Gesundheit : „Der Graben ist größer denn je“

Psychotherapeuten streiten darüber, welche Methode von der Kasse bezahlt werden soll

Bas Kast

Das Wort „Bürgerkrieg“ trifft die Situation vielleicht am besten, sagt Dietmar Luchmann. Einst hatte der Diplom-Psychologe als Kassentherapeut begonnen. Die Behandlung der Patienten wurde also von der Kasse bezahlt. Mehr und mehr empfand der Mann „das System mit den mafiösen Strukturen“ als Zumutung. Deshalb stieg er aus.

Heute leitet Luchmann ein eigenes Institut für Coaching und Psychotherapie (www.angstambulanz.de) in Stuttgart. Seine Maxime ist: effiziente Behandlungen, begrenzt auf durchschnittlich zehn Stunden – statt jahrelanger Therapien, „in denen die Therapeuten ihre Klienten ausbeuten“. Die Behandlung bringe nichts, außer den Status quo des Therapeuten zu sichern.

Der Auseinandersetzung, von der Luchmann spricht, findet in jener Berufsgruppe statt, von der man etwas anderes als Streit um Berufspfründen erwarten würde. Denn gerade Psychotherapeuten sollten in der Lage sein, menschliche Probleme mit Intelligenz zu lösen. Doch „der Graben ist größer denn je", sagte der Psychologe Drew Westen (Emory-Universität, Atlanta) jetzt auf dem Treffen der amerikanischen Gesellschaft für Psychologie. „Nie waren gegenseitige Bitterkeit und Abscheu so groß.“

Immer heftiger werde der Kampf geführt, berichtet nun auch die „New York Times“. Dabei geht es darum, welche Richtung junge Therapeuten einschlagen und was Kassen noch bezahlen werden. Am Ende, so die Zeitung am 10. August, stehe das Schicksal der klassischen Psychotherapie auf dem Spiel.

Im Kern dreht sich der Streit um die alte Frage: Wie wissenschaftlich muss Seelenhilfe sein? Soll der Therapeut möglichst individuell vorgehen, seiner Intuition folgend? Oder soll er nach einem wissenschaftlich überprüfbaren Standardverfahren arbeiten?

Die einen sagen: Viele psychische Probleme sind zu komplex, als dass sie sich mit Standardverfahren in den Griff bekommen ließen. Mag ja sein, dass sich eine Spinnenphobie mit Hilfe einfacher, festgelegter Schritte heilen lässt. Aber was ist mit schweren Depressionen, deren Ursache auf ein Trauma in ferner Vergangenheit zurückzuführen ist?

Andere halten dagegen: Wer so argumentiert, unterscheide sich nicht von einem Geistheiler. „Wenn ein Pharmakonzern ein neues Medikament entwickelt, muss er beweisen, dass es wirkt und sicher ist“, sagt der Psychologe Rolf Degen, Autor eines „Lexikons der Psycho-Irrtümer“. „Warum sollte diese Qualitätsforderung für die Psychotherapie eine Ausnahme machen?“

Kritisiert wird nicht zuletzt das Gutachterverfahren, das die Krankenkassen bereits 1967 etabliert haben, um die Wirksamkeit einer bestimmten Therapie beurteilen zu können. „Wie ein Gott verlängern Psychotherapeuten beispielsweise die Behandlung, wenn sie das für nötig halten“, kritisiert Luchmann. So könnten sich Therapien endlos hinziehen, ohne dass Wirkungen überprüft werden.

„Wir bewerten das Gutachterverfahren als die derzeit beste Vorgehensweise“, sagt dagegen Gisela Borgmann, Präsidentin der Berliner Psychotherapeutenkammer. „Es wäre allerdings eine sinnvolle Ergänzung, auch die Seite des Patienten zu berücksichtigen.“

Auf Letzteres pocht Psychotherapeut Luchmann: „Der Patient müsste vor Therapiebeginn und weiter alle fünf Sitzungen einen Fragebogen ausfüllen, in dem er seine Befindlichkeit beschreibt.“ Die Informationen müssten direkt an die Krankenkasse geschickt werden, damit diese auf Grund der Daten entscheiden könne, für welche Therapie sich die Kostenerstattung lohnt und für welche nicht.

Die Techniker Krankenkasse hat nun ein Modellprojekt ins Auge gefasst. An 600 Therapeuten und 3000 Patienten soll erstmals eine Qualitätssicherung erprobt werden. Tests sollen helfen, den Fortschritt der Behandlung zu beurteilen. Der Starttermin soll Ende 2004 sein.

Derzeit übernehmen die Kassen in Deutschland nur die Kosten für Psychoanalyse und Verhaltenstherapie – ein Umstand, der Therapeuten anderer Couleur zur Weißglut bringt. Denn die Wirksamkeit beider Therapieansätze ist nicht wissenschaftlich stichhaltig erwiesen.

Vielleicht entscheidet am Ende gar nicht die Therapierichtung über den Behandlungserfolg, sondern eher die Kompetenz des einzelnen Therapeuten. Zu diesem Schluss kommt zumindest der Psychologe Bruce Wampold (Universität von Wisconsin, Madison), nachdem er die Daten von 12000 Patienten analysiert hatte. Die meisten litten an Depressionen. Sie waren mit unterschiedlichen Therapien behandelt worden.

Wie sich zeigte, gab es quer durch die diversen Schulen Therapeuten, die ihren Patienten helfen konnten, während dies anderen nicht gelang. „Entscheidend ist nicht die Richtung der Behandlung, sondern wie kompetent derjenige ist, der behandelt“, lautet Wampolds Fazit. Doch auch den „perfekten Therapeuten“ an sich gibt es nicht. Sein Erfolg hängt davon ab, inwieweit sein Gegenüber, der Patient, bereit ist, mit ihm zu arbeiten.

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