Gesundheit : Der geheimnisvolle Tod des Sängers Dean Reed

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Von Adelheid Müller-Lissner

„Sturz aus der Höhe“ ist eine ausgesprochen neutrale Formulierung: Ob hier ein Mensch aus dem Fenster gesprungen ist, weil er sich das Leben nehmen wollte, ob ein tragischer Unfall vorliegt oder ob andere ihm in mörderischer Absicht oder zur Vertuschung eines vorangegangenen Verbrechens einen gewaltsamen Stoß versetzt haben, bleibt offen.

Dass der Schauspieler Hans Otto Ende des Jahres 1933 nicht infolge eines „Sprungs vom Dach“ den Tod fand, wie es im Archivbuch des Berliner Leichenschauhauses zu lesen war, ist heute klar. Der Regimekritiker war zuvor in der SA-Kaserne so schwer misshandelt worden, dass er dazu nicht mehr in der Lage gewesen wäre.

Die neutrale Formulierung vom Sturz findet sich im Obduktionsprotokoll 1097/33 des Gerichtsmedizinischen Instituts der Charité. Die dazugehörige Geschichte erzählen der heutige Leiter dieses ehrwürdigen Instituts, Günter Geserick, und seine Kollegen Klaus Vendura sowie Ingo Wirth in ihrem Gemeinschaftswerk „Zeitzeuge Tod. Spektakuläre Fälle der Berliner Gerichtsmedizin“ (Militzke 2001, 218 Seiten, 19 Euro).

Die Geschichten, als deren Hauptquelle die Archivbücher des ältesten deutschen Instituts für Rechtsmedizin dienen, sind zugleich ein Kompendium der Zeitgeschichte. Die Fälle Rosa Luxemburg und Karl Liebknecht, der Mord an Walter Rathenau, Erich Mielkes Beteiligung an den Attentaten auf Polizisten im Jahr 1931, die Köpenicker Blutwoche von 1933, die Mauertoten der 60er Jahre: All das hat seinen Niederschlag in Dokumenten des Instituts gefunden. Die Autoren erzählen diese öffentlichen Geschichten ausgesprochen behutsam.

Zum Beispiel der Fall Dean Reed: Ein amerikanischer Staatsbürger, der sich zum Sozialismus bekehrt, in den 70er Jahren aus Liebe in die DDR zieht und dort eine Weile als attraktiver Schauspieler und Sänger Triumphe feiert, bis die Erfolge spärlicher werden. Die Leiche des Endvierzigers wird 1986 im Zeuthener See gefunden. Von höchster Stelle wird anschließend die Version in Umlauf gebracht, der Künstler sei bei einem Badeunfall ertrunken. Sein Abschiedsbrief muss dafür unterschlagen werden: Depressionen bei einem so strahlenden Anhänger des Sozialismus dürfen schließlich nicht sein.

Geserick und seine Kollegen sprechen aus heutiger Sicht vom „völlig unspektakulären, tragischen Suizid eines Verzweifelten“. Die langjährige Erfahrung des Gerichtsmediziners lasse eben „so manchen sensationellen Vorgang in einem viel einfacheren, in einem menschlichen Licht erscheinen“.

Um so unmenschlicher ist das Licht, in dem die zahlreichen Mordfälle aus den Archiven sich präsentieren. „Der folgende Fall ist dem nicht professionellen Buchleser kaum noch zumutbar“, so warnen die Autoren etwa, bevor sie die Geschichte eines 17-jährigen sadistischen Kindermörders aufrollen, der sexuelle Befriedigung nur beim Anblick des Todeskampfes seiner arglosen Opfer findet. Die Kenntnis menschlicher Abgründe, so ihre Begründung, könne das Schutzverhalten der Allgemeinheit verbessern.

Ob die detaillierte Beschreibung von Leichenzerstückelungen primär solchen Zielen dienlich ist, sei dahingestellt. Die Gerichtsmediziner sorgen jedoch auf jeden Fall dafür, dass sich die kriminologischen und rechtsmedizinischen Fachkenntnisse des Lesers deutlich verbessern.

Die eindeutige Überführung eines Serienmörders war zu Beginn des 20. Jahrhunderts schwierig, auch wenn Blutspuren gefunden wurden. Heute hilft der „genetische Fingerabdruck“ weiter. Mit den „Short-Tandem-Repeat-Systemen“ stehen den Kriminalisten inzwischen kleine DNS-Bausteine zur Verfügung, deren Anzahl die kombinatorische Vielfalt ins Unermessliche steigen lässt.

Hat man nur fünf solcher Bausteine, so kann man schon ein Profil erstellen, das so nur einer von 100 000 Getesteten aufweist. Heute werden jedoch meist zwölf Systeme getestet. Hätte man solche DNS-Analysen schon Ende des 19. Jahrhunderts gehabt, dann hätte zum Beispiel der ungeheuerliche Verdacht, der berüchtigte Prostituiertenmörder „Jack the Ripper“ sei ein Mitglied des britischen Königshauses gewesen, schnell bestätigt oder zweifelsfrei widerlegt werden können.

Doch schon vor diesen Tests hatte sich viel getan: Seit 1930 wurde in Berlin auf die öffentliche Zurschaustellung von Toten im „Leichenschauhaus“ verzichtet, die zuvor zahlreiche Schaulustige ins Haus an der Hannoverschen Straße gezogen hatte. Sie war nicht mehr nötig, denn Fingerabdrücke, Zahnstatus, Röntgenaufnahmen und Bestimmung der Blutgruppe machten die Identifizierung der unbekannten Toten schon vor Einführung der DNS-Analyse zuverlässiger.

Mit Latexhandschuhen, Pinzette und Leichenthermometer eilen die Gerichtsmediziner überall auf der Welt zum Einsatzort, wenn die Mordkommission sie ruft. In Berlin waren es in einigen Fällen zwei Kommissionen und zwei Institute, die in einem einzigen Mordfall tätig wurden, etwa, wenn sich Teile einer Leiche in Charlottenburg, andere in Mitte fanden.

Die Charité-Spezialisten, die nun die Archive ihres Instituts geplündert und alte Fälle ausgegraben haben, sorgen in ihrer wohltuend sachlichen Art für spannende Lektüre. Den reißerischen, nicht immer ganz so zuverlässigen Part übernehmen ja seit langem andere: Schon die Zeitungen der Goldenen Zwanziger hatten berichtet, der Berliner Serienmörder Karl Großmann habe Leichenteile zu Wurst verarbeitet und auf dem Schlesischen Bahnhof an Reisende verkauft.

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