Gesundheit : Der europäische Traum

Kann die EU Heimat sein? Intellektuelle diskutieren in Zeiten der Kriegsangst und diplomatischer Misstöne

Amory Burchard

Was die Europäer heute bewegt? Wenn es gegen Amerika und den Irak-Krieg geht, marschieren sie durch die Straßen. Dann freuen sie sich, voneinander zu hören: In Berlin waren es 500 000, in Barcelona 1,3 Millionen. Wenn es darum geht, sich hinter die USA zu stellen, schreiben acht europäische Regierungschefs eine Loyalitätsadresse. Die osteuropäischen Beitrittskandidaten schließen sich an. Und bekommen dafür vom französischen Staatspräsidenten den Mund verboten. Als sich alle Europäer eine Woche später auf eine gemeinsame Linie im Irak-Konflikt einigen, war das nur noch Notfall-Kosmetik.

Kurz vor der Osterweiterung droht die Europäische Union also aufgerieben zu werden – zwischen Solidarität im Antiamerikanismus und diplomatischen Misstönen. Wie kann man in diesem Moment von „Europa als Heimat“ sprechen? Das Europäische Forum, das vierteljährlich Intellektuelle in Berlin über sensible Fragen am Vorabend der Osterweiterung diskutieren lässt, verlangt genau dies. Am Ende klagt Klaus Harpprecht, der Publizist und außenpolitische Berater Willy Brandts, die deutschen Intellektuellen an, „keine Verdienste um Europa“ zu haben. Seine Nachbarn auf dem Podium gucken betroffen. Warum? Weil Harpprecht der einzige ist, der den derzeit desolaten Zustand der Union nicht tragisch nimmt. Die europäische Außenpolitik werde das alles überleben und die EU langsam aber sicher weiter zusammenwachsen – getragen von der wirtschaftlichen Notwendigkeit.

In dem polnischen Historiker und Chefredakteur der Warschauer Gazeta Wyborcza, Adam Michnik, hat Harpprecht anfangs noch einen Mitstreiter. Es lebe die europäische Integration, sagt Michnik. Die Integration – und die Osterweiterung – ist die erste Revolution in der Geschichte Europas, die nur positive Ziele hat. Wenn Polen EU-Mitglied wird, werden die größten Träume der polnischen demokratischen Opposition wahr. Den Bogen zum Heimatgefühl spannt der enthusiastische Michnik auch noch: Im Namen der Liebe zur Heimat – einer multikulturellen Heimat wie es Galizien unter Kaiser Franz Joseph war – muss man für Europa sein. Denn die EU ist eine Garantie gegen den Totalitarismus.

Der kritische Kopf Adam Michnik aber kann nicht über die Ereignisse der letzten Monate hinwegsehen und auch nicht über die sich abzeichnende Katastrophe beim polnischen Referendum über den EU-Beitritt. Die europäische Politik drohe, „aus der Kurve zu fliegen“. Der neue Antiamerikanismus und eine neue Nähe zu Russland, der Rüffel Chiracs – damit seien die Polen nicht ins Boot zu holen. Europäische Außenpolitik darf nicht bedeuten, ein Gegengewicht zu den USA aufzubauen, sagt Michnik. Vielmehr müssten Europa und die USA weiterhin einen „starken euroatlantischen Block demokratischer Staaten“ bilden.

Michniks Bündnispartner auf dem Podium ist Maarten Brands, Direktor des Deutschland-Instituts in Amsterdam. Europa werde heute als selbstverständlich hingenommen. Tatsächlich aber sei die Union zur Zeit sehr fragil – und Bundeskanzler Schröder „riskiert, dass sie kaputt geht“.

Als Utopie taugt Europa noch und niemand zweifelt an den europäischen gemeinsamen Werten. Aber Heimat? Maarten Brands, Gast am Berliner Wissenschaftskolleg und davor ein Jahr in New York, bekennt sich dazu, das Wort nur selten zu gebrauchen. Er fühle sich eher „in Gesellschaften“ zu Hause. Seine Identität sei „ein wenig national, regional und europäisch“ und ein wenig fühle er sich auch als Weltbürger. Wenn ihm das zu anstrengend werde, kehre er einfach zurück zu seinem Kirchturm in seinem holländischen Dorf – und sei es in Gedanken.

Dorf, Heimat. Für Herta Müller, die rumäniendeutsche Schriftstellerin, ist das eine unselige Paarung. Im Dorf der deutschen Minderheit war „Heimat“ ein kollektiver Zwang, der keine individuelle Identität zuließ. In Deutschland, wo sie seit 1987 lebt, fühlt sich Herta Müller gerade einmal „geduldet“. Wie soll sich da ein Selbstverständnis entwickeln? Ähnlich könnte es den Osteuropäern in Bezug auf die EU gehen, fürchtet Müller.

Aber Europa ist immer für Wunder gut, sagt dann noch einmal Klaus Harpprecht. Er bittet Michnik, seinen Landsleuten wenigstens eines zu erklären: Ihr habt die Chance, euch in Europa ebenso gut zu entwickeln, wie Spanien, Portugal und Griechenland.

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