Gesundheit : Der erwachsene Zappel-Philipp

Aufmerksamkeitsstörung und Hyperaktivität beginnen in der Kindheit – doch nicht immer enden sie mit ihr

Adelheid Müller-Lissner

Wenn von „Hyperaktivität“ die Rede ist, muss immer wieder eine literarische Figur als Paradebeispiel herhalten: „Zappel-Philipp“, der Junge, der in der Bilderbuchgeschichte des Frankfurter Arztes Heinrich Hoffmann so gefährlich mit seinem Stuhl kippelt und schließlich unter dem Tischtuch begraben wird. Der zappelnde Störenfried rückt allerdings nur einen Aspekt der Störung ins Bild, den überstarken kindlichen Bewegungsdrang. Nach ihm wurde die Krankheit jahrelang als „Hyperkinetisches Syndrom“, kurz HKS, bezeichnet. Heute hat sich eine andere Abkürzung eingebürgert: ADHD, das steht für Attention-Deficit/Hyperactivity Disorder. Neben der körperlichen Überaktivität umfasst sie auch Probleme mit der Aufmerksamkeit und auffallende Impulsiviät des Handelns.

Und es sind nicht nur Kinder und Jugendliche, die darunter leiden. Nehmen wir nur Philipps Vater: Wippt er nicht unter dem Tisch unablässig mit seinen Füßen, ist der impulsive Griff nach dem Messer nicht weit mehr als eine „pädagogische“ Handlung? Und wirkt die auffallende Ruhe der Mutter nicht wie ein Versuch zum Ausgleich seiner oft sehr schwierigen Art?

Elf Prozent der Menschen, bei denen in der Kindheit und Jugend Hyperaktivität diagnostiziert wurde, leiden einer amerikanischen Studie zufolge auch im Erwachsenenalter noch unter einigen der typischen Symptome. Die Patienten, die in die ADHD-Spezialambulanz des Berliner Franklin-Klinikums kommen, sind meist zwischen 18 und 45 Jahre alt. Die jüngsten unter ihnen kommen, weil sie in Behandlung bleiben müssen, in der Kinder- und Jugendpsychiatrie aber nicht mehr weiter betreut werden können. Patienten über 25 kommen aber oft erstmals mit den schwer fassbaren Beschwerden zu einem Arzt.

„Ich kriege es einfach nicht auf die Reihe“, das sei eine typische Klage, berichtet der Psychiater Michael Colla. „Es“, das sind berufliche und private Anforderungen, für die Konzentration, Strukturiertheit und Impulskontrolle Voraussetzungen sind.

Hyperaktive Kinder fallen meist in der Schule auf, weil sie zum Beispiel nicht stillsitzen können und weniger leisten, als sie aufgrund ihrer Intelligenz eigentlich könnten. Im Erwachsenenalter nimmt die motorische Unruhe meist ab: Der sozial angepasstere Vater wippt nur mit dem Fuß, während Philipp mit dem Stuhl kippelt und den Mittagstisch in Gefahr bringt. Vielleicht kann er sogar einen Beruf wählen, der zu seiner leichten Unruhe. Und seine Impulsivität ist doch auch charmant und anregend, seine Umtriebigkeit ein Gewinn für die Menschen in seiner Umgebung? Das ist nur die eine Seite der Medaille. Colla nennt auch die andere: „Wir vermuten heute, dass bei ADHD-Patienten die exekutiven Funktionen gestört sind, also alles, was zur Ausführung von Plänen wichtig ist.“ Die Betroffenen erleben, dass ihre privaten und beruflichen Projekte immer wieder scheitern. Amerikanische Psychologen und Psychiater brachten die Auswirkungen im Fachblatt „Journal of Psychiatric Practice“ (Band 8, 2002) auf den Punkt: „Während ein Kind einem anderen während des Spiels impulsiv das Spielzeug wegnimmt, kündigt ein Erwachsener vielleicht ebenso impulsiv seinen Job, kauft ein Haus oder verlässt seinen Partner.“

Erwachsene finden allerdings auch häufig sozial akzeptierte Formen, ihre Unruhe zu verbergen. Zum Beispiel mit einer Zigarette in der Hand: Über die Hälfte aller ADHD-Patienten rauchen. Viele suchen Erleichterung im Kiffen. Cannabis-Konsum ist eine nahe liegende Art der Selbstmedikation, denn es beruhigt. Zugleich mindert es allerdings auch den Antrieb.

Noch gibt es keinen einzelnen Test, mit dem Hyperaktivität sicher diagnostiziert und von anderen Störungen abgegrenzt werden könnte. Die Psychiater erhärten ihre Diagnose allerdings durch ein ganzes Set von Tests. Wichtig sind dabei nicht zuletzt die Informationen über die Kindheit. Denn ADHD tritt im Erwachsenenalter nicht neu auf. „Wir schauen uns nach Möglichkeit die Zeugnisse der ersten vier Schuljahre genau an“, sagt Colla. „Unruhig und leicht ablenkbar“, „kann sich schlecht konzentrieren“: Das sind altbekannte Formulierungen der Grundschullehrer, hinter denen sich oft eine hyperkinetische Störung verbirgt.

Außerdem ist aufschlussreich, ob es andere Fälle in der Familie gibt. Es gibt Hinweise darauf, dass besonders die Form von Hyperaktivität, die im Erwachsenenalter fortbesteht, genetische Grundlagen hat. „ADHD ist keine Charaktereigenschaft, sondern eine neuropsychologische Störung“, resümiert Colla. Sie kann auch bei Erwachsenen behandelt werden, und das sollte gleichzeitig auf zwei Wegen geschehen. Anders als die Kinder bekommen erwachsene Patienten zunächst Antidepressiva. „Bei 60 bis 70 Prozent von ihnen bringen diese Mittel, die das Noradrenalinsystem beeinflussen, eine Besserung.“ Erst wenn sie nicht helfen, kommt Methylphenidat („Ritalin“) zum Einsatz, das immer wieder für heftige Debatten sorgt.

Kritiker monieren, mit dem Amphetamin würden Kinder „ruhiggestellt“ und „angepasst“. Andererseits ist das Medikament oft die segensreiche Basis für eine Verhaltenstherapie, für dauerhafte Freundschaften und Erfolge in der Schule. Wird es Erwachsenen verordnet, so geschieht das ohnehin auf Grund ihrer ausdrücklichen Zustimmung. Außerdem gilt auch für sie: Die Medikamente wirken keine Wunder, sondern schaffen die Grundlage für eine Verhaltensänderung, die der Betroffene selbst betreiben muss. Verhaltenstherapien haben sich hier als wirksam erwiesen.

Der Psychotherapeut kann für den erwachsenen ADHD-Patienten eine Art „Coach“-Funktion übernehmen. Wenn der eigene Partner diese Funktion hat, ist das oft eher heikel. Auch die Dame des Hauses wirkt auf den Zappel-Philipp-Bildern nicht sehr glücklich.

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