme strömt. Wir betrachten das – wohl auch ein wenig abschätzig – unter dem Begriff „Infrastruktur“. Sie ist in unserem Leben immer vorhanden gewesen, und so merken wir gar nicht mehr, wie abhängig wir von ihr geworden sind.

Dresden, eine Großstadt mit rund 480 000 Einwohnern, knapp zwei Wochen nach Einzug der Flut: Das Wasser ist wieder weg, die Altstadt wirkt in einigen Bereichen eigentlich schon fast wieder wie vorher. Sicher, die Kaufhäuser sind noch nicht geöffnet, Schuttberge hier und da, Modergeruch auch, aber überall werkeln fleißige Handwerker, das Leben pulsiert in den Straßen des Zentrums.

Doch das ist nur die sichtbare Oberfläche. Denn die Infrastruktur ist schwer angeknackst. Wir steigen einen Schacht hinab, der sich in der Innenstadt vor dem Ufa-Palast an der Sankt-Petersburger Straße befindet. Michael Stegemann ist mit fünf Kollegen, drei Fahrzeugen und vielen Geräten von der Berliner Bewag nach Dresden gekommen, um zu helfen – so, wie Fachleute anderer Energieversorger auch.

Eine Netzstation der Dresdener Stadtwerke, der Drewag, summte hier, bevor die Wassermassen kamen. Strom der Spannungsebene 10 000 Volt wurde hier geschaltet, die drei Phasen des Drehstroms mit riesigen Schmelzsicherungen abgesichert. Anschließend auf 400 Volt heruntertransformiert, floss die Energie zu benachbarten Wohngebäuden und Läden. Dies ist eine von zahlreichen Netzstationen in der Innenstadt, sie arbeitete, bis der Strom aus Sicherheitsgründen abgeschaltet wurde, denn das Wasser hätte an den Schaltern regelrechte Explosionen verursacht.

„Das muss alles raus“, sagt Stegemann, er weist auf die Schaltanlage, auf korrodierte Hebel und Kontakte: „Der Dreck in der Brühe ätzt fast alles in einem Tag kaputt." Und das Wasser stand hier nicht nur 24 Stunden lang bis unter die Decke. „Schaltgerätewerk Werder“ steht auf der Typplakette, „1966“ ist als Baujahr eingeprägt. „Selbst wenn man sich die Mühe machen wollte, das wieder instandzusetzen, gäbe es dafür wohl keine Teile mehr“, gibt Stegemanns Kollege Thomas Deumer zu bedenken. Sie werden mindestens anderthalb Tage brauchen, hier neue Schaltschränke einzurichten.

In der vergangenen Woche waren sie im Norden der Stadt, haben geholfen, das Gewerbegebiet Elbepark wieder anzuschließen. „Neue Waren gab es genug, die Handelsketten haben Lkw-Flotten mit Fracht geschickt, aber ohne Strom liefen noch nicht einmal die Kassen.“ Als ihr Vorrat an Material zur Neige ging, erhielten sie von den Baumärkten alles Notwendige sofort – damit sie ihre Arbeit schnell beenden konnten.

Zurück in die Innenstadt. Hier konnte niemand warten, bis alles wieder ordentlich verdrahtet ist, Improvisation war gefragt. Um die benachbarten Wohnungen mit Strom zu versorgen, wurde gleich neben dem Einstieg zur unterirdischen Netzstation ein fast zwei Meter hoher grauer Kasten aufgestellt: ein mobiler Nottrafo. Energieversorger halten sich solche Geräte in Reserve, es kann ja immer mal einen Ausfall geben. Und für die Läden am Großkino gibt es ein eigenes Notstromaggregat. „Dumm nur, dass es nicht richtig eingestellt war“, sagt Deumer. Ein Supermarkt-Leiter bat ihn um Hilfe, und nun läuft’s so wie es soll.

