Gesundheit : Der gläserne Student

Wovon Hochschüler leben – und warum immer weniger von ihnen aus der Mittelschicht stammen

Anja Kühne

Die studentische Mittelschicht an den Hochschulen schrumpft. Seit 1996 ist die Beteiligung an akademischer Bildung von Kindern, deren Väter einen Realabschluss haben, um 20 Prozent gesunken, gab das Deutsche Studentenwerk (DSW) am Mittwoch bekannt. „Das hat uns überrascht“, sagte Hans-Dieter Rinkens, der Präsident des DSW. Denn die Studentenzahlen sind gestiegen – im Sommer vor einem Jahr auf über zwei Millionen. Davon profitieren aber nur zwei Gruppen: Der Anteil der Studierenden, deren Väter einen Hochschulabschluss haben, stieg um 15 Prozent. Außerdem wuchs der Anteil von Studierenden, deren Väter einen Hauptschulabschluss haben, um drei Prozent. Das Studentenwerk beobacht die soziale Lage der Studierenden seit 1951 – um die Zahlen vergleichbar zu machen, wird deshalb noch immer die Qualifikation des Vaters und nicht der Mutter zum Maßstab genommen, erklärte Rinkens.

Die Gründe für das „Einbrechen des Mittelstands“ kenne das Studentenwerk noch nicht, sagte Rinkens. Die Ergebnisse der neuen Sozialerhebung des Studentenwerks, bei der im Sommersemester 21400 Studierende befragt wurden, müssten erst noch gründlicher ausgewertet werden. Es gebe aber eine „plausible Vermutung“: Die Bafögreform der Bundesregierung habe zwar der unteren Schicht neue Anreize für das Studium gegeben. Doch für Familien, deren Einkommen gerade so hoch ist, dass ihr Kind keine Bafögansprüche mehr hat, stellt das Studium inzwischen eine große Belastung dar. Diese Gruppe sieht Rinkens auch als besonders gefährdet an, sollten Studiengebühren ohne ausreichende soziale Abfederung eingeführt werden.

Doch selbst, wenn die Zahl der Studierenden aus der Mittelschicht prozentual zurückgegangen ist: Ihre Chance auf „Bildungsbeteiligung“ liegt immer noch deutlich höher als die von Kindern aus „niedriger“ Schicht. Von diesen nahm im Jahr 2000 etwa jedes zehnte ein Hochschulstudium auf, nahezu dreimal so viele (29 von 100) stammten aus der „Herkunftsgruppe mittel“. Die höchste Bildungsbeteiligung haben Kinder der „Herkunftsgruppe hoch“. 81 von 100 studieren. „Das ist das Gegenteil von Chancengleichheit“, sagte Rinkens.

Insgesamt hat sich die Zusammensetzung der Studierendenschaft in den vergangenen zwei Jahrzehnten deutlich zugunsten der hohen Schicht verschoben. Noch 1982 stammten nur 17 Prozent der Studierenden aus dieser Schicht. Im Jahr 2003 waren es 37 Prozent. Aus der „gehobenen“ Schicht kommen jetzt 24 Prozent (1982: 26 Prozent), aus der „mittleren“ Schicht 27 Prozent (1982: 34 Prozent), aus der niedrigen Schicht 12 Prozent (1982: 23 Prozent). An den Universitäten ist die „hohe Schicht“ noch stärker vertreten (40 Prozent) als an den Fachhochschulen (27 Prozent). Überproportional viele Studierende aus der höchsten sozialen Schicht schreiben sich in Medizin oder Jura ein, während Studierende aus bildungsfernen Schichten eher kulturwissenschaftliche Fächer wählen.

68 Prozent aller Studierenden jobben – im Schnitt 7,5 Stunden in der Woche. Allerdings ging der Anteil des dadurch verdienten Geldes am Gesamtbudget der Studentinnen und Studenten in den vergangenen drei Jahren um vier Prozent zurück. Auch das sei ein Erfolg der Bafögreform, sagte Rinkens. Doch noch immer macht das Geld aus Jobs ein Viertel des studentischen Budgets aus. Rinkens befürchtet, dass die neuen Bachelor- und Masterstudiengänge das zeitliche Korsett des Studiums enger schnüren werden: Die Lehrpläne werden verdichtet – es bleibt also weniger Zeit für den Job.

Schon jetzt hängen die meisten Studierenden stark von ihren Eltern ab. 89 Prozent werden mit durchschnittlich 435 Euro im Monat von ihren Eltern unterstützt, gut 12 Prozent leben ausschließlich vom Unterhalt der Eltern. Je älter die Studierenden werden, desto weniger steuern die Eltern allerdings bei.

Das durchschnittliche Monatseinkommen der Studierenden ist nicht opulent: Es liegt bei 767 Euro – in den alten Ländern allerdings bei 786 Euro, in den neuen Ländern nur bei 666 Euro. Und auch sonst ist die Kluft groß: Rund ein Viertel muss von weniger als 600 Euro im Monat leben – ein anderes Viertel hat jedoch mehr als 890 Euro. Der größte Teil des Geldes, über ein Drittel, fließt in die Miete. Wer im Studentenwohnheim lebt, zahlt dafür im Schnitt 181 Euro, wer allein in einer Wohnung wohnt 300 Euro. Für Lernmittel geben Studierende durchschnittlich 37 Euro pro Monat aus. 44 Prozent der Studierenden haben ein Auto. 1991 hatten noch 53 Prozent der Studierenden ein Auto.

Müsste er nicht jobben, hätte der deutsche Durchschnittstudenten angenehme Arbeitszeiten: Er studiert 34 Stunden in der Woche – am Anfang 36 Stunden, ab dem 15. Semester nur noch 27 Stunden. Fächer wie Medizin, die besonders lernintensiv und „verschult“ sind, verlangen jedoch einen höheren Zeitaufwand als die Kulturwissenschaften. 15 Prozent der Befragten hatten ihr Studium bereits einmal unterbrochen. Davon sagten 25 Prozent, sie wollten „andere Erfahrungen sammeln“, 25 Prozent beriefen sich auf ihren Job, 21 Prozent auf „finanzielle Probleme“ (Mehrfachnennungen waren möglich). Für fast ein Drittel gab es aber noch einen anderen Grund: „Zweifel am Sinn des Studiums“.

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