Gesundheit : Der erste Schritt

Umstrittene Premiere: US-Forscher wollen embryonale Stammzellen einsetzen, um Gelähmte zu behandeln

Elke Binder[Pittsburgh]

Schon einmal hatten die Forscher von Geron die Nase ganz vorne. 1998 isolierte James Thomson von der Universität von Wisconsin in Madison im Auftrag der kalifornischen Biotech-Firma die ersten menschlichen embryonalen Stammzellen (ES-Zellen) weltweit. Jetzt will das Unternehmen wieder Vorreiter sein: Die wandlungsfähigen Zellen sollen im Sommer 2006 erstmals querschnittsgelähmten Menschen injiziert werden.

Damit wollen die Geron-Biologen in die Tat umsetzen, wovon Stammzell-Lobbyisten aus Wissenschaft, Politik und Medien seit jenem historischen Tag vor sieben Jahren reden – davon, eine Heilung für so verschiedene Krankheiten wie Diabetes, Parkinson und Alzheimer zu finden. Viele Betroffene hoffen. Zuletzt votierten im vergangenen Herbst die Bürger von Kalifornien dafür, drei Milliarden Dollar für das umstrittene Unterfangen zur Verfügung zu stellen. „Ich bin über den Punkt der Hoffnung hinaus“, sagte der Geron-Forscher Hans Keir– stead von der Uni von Kalifornien in Irvine nun dem Fachblatt „Science“. „Die Frage für mich ist, wann die Anwendung beginnt.“

Keirstead hat Grund zum Optimismus. ES-Zellen sind deshalb so gefragt, weil sie sich noch in fast alle Zellarten unseres Körpers verwandeln können. Sie aber tatsächlich im Labor dazu zu bringen, zum Beispiel zu den Insulin-produzierenden Zellen zu werden, die bei Diabetikern defekt sind, oder zu den Neuronen, deren Fehlfunktion zu Parkinson führt, das ist eine äußerst verzwickte Angelegenheit.

Keirstead hat jetzt eine Methode entwickelt, die eine solche Verwandlung bewerkstelligt, und zwar in die Vorläufer von Nervenzellen namens Oligodendrozyten. Diese sondern eine Isolierschicht ab, die es den Nervenfasern ermöglicht, Signale weiterzuleiten. Bei Querschnittsgelähmten ist sie beschädigt.

Schon 1999 war dies dem deutschen Stammzellforscher Oliver Brüstle vom Uniklinikum Bonn gelungen – bei Mäusen. Keirstead gewann menschliche Vorläuferzellen und injizierte sie verletzten Ratten, direkt in das Rückenmark. Das Wunder geschah: Wie der Neurobiologe im Mai im „Journal of Neuroscience“ berichtete, konnten die Tiere danach wieder besser laufen. Es ist der erste Beweis, dass durch eine solche Zelltherapie der Bewegungsfähigkeit von Tieren geholfen werden kann. Offenbar hatten sich die Zellen um die beschädigten Nervenfasern gewickelt und so die Isolierung wieder hergestellt. Allerdings erholten sich nur frisch verletzte Ratten, nicht solche, deren Verletzung Monate zurücklag. Ein ernüchterndes Ergebnis für die querschnittsgelähmten Menschen, die derzeit auf Heilung hoffen.

Keirstead wird seine Zellen deshalb auch nur einigen wenigen frisch verletzten Patienten einspritzen. Zudem warnt er vor zu hohen Erwartungen: „Dies sind erste Versuche, wir erwarten keine Heilung.“ Vor allem wolle er zeigen, dass eine solche Behandlung sicher ist. Aus genau diesem Grund ist jedoch fraglich, ob die Tests von Geron schon im nächsten Sommer stattfinden werden. Denn Zelltherapien müssen wie Medikamente von der US-Arzneimittelbehörde FDA (Food and Drug Administration) genehmigt werden. Ihre Wirkung ist aber mitunter komplexer als die von Wirkstoffen. Wie die Kriterien für ihre Sicherheit aussehen sollen, weiß die FDA daher noch nicht. Die Behörde wird zunächst Fall für Fall entscheiden.

Tatsächlich halten selbst die meisten Stammzell-Befürworter Gerons Vorstoß für übereilt. Denn gerade die Fähigkeit, die die Alleskönner so beliebt macht, birgt auch ein enormes Risiko: ES-Zellen können sich unbegrenzt teilen – und so kann nicht nur neues Gewebe, sondern auch ein Krebstumor entstehen. Aus Versuchen an Mäusen ist dies lange bekannt. Wie real die Gefahr ist, zeigten kürzlich Forscher um Ahmed Mansouri vom Göttinger Max-Planck-Institut für biophysikalische Chemie. Sie hatten aus menschlichen ES-Zellen Neuronen gewonnen, die eines Tages Parkinson-Kranken helfen sollen. Diese spritzten sie zwei Weißbüschelaffen ins Gehirn: Beide wurden kurz danach wegen Tumorverdacht eingeschläfert.

Die Forscher von Geron glauben, das Problem im Griff zu haben. Schließlich wolle man nicht rohe ES-Zellen verwenden, sondern spezialisierte Neuronen. Diese könnten dann nur noch eines – sich in die Oligodendrozyten verwandeln. Eine gute Idee, wäre da nicht die Möglichkeit, dass das Zellelixier doch noch verunreinigt ist. Denn auch Mansouri vom Göttinger Max-Planck-Institut hatte spezielle Neuronen verwendet. Nur eine einzige ES-Zelle unter diesen Hirnzellen könnte aber möglicherweise den Tumor ausgelöst haben, erklärte Mansouri später der Presse.

Gerons Team testet seine Zellen deshalb an Mäusen, denen ein Immunsystem fehlt. Sollten diese ein Jahr überleben, ohne Krebs zu entwickeln, sieht Keirstead seine Zellen als sicher an. Allerdings lauert dann immer noch eine Gefahr: Die meisten derzeit bestehenden Stammzell-Linien wurden in Nährlösungen mit tierischen Zutaten gezüchtet. Prinzipiell wäre es so möglich, dass ein neuer Virus auf den Menschen überspringt. Zwar gibt es mittlerweile Methoden, die ohne diese Bestandteile auskommen. Doch nur die bestehenden Kolonien sind gut charakerisiert: Keirstead will deshalb Zellen der Linie von 1998 verwenden.

Frühestens in zehn Jahren seien klinische Versuche sinnvoll, sagen aus allen diesen Gründen die meisten Stammzell-Experten. Sie fürchten, dass ihrem Feld durch übereilte Experimente Schaden zugefügt werden könnte. Denn sollte dabei etwas schief laufen, könnte der Stammzellforschung schnell die öffentliche – und finanzielle – Unterstützung entzogen werden.

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