Ohne elektrischen Strom geht heutzutage gar nichts mehr, kein Kühlschrank, keine Klimaanlage, keine Waschmaschine, kein Computer und kein Handy. Denn die Akkus der Relaisstationen sind nicht auf tagelangen Stromausfall ausgelegt. Deshalb die Eile, wenigstens eine Grundversorgung einzurichten. Das ist bis auf kleinere Einzugsbereiche geschehen, jedenfalls so weit, wie es in Händen der Drewag liegt. Für die Hausinstallationen sind die jeweiligen Besitzer zuständig, hier gibt es noch viel zu tun.

Fernwärme im Sommer?

Das gilt freilich auch für das erst 1995 in Betrieb gegangene Drewag-Heizkraftwerk Nossener Brücke. Nicht die Elbe, sondern die Weißeritz floss hier hindurch. Ein bislang stets kleiner Bach hatte sich ausgebreitet, fast um einen Kilometer, berichtet Bernd Lehmann. Er leitet die Abteilung Fernwärmenetz der Drewag. Mit dem Ausfall des Heizkraftwerks verlor er 80 Prozent der Produktionskapazität. Aber nicht nur deshalb hat auch sein Bereich schwer gelitten.

Fernwärme? Bei 30 Grad Lufttemperatur möchte man lächeln. Aber halt – der Gedanke an eine Kaltwasserdusche lässt sofort schaudern. Zudem müssen Krankenhäuser versorgt werden, Altenheime und Betriebe – zum Beispiel ein solcher, der die Wäsche der Dresdner Krankenhäuser reinigt. Unter anderem auch dort, im Ortsteil mit dem bezeichnenden n Seevorstadt, wurde daher ein transportables Heizwerk aufgestellt. So gelang es, die auf Wärme unbedingt angewiesenen Einrichtungen in wenigen Tagen wieder zu versorgen.

Und überall stinkender Schlamm

Die Erfolge gehen weiter: Von den etwa 250 000 fernbeheizten Wohnungen der Stadt sind inzwischen nur noch rund 10 000 ohne Versorgung. Um die 3,4 Millionen Euro wird die Sanierung der Fernheizung insgesamt kosten, schätzt Lehmann. Bis alles wieder so ordentlich dasteht wie vor der Flut, kann es aber bis zum Jahreswechsel dauern.

Auch Lothar John ist Berliner, der Fernwärme-Netzmeister der Bewag pumpt mit seinen Mitarbeitern gerade den Raum einer unterirdischen Fernwärme-Übergabestation an der Altmarkt-Galerie im Dresdner Zentrum leer. Die Pumpen, die Johns Gruppe mitgebracht hat, sind für die doppelte Menge Wasser gut, aber das verkraftet der Abwasser-Gully auf dem Grundstück gar nicht.

Auch hier gibt das sinkende, stinkende Nass den Blick frei auf Zerstörtes. Ursache der Schäden war nicht so sehr das Wasser, sondern die Stoffe, die sich abgesetzt haben – ein glitschiger Schlamm, der beim Trocknen zum einen Teil in Staub, zum anderen in eine feste Schicht übergeht. Das muss sofort mit dem Dampfstrahler entfernt werden.

Die Steuerungselektronik der Übergabestationen ist fast überall kaputtgegangen. Aber für den Notbetrieb reicht es aus, wenn die Fachleute per Hand einen Durchschnittswert einstellen. Hauptsache, die Wärmelieferung kommt beim Kunden an. Dafür freilich müssen die Umwälzpumpen in den Stationen arbeiten. Wenigstens ein Trost: Von den großen und recht teuren Stücken haben fast alle „überlebt“. Na, und außerdem muss eine weitere Bedingung erfüllt sein – es muss Strom für die Pumpen geben.

Und die Helfer? Sie arbeiten zwölf bis 14 Stunden täglich, bis die jeweiligen Aufgaben erfüllt sind. Als die Bewag unter ihren Mitarbeitern nachfragte, hatten sich viele Freiwillige für diesen Einsatz gemeldet. Eine Selbstverständlichkeit für sie, damit auch in Dresden Strom und Wärme wieder zu etwas Selbstverständlichem wird.

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