Gesundheit : „Der Funke springt nicht über“

Medikamente gegen Depressionen beeinträchtigen unser Liebesleben – vom Flirten bis zum Sex. Sagt die New Yorker Anthropologin Helen Fisher

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Ms. Fisher, wir sitzen hier in New York, der Stadt der Singles.

Ja …

… so mancher Single – so glauben wir zumindest – nimmt Antidepressiva, weil er einsam und unglücklich ist. Sie argumentieren umgekehrt: Es sind die Medikamente, sagen Sie, die einen zum Single machen. Wie kommen Sie darauf?

Bestimmte Antidepressiva, die die Wirkung des Botenstoffs Serotonin heben, verändern unser Liebesleben auf der ganzen Linie: vom Verlieben bis hin zur Fruchtbarkeit.

Woher wissen Sie das?

Um ein Beispiel zu nennen: Wir haben verliebte Menschen mit einem Hirnscanner untersucht und festgestellt, welche Hirnareale eine Rolle spielen.

Und?

Bei der Verliebtheit wird vor allem das so genannte Belohnungssystem aktiviert. Das ist jene Hirnstruktur, die uns mit guten Gefühlen belohnt, weil wir etwas tun, das im Dienste der Evolution steht, also essen oder Sex haben. Dabei spielen die Botenstoffe Dopamin und Noradrenalin eine entscheidende Rolle. Die Ausschüttung dieser Stoffe geht mit belebenden, ja euphorisierenden Gefühlen einher. Der Botenstoff Serotonin, der von den meisten Antidepressiva angehoben wird, unterdrückt diese beiden Botenstoffe.

Die Stimmungsmacher verwandeln uns in Liebeskrüppel?

Wenn Sie diese Medikamente nehmen, wird Ihre Fähigkeit, sich zu verlieben, zurückgeschraubt. Verliebte haben bekanntlich die Neigung, ständig an ihren Schwarm zu denken, sie können gar nicht anders, es ist ein Zwang. Dieser Zustand des inneren Zwangs hängt, wie man weiß, von einem niedrigen Serotoninspiegel ab. Auch Zwangspatienten zum Beispiel leiden unter einem Serotonintief.

Und was heißt das für die Liebe?

Nun, stellen Sie sich vor, Sie gehen auf eine Party und treffen einen charmanten Mann oder eine schöne Frau. Da mag es sein, dass Sie sich zwar nach wie vor gut unterhalten – der zündende Funke aber springt nicht über. Es wird gar nicht zu den zwanghaften Fantasien kommen. Auch wenn Sie bereits in einer Beziehung sind, dämpfen die Medikamente Ihre romantischen Gefühle.

Ist das nicht reine Spekulation?

Nicht ganz, neben den biochemischen Befunden gibt es dafür auch erste psychologische Hinweise. Frauen, die Serotoninmedikamente nehmen, schauen zum Beispiel ein Männergesicht weniger lang an und bewerten es als weniger attraktiv als eine Kontrollgruppe.

Vielleicht waren die Frauen depressiv und deshalb weniger interessiert?

Ich gebe Ihnen Recht, dass es noch keine eindeutigen Beweise gibt, aber viele einzelne Puzzlestücke, die auf das Problem hinweisen. Ich beschreibe Ihnen mal den Fall einer verheirateten Frau, die unter Angstzuständen litt und eine Therapie begann mit einem Medikament, das den Serotoninspiegel hebt. Die Folge war, dass ihr Verlangen nach Sex wie auch ihre Fähigkeit, einen Orgasmus zu bekommen, verloren gingen. Sie glaubte schließlich, sie würde ihren Mann nicht mehr lieben und dachte schon an Scheidung. Erst als sie das Medikament wechselte, kehrten die Gefühle für ihren Mann zurück – und heute haben die beiden ein Kind. Ich beschreibe diese Fallgeschichte gerade für ein Fachmagazin.

Ist das ein Einzelfall?

Ich bekomme ständig E-Mails von Menschen, denen es ähnlich geht.

Nehmen wir an, Ihre Diagnose stimmt – würden Sie einem depressiven Menschen raten, auf Antidepressiva zu verzichten?

Nein, das nicht, diese Medikamente können ja Leben retten. Aber ich glaube, dass sich viele Menschen der gravierenden Nebenwirkungen nicht bewusst sind. Sie nehmen die Medikamente zu lange, über Jahre hinweg. Es geht darum, die positiven und negativen Effekte bewusster abzuwiegen. Depressionen sind ja nicht nur etwas rein Negatives.

Das sehen die meisten depressiven Menschen wohl anders.

Nehmen Sie die Frau, die nach fünf Jahren Behandlung zum Arzt kommt und sagt: Wissen Sie, ich fühle mich schon viel besser, aber ich bin immer noch mit dem Alkoholiker verheiratet, der immer noch zu Gewalt neigt. Eine Depression kann insofern nützlich sein, als sie uns darauf aufmerksam macht, dass etwas nicht in Ordnung ist. Sie signalisiert: Du bist nicht glücklich. Sie motiviert uns, etwas zu verändern. Wenn Ihre Gefühle von einem Medikament abgestumpft werden, warum sollten Sie dann noch motiviert sein, Ihr Leben zu ändern?

Um auf die Liebe zurückzukommen: Könnte man der Liebe umgekehrt auch mit Medikamenten auf die Sprünge helfen?

Theoretisch schon. Man kann das Dopamin und Noradrenalin anheben. Man kann Sie also in den Zustand erhöhter Aufmerksamkeit und Erregung versetzen. In so einem Zustand verlieben Sie sich schneller. An der Stelle aber kommt die Kultur ins Spiel.

Wie meinen Sie das?

Sie können einen Menschen zwar biochemisch in den Ausnahmezustand versetzen. Sie können aber nicht beeinflussen, in wen er sich verliebt. Dazu hat mein Kollege Art Aron, der in Versuchen festgestellt hat, dass man sich in gefährlichen, aufregenden Situationen leichter verliebt, eine nette Geschichte erlebt. Einmal, da war er mit einer Studentengruppe in Peking, wo sich einer der Studenten in eine Chinesin verguckt hatte. Um sie zu verführen, schlug mein Kollege dem Studenten vor, er solle die Frau zu einer Fahrt mit einem Rikscha-Taxi einladen, was sehr aufregend sein soll. Die Fahrt wurde dann tatsächlich aufregend. Als sie zu Ende war, platzte die Frau vor Begeisterung. Der junge Mann witterte schon seine Chance, da meinte sie: „Und der Fahrer sah ja auch richtig gut aus!“ Das meine ich mit Kultur.

Das Gespräch führten Sina Bartfeld und Bas Kast.

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