Gesundheit : Der Forscher am Ohr des Premierministers

Charismatisch und gewandt: Wie Tony Blairs Chefberater Sir David King die Briten für die Wissenschaft gewinnt

Tilmann Warnecke

Als die Tsunami-Welle Weihnachten 2004 an den Küsten Asiens mehr als 200 000 Menschen in den Tod riss, hätte das Ausmaß der Katastrophe nicht so groß sein müssen. Wissenschaftler hatten erst im Sommer des gleichen Jahres Sri Lanka und Indien bereist, um die Regierungen der Länder vor einem Tsunami zu warnen und sie zu bewegen, sich um Vorsorge für die Küstenbewohner zu kümmern. Umsonst: Bereits untere Beamte schmetterten den Wunsch der Wissenschaftler ab, ihr Anliegen bei den zuständigen Ministern vortragen zu können.

Ein besonders tragisches Beispiel für eine völlig misslungene Politikberatung, sagt Sir David King, der Chefwissenschaftsberater des britischen Ministerpräsidenten Tony Blair – und leider auch ein typisches: „Regierungen in der ganzen Welt ignorieren die Ratschläge von Wissenschaftlern – und setzen so das Leben der Bevölkerung aufs Spiel.“

Wie muss die wissenschaftliche Beratung von Politik organisiert sein, damit Wissenschaftler tatsächlich beim Premierminister, beim Ministerpräsidenten Gehör finden? Und wie kann die wissenschaftliche Qualität der Politikberatung gewährleistet werden? Diesen Themen widmete sich Sir David jetzt an der Berlin-Brandenburgischen Akademie der Wissenschaften am Gendarmenmarkt. Ein „Chief Scientific Adviser“, so der offizielle Titel von Sir David, gilt auch hierzulande oft als eine vorbildliche Lösung, um Wissenschaft und Politik besser zu vernetzen. Vor der Bundestagswahl hatte Ernst-Ludwig Winnacker, der Präsident der Deutschen Forschungsgemeinschaft, ein solches Amt für die neue Bundesregierung gefordert: Einen Topwissenschaftler am Ohr der Bundeskanzlerin.

Nun gibt es in Großbritannien anders als in Deutschland kein Forschungs- und Bildungsministerium, das sich um die Belange von Unis, außeruniversitären Instituten und Schulen kümmert. Der Chief Adviser kümmert sich allein um die Forschungspolitik – anders als in Deutschland aber um die Forschung in allen Ministerien.

Ein großer Pluspunkt für das britische Modell ist Sir David selbst. Der Chemieprofessor aus Cambridge ist charismatisch, mediengewandt und kann auch komplizierteste Dinge wunderbar einfach erklären. Um beratungsresistente Politiker und die skeptische Öffentlichkeit zu überzeugen, greift er zu unkonventionellen Mitteln. Als er dem britischen Unterhaus vorführen wollte, dass die Klimaerwärmung „die größte Gefahr der Menschheit im 21. Jahrhundert“ ist, zeigte er den Parlamentariern eine Karte, die die steigende Gefahr von Flutkatastrophen für jeden einzelnen Wahlkreis darstellte. „Die Abgeordneten waren völlig erschüttert“, erinnert sich der Chemiker. Denn sie konnten lesen, dass sich die Wahrscheinlichkeit für Flutkatastrophen in den nächsten Jahrzehnten in praktisch jedem Wahlkreis verdoppelt, wenn die Welt so weitermacht wie bisher – also auch in ihrem eigenen. Um die Bevölkerung von der Wichtigkeit von Zukunftstechnologien zu überzeugen, reist er derzeit von Ort zu Ort und diskutiert mit Einwohnern, die per Zufallsprinzip aus dem Telefonbuch ausgewählt werden und womöglich noch nie in ihrem Leben etwas von Nanotechnologie gehört haben.

Wichtiger aber sei, sagt der britische Chefwissenschaftler, dass er mehr als ein Berater ist. Er hat handfeste Kompetenzen, sprich: Er entscheidet übers Geld. Jedes Ressort, das zur Unterstützung seiner Arbeit wissenschaftliche Studien in Auftrag geben will, muss sein Forschungsbudget vom Oberforscher absegnen lassen. Neun Vizeberater konnte er inzwischen in den einzelnen Ministerien platzieren, die allein ihm und Tony Blair verantwortlich sind. Es gelten für alle Studien dieselben Qualitätsstandards.

Gefälligkeitsforschung versucht Sir David soweit es geht zu unterbinden: „Unsere Politiker müssen lernen, dass sie auch Wissenschaftler berücksichtigen, die unbequeme Meinungen haben.“ Auch die Forscher müssen sich einem Wettbewerb stellen. Auf dem Höhepunkt der Maul- und Klauenseuche in Großbritannien, Anfang 2001, beauftragte Sir David Wissenschaftler aus Cambridge, Edinburgh und vom Imperial College unabhängig voneinander, so schnell wie möglich eine Strategie zu entwickeln, um die Tierkrankheit einzudämmen. Innerhalb von einem Monat war die Epidemie unter Kontrolle. „Nur mithilfe des Vergleichs der Ergebnisse konnten wir herausfinden, welche Strategie die beste war“, sagt der Chief Adviser.

Genau das könnte die Stärke des Systems sein: effizient Themen von nationaler Bedeutung anzupacken. Die Lieblingsabteilung von Sir David trägt den Namen „Foresight“, was übersetzt „Vorausschau“ genauso wie „Vorsorge“ bedeutet. Wissenschaftler kümmern sich dort ressort- und disziplinenübergreifend darum, was die Welt in den nächsten Jahrzehnten erschüttern könnte. Sie entwerfen Szenarien, wie Großbritannien darauf reagieren muss – und im Kabinett dringe er darauf, dass diese Szenarien nicht unbeachtet in den Schubladen landen, sagt Sir David. Klimaveränderung, Naturkatastrophen und Epidemien gehören zu den Themen, aber auch die Entwicklung Afrikas.

In Deutschland könnten solch konzertierte Aktionen aufgrund von zu vielen Ansprechpartnern in zu vielen Ministerien stark erschwert werden. Obwohl Forschungsministerin Annette Schavan über einen sehr viel größeren Stab als der Wissenschaftsberater des britischen Premiers verfügt, hat sie keine ähnliche Richtlinienkompetenz. Wie sehr die Zuständigkeiten im Kabinett zersplittert sind, zeigte schlaglichtartig das Zerren um den Ressortzuschnitt von Forschungs- und Wirtschaftsministerium nach der Bundestagswahl. Gut 50 Bundesinstitute forschen für die Bundesregierung. Sie sind verschiedenen Ministerien zugeteilt, selbst wenn sie ähnliche Fachgebiete beackern. Das bekannte Berliner Robert-Koch-Institut, das für die Krankheitsprävention zuständig ist, gehört zum Gesundheitsministerium, das Münchner Institut für Mikrobiologie der Bundeswehr zum Verteidigungsministerium. Nur zwei Einrichtungen arbeiten für das Forschungsministerium.

Wie ein Land seine Forschungspolitik organisiert, könnte womöglich sogar zweitrangig sein. Entscheidend sei, dass die Mächtigen ihre Forscher ernst nehmen, sagt Sir David: „Die Wissenschaft sollte im Herz der Politik sein.“

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