Gesundheit : Der große Neugierige

Albertus Magnus: Der wandernde Bischof erforschte schon im Mittelalter die heimische Flora und Fauna

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Von Mathias Orgeldinger

Lederstücke über den Leisten gelegt, zusammengenäht und umgestülpt, die Schnürbänder mehrfach um das Bein geschwungen – fertig war der Bundschuh. „Werden die Schuhsohlen aus Haut, die von den Stellen stammt, an denen der Esel lange Zeit Lasten getragen hat, gefertigt, gehen die Schuhe nicht kaputt."

Der Tipp stammt nicht von einem Schuster oder Wandergesellen, sondern von einem mittelalterlichen Universalgelehrten: Albertus Magnus. Geboren um 1200 im schwäbischen Lauingen, gestorben 1280 in Köln, 1622 selig, aber erst 1931 heilig gesprochen und zum Kirchenlehrer erhoben.

Albertus Magnus hat auf seinen Reisen durch Mitteleuropa viele Bundschuhe durchgelaufen, bevor ihn Papst Alexander IV. 1260 zum Bischof von Regensburg ernannte. Deshalb ehrt ihn die Domstadt mit einer „Wanderausstellung", bei der allerdings der Besucher wandert und nicht die Ausstellung. Von der Dominikanerkirche führt der Weg durch die Altstadt zum Diözesanmuseum, über das Kepler-Gedächtnishaus zur Donau und schließlich ins Naturkundemuseum.

Der große Gelehrte lebte in einer Periode des Umbruchs, in der Krankheiten und Seuchen wüteten, Bischöfe mit dem Schwert regierten und Ketzer verbrannt wurden. Für Neugierige führte damals kein Weg am Kloster vorbei. 1223 tritt Albert in Padua dem neu gegründeten Dominikanerorden bei. Die „Bettelbrüder" sahen sich in der konsequenten Nachfolge der Apostel. Predigend zogen sie von Stadt zu Stadt, immer zu Fuß, immer in sichtbarer Armut, wandernde Anklagen gegen das kirchliche Establishment.

Immer zu Fuß, von Stadt zu Stadt

Der junge Novize studiert in Köln Theologie und wird zum Priester geweiht. Als Lektor besucht er verschiedene Dominikanerklöster in Deutschland, bis er 1240 an die Pariser Universität berufen wird. Hier setzt er sich intensiv mit Aristoteles und der jüdisch-arabischen Philosophie auseinander.

Der griechische Philosoph kannte keinen persönlichen Schöpfergott, sondern nur ein Streben nach Vollkommenheit, das er in der gesamten Natur fand. Der Sinn menschlichen Lebens lag für Aristoteles nicht im Gottesdienst, sondern in der Entwicklung des Verstandes durch Naturbeobachtung und logisches Denken. Für die mittelalterliche Weltanschauung waren solche Gedanken attraktiv. Die Mönche in Umberto Ecos Roman „Der der Rose" riskierten sogar, ermordet zu werden, um ein bestimmtes Buch von Aristoteles zu lesen.

Die Kirche sah in den Schriften daher eine ernste Gefahr. Doch Albertus Magnus ließ sich nicht beirren: Die Vereinigung christlicher Theologie mit aristotelischem Wissen wurde zu seinem Lebenswerk. Indem der Dominikaner Gott als die erste, „alles wirkende Ursache" beschreibt, hat er selbst für heutige Christen eine Brücke geschlagen, die von der naturwissenschaftlichen Weltsicht zum Glauben führt.

1248 kehrt Albert an den Rhein zurück und gründet dort die erste deutsche Hochschule, das „Studium generale" der Dominikaner. Legendär war sein diplomatisches Geschick, mit dem er Ordensangelegenheiten und politische Streitigkeiten zwischen Fürsten, Bischöfen und der Bürgerschaft schlichtete. Albert war also der richtige Mann, um das geistig und finanziell verwahrloste Regensburger Bistum neu zu ordnen. Das wusste auch der Papst: „So setzen wir die feste Hoffnung in dich, dass die Kirche von Regensburg durch dich geheilt wird", schrieb er an den Ordensmann. In Wirklichkeit war es ein Befehl, der den Bettelmönch in ernste Gewissenskonflikte brachte.

Nur die Erfahrung schafft Gewissheit

Wie sollte er die weltliche Macht eines Reichsbischofs mit seinen Lebensidealen in Einklang bringen? Die Antwort hieß „Bischof Bundschuh". Im schlichten Ordensgewand wanderte Frater Albert II. durch sein Bistum und eroberte die Herzen der Gläubigen. Zwei Jahre lang sanierte er die Kirchenprovinz und bat dann um seine Entlassung.

Nebenbei beschäftigte er sich mit Naturkunde, frei nach dem Motto: „Einzig die Erfahrung schafft in diesen Dingen Gewissheit". Ob Astronomie, Mineralogie oder Botanik, immer versuchte er vorhandenes Wissen durch Beobachtung und Experiment zu erneuern. So schuf er die erste ausführliche Darstellung der mitteleuropäischen Flora. Seine Unterscheidung von Dornen – die aus dem Inneren der Pflanze herauswachsen wie bei der Schlehe – und Stacheln, die nur der Rinde aufsitzen wie bei Rosen, ist noch heute uneingeschränkt gültig. Auch sein Buch über die Fauna geht weit über das Wissen der „Bestiarien", jene allegorisch verbrämten Tierbücher seiner Zeit, hinaus. Bruder Albert war sich nicht zu schade, Hirten und Bauern auszufragen und die Tiere mit ihren volkstümlichen deutschen Namen anzusprechen. Seine Schriften rückten 120 Vogelarten ins Bewusstsein der Wissenschaft und lieferten Verhaltensbeschreibungen.

Den Beinamen „Magnus" erhielt er kurz nach seinem Tod, wohl wegen seiner seelsorgerischen und diplomatischen Fähigkeiten. Erst die Neuzeit wusste seine naturwissenschaftlichen Leistungen voll zu würdigen.

Die Ausstellung „Albertus Magnus, der große Neugierige" ist bis zum 6. Oktober in Regensburg zu sehen. Museum St. Ulrich: Di. - Sa. 10-17 Uhr, So./Feiertag 12-17 Uhr

Informationen: www.museen.regensburg.de

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