Gesundheit : Der Elite-Test

Berlins Universitäten konkurrieren im Spitzenwettbewerb – doch die Politik des Senats droht, ihre Chancen zu schmälern

Uwe Schlicht

Sind Berlins Hochschulen für die Konkurrenz um Spitzen-Unis und Spitzen-Cluster gut aufgestellt? Die stärksten Konkurrenten im Wettbewerb „Brain up! Deutschland sucht seine Spitzenuniversitäten“ von Bund und Ländern sitzen in Süddeutschland. Sie haben zwei Argumente auf ihrer Seite: Sie sind erstens in finanzstarken Ländern angesiedelt. Zweitens erhalten sie von der Politik die rechtlichen Rahmenbedingungen, die ihnen ein schnelles Agieren gestatten.

Wie steht es dagegen um Berlin? Das Land befindet sich in einem Haushaltsnotstand. Doch die Ministerpräsidenten der 16 Bundesländer wollen zusammen mit dem Bundeskanzler am 17. Juni darüber entscheiden, ob die Förderung von Spitzen-Unis und Exzellenzfeldern in der Forschung Priorität in Deutschland erhält. Die Chancen sind gut, denn nach dem Startschuss des Bundeskanzlers wollen jetzt auch die Länder, die auf ihrer alleinigen Verantwortung für die Lehre bestehen, ihren Finanzanteil erhöhen. Bis zum Gipfeltreffen muss ein Finanzierungsschlüssel gefunden werden. Dann weiß man, wie viele Millionen die Länder aufwenden werden, um den Bundesanteil in Höhe von 1,25 Milliarden Euro gegenzufinanzieren. Die Länder wünschen ausdrücklich, dass der Elite-Wettbewerb nach fünf Jahren neu aufgelegt wird. Berlin aber dürfte sich schwer tun, für seine Spitzenuniversitäten die benötigten zusätzlichen Landesbeiträge zu finanzieren. Eher hofft es, durch die Bundesinitiative entlastet zu werden.

Nicht nur bei den Finanzen sind Zweifel angebracht, ob Berlin die nötigen Anstrengungen unternimmt, um seinen beiden Spitzen, der Humboldt-Universität und der Freien Universität, gute Startchancen zu bieten. Auch die rechtlichen Rahmenbedingungen für einen Erfolg im Wettbewerb können sich in Berlin verschlechtern. Nach dem Aufstand der Basis in der Regierungspartei PDS am Sonntag gegen eine moderne Hochschulpolitik kann man das befürchten. Die Sozialisten wollen keine Eliteuniversität.

Der Master für alle

Die meisten anderen Länder bereiten sich darauf vor, ihre Qualität in der Lehre durch eine möglichst flächendeckende Umstellung auf Bachelor und Master unter Beweis zu stellen. Die PDS will die herkömmlichen Langzeitstudiengänge mit dem Magister- und Diplomabschluss neben Bachelor und Master erhalten. Die Länder wissen, dass nicht alle Bachelorstudenten zum Master zugelassen werden dürfen, wenn es in dem Masterstudium zu einer Förderung der besten Studenten kommen soll. Die PDS möchte jeden Studenten, der es will, zum Masterstudium zulassen. Genauso beim Hochschulzugang: Die Hochschulrektoren und der Wissenschaftsrat fordern für die Universitäten eine Selbstauswahl der Studenten. Die PDS will es bei dem bisherigen Auswahlverfahren nach Abiturnotendurchschnitt und Wartezeit belassen.

Außerdem ist zu befürchten, dass die Berliner Universitäten künftig nicht mehr schnell und effektiv reagieren können, um sich im Wettbewerb zu behaupten. Denn die PDS sieht es als ihre vordringliche Aufgabe, an den Universitäten in allen Gremien – den Fachbereichsräten, dem Akademischen Senat und dem Konzil – die Viertelparität einzuführen (siehe Kasten). Viertelparität heißt, dass nicht mehr die Professoren in den Gremien die Mehrheit haben, sondern alle Gruppen – Professoren, Wissenschaftliche Mitarbeiter, Studenten und Dienstkräfte – die gleichen Stimmenanteile erhalten. Das ist aus Sicht der Kritiker nicht nur rechtlich bedenklich, sondern auch der direkte Weg zurück in eine Zeit, in der die Gremien mit großem Aufwand nach Kompromissen auf dem kleinsten gemeinsamen Nenner suchten und sich die Gruppenuniversität in politische Fraktionen organisierte.

Diese Phase der Stagnation konnte in Berlin erst sehr spät überwunden werden, als die Politiker nicht mehr selbst das Hochschulgesetz gestalteten, sondern den Universitäten in einer Experimentierklausel die Chance boten, sich effektiver zu organisieren. Die Humboldt-Universität und die Freie Universität verbesserten nach einer Stärken- und Schwächenanalyse ihre Position im deutschen Hochschulranking so, dass sie heute zu den heiß gehandelten Anwärtern unter den Spitzenuniversitäten zählen.

Ständige Konflikte

Was erwarten die Universitäten, die sich als Elite-Hochschulen bewerben, vom Land Berlin? Der Präsident der Freien Universität, Dieter Lenzen, fordert: „Wenn der Bund nach einem offenen Wettbewerb in die Humboldt-Universität und in die Freie Universität zusätzliche Gelder hineinstecken will, dann muss Berlin mitspielen.“ Außerdem plädiert er für starke Universitätsleitungen: „Die Universitätsleitung muss entscheiden können, welche Gelder sie wofür von einem Wirtschaftsunternehmen annimmt.“ Würde der Einfluss der Leitungen mit der Viertelparität beschnitten, könnte es ständig zu Konflikten mit den Gremien kommen, zum Beispiel, wenn diese zusätzliche Gelder lieber in die Lehre stecken wollten statt in die Forschung. Dann könnte das Unternehmen von einer Förderung Abstand nehmen, befürchtet Lenzen.

Auch der Vizepräsident der Humboldt-Universität, Heinz Elmar Tenorth, glaubt, dass die Viertelparität Berlins Universitäten lähmen würde: „Die Universitäten müssen vertragsfähig sein.“ Tenorth sagt Schwierigkeiten mit den Gremien voraus, besonders, wenn die Bundesmittel nur zur Förderung der Forschung und des wissenschaftlichen Nachwuchses fließen, das Land Berlin aber für die Lehre nicht die zusätzlichen Gelder zur Verfügung stellt.

Die Technische Universität will im letzten Augenblick, bevor die rot-rote Koalition den Hochschulen der Stadt ein neues Hochschulgesetz bescheren wird, eine Reformsatzung beschließen. TU-Präsident Kurt Kutzler sagt: „Eine Spitzenuniversität muss sich auf Schwerpunkte und Profile konzentrieren. Das wird mit einer Viertelparität in den Gremien nicht möglich sein. Dazu braucht man persönlich verantwortliche Leitungen.“

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