Gesundheit : Der Gentleman ist der wahre Römer

NAME

Wie wird ein Mann zum Gentleman? Im 18. Jahrhundert war die Antwort für die Mitglieder der Oberschicht klar: Ein junger Mann erwarb seine Gentleman-Qualitäten - Höflichkeit, Weltgewandtheit, common sense, indem er auf eine „Grand Tour" nach Italien ging, wo er sich mit den Zeugnissen der antiken Kultur vertraut machte. Von seiner Reise brachte der junge Gentleman dann gerne Münzen, Miniaturen oder ähnliche Souvenirs mit nach Hause, die er in eigens dafür hergerichteten Räumen ausstellte.

Diese harmlos erscheinende Sammlerei hatte, so die Literaturwissenschaftlerin Susanne Scholz (Paderborn), eine eminent politische Funktion: Indem die Briten die antiken Zeugnisse für sich vereinnahmten, „stilisierten sie sich als die wahren Römer und Britannien als die Erbin Roms". Sie beanspruchten die kulturelle Hegemonie in Europa.

Entstand eine europäische Literatur?

Die Grand Tour der Briten ist nur eines von vielen Beispielen des Kulturtransfers, mit dem sich die europäischen Nationen und Sprachräume – seit Beginn des 18. Jahrhunderts begünstigt durch eine literarische Öffentlichkeit und intensive Reisetätigkeit – austauschten, gegenseitig beeinflussten und dabei immer wieder aus dem gemeinsamen antiken Erbe schöpften.

„Europäischer Kulturtransfer im 18. Jahrhundert" lautete der Titel einer Tagung am Forschungszentrum für Europäische Aufklärung in Potsdam: Wie finden kulturelle Diskurse und Praktiken ihren Weg in die Nachbarländer, wie werden sie dort verändert, überformt, dem heimischen Kontext angepasst? Und: Wenn man in den europäischen Literaturen so viele gemeinsame Bezugspunkte, Motive, Gattungen, so viel wechselseitige Beeinflussung findet - kann man dann von einer „europäischen Literatur" sprechen? Im 18. Jahrhundert, dem Zeitalter der Aufklärung, war Frankreich das Zentrum der geistigen Elite, Französisch die lingua franca.

Die französische Sprache und Kultur drang selbst in die tiefste deutsche Provinz, wie Franziska Sick (Kassel) am Beispiel der Hofbibliothek Arolsen bei Kassel zeigte: Der dortige Fürst ließ gezielt französische Literatur anschaffen, die auch an Interessierte ausgeliehen wurde. Die Hofbibliothek stand für jedermann, auch für die Jugend, an zwei Tagen für die Benutzung frei, so dass sich französische Literatur durchaus nicht nur in kleinen elitären Zirkeln verbreitete.

Auch die großen Bibliotheken in Europa, zum Beispiel die in London oder Prag, verstanden sich schon früh nicht als National-, sondern als europäische Bibliotheken, die auch gewaltige Bestände fremdsprachiger Literatur sammelten. Kann man aus dieser Tatsache - und aus gemeinsamen Literaturgattungen wie etwa dem Roman - nun so etwas wie eine europäische Literatur ableiten, fragte der Moderator der Abschlussdiskussion, Hermann Real (Münster). Eine, die etwa als „Tiefenstruktur" die Antike hätte und als „Oberflächenstrukturen" die einzelnen Nationalliteraturen? Für Martin Vöhler (FU) ist die Antike eher „eine große Rumpelkammer, aus der sich alle bedienen können". Von außen betrachtet wirke die „europäische Literatur" durchaus homogen, so Alexander Kosenina (FU).

Andererseits gibt es Stimmen wie den Germanisten Heinz Schlaffer, der in seinem umstrittenen Buch „Die kurze Geschichte der deutschen Literatur" gerade der deutschen Literatur eine besondere Langeweile und Weltfremdheit attestiert. In jedem Falle weisen die einzelnen Nationalliteraturen Besonderheiten auf, beziehen sich aber aufeinander. Das Konzept des „Kulturtransfers" soll helfen, dieses Spiel des Sich-Abgrenzens, Sich-Befruchtens, Sich-im-anderen-Spiegelns zu untersuchen: Man vergleicht nicht einzelne Kulturen, wie es etwa die Komparatistik tut, sondern man erforscht im Detail die Prozesse, Institutionen, Personen, die den Austausch befördern.

Solche Vermittlerpersönlichkeiten waren etwa Voltaire und Germaine de Stael, die, wie Mit-Organisatorin Brunhilde Wehinger vom Forschungszentrum Europäische Aufklärung sagte, einen „Riecher" dafür hatten, wann die Öffentlichkeit ihres Landes bereit war, bestimmte Einflüsse aus dem Ausland aufzunehmen. Nach – erzwungenen – Reisen durch England beziehungsweise Deutschland schrieben sie sehr erfolgreiche Bücher, die das Bild der Franzosen von den europäischen Nachbarn bis heute prägen.

Bollwerk Katholizismus

Der Kulturtransfer traf aber im 18. Jahrhundert durchaus auf Grenzen: In Spanien etwa, wo strenger Katholizismus und Monarchismus herrschten, fanden die aufklärererischen Ideen keinen Nährboden, wie der Romanist Benjamin Kloss von der Freien Universität Berlin erklärte. Jeglicher Fortschrittsglaube war den Spaniern, deren Goldenes Zeitalter im 16. Jahrhundert lag und die die Gegenwart als Niedergang erlebten, fremd. Darum veränderten die spanischen Autoren, als sie nach 1830 begannen die populären historischen Romane Walter Scotts nachzuahmen, dessen Romanstruktur auch in einem entscheidenden Punkt: Sie versetzten den Romanen, die bei Scott immer positiv ausklingen, kurzerhand einen pessimistischen Schluss. Dorothee Nolte

0 Kommentare

Neuester Kommentar