Gesundheit : Der gesparte Geist

Ende einer Ära: Wie die TU Berlin ihre Geisteswissenschaften opfert

Amory Burchard

Was hat ein Geisteswissenschaftler an einer den technischen und naturwissenschaftlichen Disziplinen gewidmeten Forschungs- und Lehranstalt zu suchen? „Die Antwort: Er hat etwas zu suchen. Und etwas zu finden“, schrieb Peter Wapnewski im vergangenen Jahr zum 125-jährigen Jubiläum der Technischen Universität Berlin.

Wapnewski, der bis 1988 einen Lehrstuhl für die Deutsche Literatur des Mittelalters an der TU innehatte, erinnerte im Tagesspiegel an die Neugründung 1946, als ein humanistischer Geist in die Technische Hochschule einziehen sollte, die tief ins nationalsozialistische System und seine Kriegsmaschinerie verstrickt gewesen war. Seit 1948 begründeten zunächst vier Lehrstuhlinhaber für Geschichte, Literaturwissenschaft, Anthropologie und Sozialethik den Ruf der Geisteswissenschaften an der TU Berlin, der bald weit über die Stadt hinaus trug. Bis heute ist er mit Namen wie Walter Höllerer verbunden, dem Literaturwissenschaftler und Dichter, Carl Dahlhaus, dem Musikwissenschaftler und Schriftsteller, Herbert A. Strauss, dem Judaisten und Gründer des Zentrums für Antisemitismusforschung an der TU – und nicht zuletzt mit Peter Wapnewski.

Jetzt soll die große Ära der Geisteswissenschaften an der TU Berlin zu Ende gehen: Eine Germanistik, eine Geschichtswissenschaft, eine Musikwissenschaft wird es nicht mehr geben. Fortan sollen die Geisteswissenschaften an der TU Berlin fast nur noch in Aufbaustudiengängen fortleben: Neben einem einzigen kulturgeschichtlichen Bachelor-Programm sollen zum Wintersemester 2006/2007 sechs Masterstudiengänge angeboten werden (siehe Kasten). Etliche Institute werden geschlossen, andere stark verkleinert.

Es ist, als würde sich die TU Berlin ihr Spielbein amputieren, mit dem sie seit ihrer Wiedergründung nach dem Zweiten Weltkrieg auch international gepunktet hat. Die geisteswissenschaftliche Fakultät, die heute noch die größte der TU ist, wird massiv zurückgeschnitten: Die Zahl der Professuren wird mehr als halbiert – von 57 bleiben 22. Von den heute 4500 Studierenden sollen in den neuen Studiengängen höchstens 1500 bleiben. Der Grund: Die TU will die gewaltige Sparsumme von 29 Millionen Euro, die ihr der Berliner Senat auferlegt hat, hauptsächlich bei den Geisteswissenschaften herausholen.

Begünstigt wurden die von der Unileitung verordneten harten Einschnitte in die Fakultät durch eine Pensionierungswelle unter renommierten Geisteswissenschaftlern. Anders als in den technischen Fächern soll daraus kein Generationswechsel werden. Die Literaturwissenschaftler Norbert Miller und Conrad Wiedemann (Neuere Deutsche Philologie) und der Philosoph Hans Poser sind zum 30. September in den Ruhestand gegangen; der Altgermanist Thomas Cramer und der Historiker Werner Dahlheim werden zum kommenden Sommersemester emeritiert. Dem geisteswissenschaftlichen Leuchtturm der TU Berlin wird das Licht abgedreht: Denn prominente Nachfolger sind in den meisten Fällen nicht in Sicht; nur einige der Professuren sollen übergangsweise neu besetzt werden.

Für die Literatur-Professorin Sigrid Weigel ist das „ein größerer Skandal“. Denn in den neuen Masterstudiengängen finden sich Literaturwissenschaftler gar nicht oder nur am Rande wieder. Erhalten werden nur Weigels Literatur-Professur – gewissermaßen eine halbe Stelle, weil sie gleichzeitig das Berliner Zentrum für Literaturforschung leitet – und eine Nachfolgeprofessur für Norbert Miller. Um die Miller-Nachfolge wurde lange mit der Unileitung gerungen, sagt Weigel. Ein kleiner Erfolg, der sie aber nicht über eine große Niederlage hinwegtrösten kann: Mit ihrem Konzept für einen „Masterstudiengang Europäische Literaturgeschichte“ konnte sich Weigel nicht durchsetzen.

Der Dekan der geisteswissenschaftlichen Fakultät, der Kunsthistoriker Adrian von Buttlar, hält es für „eine Katastrophe“, dass in den Master-Studiengängen nur Technik- und Urbanistikgeschichte gelehrt wird und die Professuren für Alte und Mittelalterliche Geschichte und für Neuzeit wegfallen. Aber von Buttlar versucht auch, dem völligen Umbau der Geisteswissenschaften eine positive Seite abzugewinnen: „Der Bezug zu den Technik- und Naturwissenschaften ist eine dem Ort TU angemessene Profilierung.“

Tatsächlich ist der Schritt der TU, die humanistischen Studiengänge mit den technischen inhaltlich eng zu verbinden, bundesweit einmalig. „Mit diesem Profil werden wir ein Alleinstellungsmerkmal über Berlin hinaus haben“, sagt der Philosoph Günter Abel. Er sieht den Neuanfang auch als Chance, die geisteswissenschaftlichen Fächer der TU „ein für alle Mal aus der Diskussion um Doppel- und Dreifachangebote“ an den drei großen Berliner Universitäten herauszuhalten.

„Meine TU“ hatte Peter Wapnewski seinen Jubiläumsartikel im Tagesspiegel überschrieben. Um am Ende zu mahnen: „Sollte unter dem drohenden Druck des öffentlichen Haushalts und seiner Nöte der Anteil der Geisteswissenschaften gemindert, ihr Anteil an Forschung, Lehre und Ausbildung gar gänzlich aufgegeben werden, dann hätte ich heute nicht mehr Mut und Recht, von ,meiner’ TU zu sprechen.“

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