Gesundheit : Der Friedhof des Gummibärchens

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Von Anja Kühne

Wie gut harmoniert die gläserne Bibliothek, die der Star-Architekt Norman Foster in der Mitte der Rostlaube der Freien Universität errichtet, mit einem 13 Jahre alten Gummibärchen? Darüber streiten sich seit Wochen und Monaten einige Professoren und Studenten. Im Akademischen Senat rollten bereits Tränen, eine Kommission legte vor lauter Enttäuschung ihre Arbeit nieder.

Das zähnefletschende Gummibärchen ist das Symbol des großen Studentenstreiks im Winter 1988/89. Seit dieser Zeit prangt es stolz auf dem Vorlesungsverzeichnis der Projekttutorien, die die Studierenden damals erkämpft hatten: in studentischer Eigenregie veranstaltete Kurse - eine Antwort auf die schweren Mängel der Massenuniversität. In den Projekttutorien wollten die Studenten ihre Ausbildung ein Stück weit selbst in die Hand nehmen. Anstatt sich in einer Vorlesung berieseln zu lassen, wollten sie eigenständig forschen, wissenschaftskritisch und interdisziplinär.

Jahrelang gelang dies mit teilweise beachtlichen Ergebnissen, wie zahlreiche Professoren den Studenten auch in einer bilanzierenden Broschüre bestätigten. Seminar- oder Examensarbeiten nahmen hier ihren Ausgang, Buchveröffentlichungen und Ausstellungen gingen aus den Tutorien hervor. So erforschten Studenten den jüdischen Widerstand im Nationalsozialismus, erprobten neue Lernformen in der Inneren Medizin oder schufen ein Magazin zur Kultur Mittel- und Osteuropas. In guten Zeiten reichten dreimal so viele Studenten Anträge für ein Projekttutorium ein, als es Stellen gab.

Das Ende

Trotzdem strich die jetzige Leitung der Hochschule das Angebot immer mehr zusammen. Von anfangs 68 Tutorien blieben der Universität zuletzt nur noch zehn, die 131000 Euro kosteten. Im Juni entschied der Akademische Senat sich dann für das Ende. Vom kommenden Semester an wird es an der FU keine Projekttutorien mehr geben.

Dass die Hochschule sich dem Spardruck beugen musste, bezweifelt eine Gruppe von engagierten Professoren und Studenten schon lange. „Dem Kanzler und dem Präsidium waren die Projekttutorien ein Dorn im Auge", meint Gert Mattenklott, Professor am Institut für Deutsche Philologie. Dieser Ansicht ist auch die ehemalige Leiterin der Projekttutorienkommission, die Professorin Renate Graf, die inzwischen aus Protest ihr Amt niedergelegt hat. Die jetzige Hochschulleitung hätten in den aus dem Streik geborenen Tutorien immer Schmuddelkinder gesehen. Zu der schönen Kuppel von Foster und dem Wunsch der Uni, ein Oxford in Dahlem zu werden, scheine der Gummibär mit den anarchischen Sternen in den Augen eben nicht zu passen: „Es gibt die Sorge, der Ruf der FU könnte durch Wildwuchs beschädigt werden", sagt Mattenklott.

Giftige Unterstellungen

Die Vize-Präsidentin der FU, Gisela Klann-Delius, hält solche Überlegungen für „giftige Unterstellungen". In Wirklichkeit hätten sich die Tutorien „überlebt", weil die Universität viele in den Tutorien gepflegte Innovationen in ihre neuen Bachelor-Studiengänge integrieren werde. Außerdem hätten die Studenten in den Projekttutorien „dilettiert", so dass die Nachfrage bei der jetzigen zielstrebigen Generation gesunken sei.

Der Vorschlag, den Klann-Delius im Juni in den Akademischen Senat einbrachte, sah deshalb „eine zeitgemäße Umgestaltung" der Tutorien vor. Die Professoren sollen die Projekttutorien intensiver betreuen. Die Kurse, die dann Projektstudien heißen, sollen nicht mehr aus dem zentralen Uni-Haushalt finanziert werden, sondern aus den Mitteln der Fachbereiche. Ihnen und nicht, wie bisher, einer unabhängigen Kommission soll dann auch die erste fachliche Überprüfung der Anträge zufallen.

„All das wäre völlig gegen den Charakter des Programms gewesen", meint Annette Mörler, die als Studentin Mitglied in der Projekttutorienkommission war. Sie glaubt, dass die Vize-Präsidentin „den Tod auf Raten" der Projekttutorien gewollt hat, weil sie das Prestigeprojekt der Studienreform mit den Master- und Bachelor-Studiengängen gestört hätten. Warum sollte ein bestimmter Fachbereich für ein Projekt Geld bewilligen, das interdisziplinär ausgerichtet ist, fragt Mörler. Die Fachbereiche könnten sich gegenseitig die finanzielle Verantwortung zuschieben oder versuchen, inhaltlich ihre Interessen durchzusetzen. Mörler und Graf verlangen, dass den Studenten für die Werbung und Vernetzung der Projekte die Koordinierungsstelle zurückgegeben wird, die ihnen im Herbst gestrichen wurde - nach ihrer Ansicht eine Racheaktion des Präsidenten, der sich über die gute Öffentlichkeitsarbeit der Studenten nach der letzten Halbierung der Projekte geärgert habe. Die „jahrelangen Unterminierungen" hätten zum Desinteresse der Studenten an den Projekttutorien geführt.

Die Kommission brachte einen Gegenantrag mit eigenen Reformvorschlägen in den Akademischen Senat ein: der Erwerb „allgemeiner Fähigkeiten" soll nuanciert werden, es wird möglich, Scheine zu machen, die Projekte werden in der Regel von zwei oder drei auf ein Semester begrenzt.

Doch entschied sich der Akademische Senat, der sich früher immer wieder gegenüber dem Präsidium für die Projekttutorien stark gemacht hatte, überraschend für deren Abwicklung. Der Antrag dazu kam von Gerd Hoff, Professor am Fachbereich Erziehungswissenschaften, der sich eigentlich als „lebhaften Unterstützer der Projekttutorien" betrachtet. Aus Hoffs Sicht hätten die Reformvorschläge beider Seiten das ursprüngliche Ziel des Programms zerstört. Hoff ärgert sich vor allem über den geringen Widerstand der Studenten: „Die Studenten lassen sich alles gefallen." Hoffs Vorschlag: Die Universität sollte das Geld für die Projekttutorien lieber „für die Förderung vorbildlicher Lehre und Reformbestrebungen" ausgeben.

Gert Mattenklott verteidigt dagegen die Studenten: „Hoffs Enttäuschung über die Entpolitisierung der Studenten ist übergroß, weil sie sich nicht so artikulieren wie er früher. Man macht es aber nicht nur für die, die gerade dasitzen." Auch an der Humboldt-Universität, die die Projekttutorien vor einigen Jahren von der FU kopierte und an der in jedem Semester 13 dieser Kurse laufen, wundert man sich über die Abwicklung. „Wir drücken nicht am schwächsten Glied", sagt eine Sprecherin.

Um vielleicht doch noch einen Kompromiss zu finden, hat sich inzwischen eine Kommission gebildet, zu der auch die Vize-Präsidentin Klann-Delius gehört. Womöglich passt das alte Gummibärchenals Reformprojekt eigentlich doch ganz gut zu Fosters neuer Kuppel in der Rostlaube: „Auch Gummibärchen sind durchsichtig", sagt Klann-Delius.

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