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Schwabenstreich: Tübinger Archäologen finden die bisher ältesten von Menschenhand geschnitzten Figuren

Michael Zick

„Das sind die ältesten Stücke figürlicher Kunst in der Welt“, kommentiert im Wissenschaftsmagazin „Nature“ der britische Archäologe Anthony Sinclair die Funde seiner deutschen Kollegen – und zwar „ohne Zweifel“. Die hochgelobten drei Figürchen werden heute an ihrem Fundort auf der südwestdeutschen Schwäbischen Alb der Öffentlichkeit vorgestellt. Sie stoßen die südfranzösischen und spanischen Höhlenmalereien als älteste Zeugnisse menschlicher Kreativität vom Sockel.

Was den Forscher von der Insel so begeistert, ist die Fortsetzung einer archäologischen Erfolgsgeschichte: In den vergangenen Jahren holten Wissenschaftler der Tübinger Universität aus Höhlen an den Donaunebenflüssen Ach und Lone insgesamt 20Kunstwerke ins Licht der Gegenwart, die bei allen Unterschieden in Form und Erhaltungszustand eines gemeinsam haben: Sie sind mehr als 30000 Jahre alt. Die neuesten Funde sollen es gar auf 33 000 Jahre bringen.

Die glücklichen Finder, Nicholas Conard und sein Team, sind in der Vorstellung ihrer urgeschichtlichen Schätze in „Nature“ zurückhaltender als der britische Kommentator, doch auch sie gehen davon aus, dass sie in den Höhlen zwischen Tübingen und Ulm einen Blick ins älteste Künstleratelier der Menschheit werfen. Hier explodierte erstmals die kreative Kraft und der Gestaltungswille des Homo sapiens sapiens.

Um an die Zeugnisse dieses anatomisch modernen Menschen, also unseres direkten Vorfahren, zu kommen, haben sich die Tübinger Urzeitforscher seit fünf Jahren durch den Abfall der Jahrzehntausende gewühlt. Vorsichtig natürlich und langsam: Neun Kubikmeter Erde, Steinabfälle und organische Reste haben sie allein in der ergiebigsten Schicht IV der Höhle Hohle Fels durchsiebt – mit ständig steigendem Erfolg. Eines der Figürchen, die Conard heute der Öffentlichkeit vorstellt, ist ein aus Mammutelfenbein geschnitzter Tierkopf, vermutlich ein Pferd, von knapp vier Zentimetern Länge. Augen, Nüstern und Maulpartie sind deutlich gestaltet.

Das zweite ist ein Wasservogel in gestreckter Flug- oder Schwimmhaltung, drei Zentimeter lang und ebenfalls aus einem Mammutstoßzahn geschnitzt, auf dem Rücken sind sogar Federn angedeutet.

Die dritte Elfenbein-Miniatur, keine drei Zentimeter groß, ist für Conrad das wichtigste Stück. Es ist ein aus Kopf, Körper, Arm, Schulter und Hinterteil bestehendes Mischwesen aus Menschenkörper und Tierkopf, vermutlich der eines Löwen. Dazu nämlich gibt es einen großen Bruder, den 30 Zentimeter langen „Löwenmenschen“, der bereits 1939 in der gleichen Gegend gefunden wurde. Conard: „Die Künstler müssen der gleichen Kulturgruppe angehört haben.“ Und sie praktizierten, so liest er aus den Figuren weiter, eine Form von Schamanismus.

Zusammen mit zahllosen anderen geschnitzten Figuren von Wildschwein und Mammut, Wisent und Bär, ergänzt durch die älteste Flöte aus Schwanenknochen und Schmuck belegen die neuen Funde „ein Zentrum kultureller Innovation“ (Conard) im Südwesten Deutschlands.

Denn das ist das Merkwürdige an den urgeschichtlichen Kunst-Funden: In der Gegend lebten seit rund 100000 Jahren die Neandertaler, anpassungsfähige Jäger und Sammler mit Sprache und Verstand, die viele Zeugnisse auch geistiger Regsamkeit hinterließen – aber keine Kunstwerke. Doch auch der Homo sapiens, der vor 40 000 Jahren aus Osten kommend donauaufwärts bis ins Schwabenländle einwanderte, hinterließ auf seinem langen Weg nicht eine Spur von künstlerischem Gestaltungswillen.

Mit einem Schlag wurde vor 33 000 Jahren auf der Schwäbischen Alb die Kunst geboren. „Das ist wirklich schwer zu deuten“, gibt Conard zu. Er gehört nicht zu den Wissenschaftlern, die von einer kontinuierlichen Entwicklung auch des Künstlerischen ausgehen, deren Frühformen man nur noch nicht gefunden habe.

Der Tübinger Professor aus den USA liest aus seinen urgeschichtlichen Funden einen „kreativen Big Bang“, der die Kunst in die Welt setzte. Warum hier und jetzt? Vielleicht, denkt Conard, hat der kulturelle Austausch zwischen den ansässigen Neandertalern und den Einwanderern den „Ausbruch von Kulturleistungen in Mitteleuropa verursacht“.

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