Gesundheit : Der heimliche Traum von Europa

Die europäische Einigung ist nicht allein eine Erfindung des Westens. Auch Polen, Tschechen und Ungarn dachten darüber nach – nur anders

Christian Domnitz

Als im November 1956 sowjetische Panzer durch Budapest rollten, telegrafierte ein Chefredakteur eilig ein paar Zeilen aus dem von Geschützen umstellten Gebäude der ungarischen Nachrichtenagentur MTI: Der russische Angriff habe begonnen. Wenig später eröffnete die Artillerie das Feuer. Es fegte ihn und sein Büro hinweg. Seine Meldung lag aber, hundertfach vervielfältigt, auf den Tischen aller Nachrichtenagenturen der Welt. Die Tickermeldung des Chefredakteurs war die letzte, die er absetzte, und er ahnte das. Ans Ende der Nachricht hatte er geschrieben: „Wir sterben für Ungarn und für Europa.“

Was hatte er im Sinn, als er sein Lebenswerk testamentarisch gleich nach seinem Heimatland auch einem „Europa“ widmete? Es kann nicht das gleiche Europa sein, wie wir es heute denken. Es kann auch nicht das gleiche sein, wie es bis 1956 in Westeuropa gedacht wurde, wo noch zaghaft und unter Rückschlägen mit Modellen einer wirtschaftlichen und politischen Einigung experimentiert wurde. Wollte er nach den Weltkriegsschrecken ein befriedetes und politisch geeintes Gesamt-Europa? Sehnte er sich nach dem Westen und nach der den Ungarn in einem kalten Herbst vorenthaltenen Demokratie? War er ein überzeugter Anti-Kommunist oder Anti-Sowjetist?

„Freie Völker“

Die europäische Einigung ist nicht allein eine Erfindung des Westens. Polnische Widerstandskämpfer im Londoner Exil und im New Yorker „Central and Eastern European Planning Board“ dachten schon vor Kriegsende zusammen mit Freunden aus Amerika, Großbritannien und Frankreich über europäische Konföderationspläne nach. Polen, Tschechoslowaken, Jugoslawen und Griechen entwickelten Ideen einer polnisch-tschechoslowakischen Union und einer mitteleuropäischen „Donau-Föderation“, welche die Wegbereiterinnen für eine angestrebte „Föderation freier europäischer Völker“ werden sollten. Inhaftierte deutsche Sozialdemokraten und Häftlinge aus Ostmitteleuropa unterzeichneten am 13. April 1945, wenige Tage nach ihrer Befreiung, das „Manifest von Buchenwald“. Sie erklärten: „Unser oberstes Ziel ist, in Zusammenarbeit mit allen sozialistisch geführten Staaten zu einer europäischen Staatengemeinschaft zu kommen, die unserem schwer geprüften Kontinent durch eine europäische Gemeinschaft Ordnung und Wohlstand verbürgt.“

Die Idee, Europa durch eine übernationale Einigung vor Katastrophen zu bewahren, war schon in der Zeit zwischen den Weltkriegen populär. Der konservative Wiener Diplomat Richard Coudenhove-Kalergi, ein Spross des österreich-ungarischen Adels, wollte mit der von ihm geleiteten „Paneuropa-Union“ ein geeintes Europa auf der Weltkarte etablieren. Seiner habsburgischen Herkunft entsprechend, maß er den mitteleuropäischen Ländern dabei zentrale Bedeutung zu. Die von ihm zu einem großen Teil privat finanzierte Bewegung hatte Mitglieder und Sympathisanten auf dem gesamten Kontinent. Unermüdlich warnte der engagierte „Staatsmann auf eigene Rechnung“ vor den Schrecken eines neuen Kriegs. Kurz nach der Selbstauflösung seiner Bewegung im Jahr 1933 führten Völkermord und flächendeckende Zerstörung den Zeitgenossen die Notwendigkeit zur Einigung des Kontinents erneut vor Augen.

An der Idee der europäischen Einigung arbeiteten Polen, Ungarn und Tschechen mit. Bald nach Kriegsende verschwanden sie für westliche Augen hinter der von den zwei Großmächten gezogenen Blockgrenze, die Winston Churchill den „Eisernen Vorhang“ nannte. Mit ihnen gerieten auch ihre Gedanken aus dem Blickfeld. Stattdessen begannen realsozialistische Chefideologen ihre Versuche, sowjetisch geprägte Negativbilder eines „reaktionären“ Westeuropa der öffentlichen Meinung zu diktieren.

Wie in den Gesellschaften Ostmitteleuropas über Europa gedacht wurde, kann erklären, warum heute Vertreter der neuen Mitglieder in der EU manchmal etwas anderes wollen als West-Europäer. Dies betrifft Ansätze eines gesamteuropäischen Bewusstseins und Auffassungen über eine gemeinsame Geschichte, über zivilgesellschaftliches Engagement und über die Integrationstiefe der zukünftigen Union. Auch die sozialistische Erfahrung ist dabei wichtig.

Östlich des Eisernen Vorhangs wurden andere Europadebatten angestoßen und geführt als westlich von ihm. Im Osten und in der Mitte Europas waren sie ideell und idealistisch, im Westen pragmatisch und real. Im Osten waren heimliche und offene Wunschträume von Europa von staatlicher Ablehnung und einer Verunglimpfung der Integrationsidee begleitet. Da kämpften Feuilletonisten wie Czeslaw Milosz und György Konrád in Untergrund- und Exilzeitschriften des Selbstverlags gegen Ideologen wie den Chefredakteur des „Neuen Deutschland“ und von „Rudé právo“, Günter Schabowski und Jan Fojtík. Realpolitik und kulturelles Leben führten miteinander einen Widerstreit und einen Verdrängungswettbewerb. Die einen Ideen wurden durchgedrückt, die anderen unterdrückt. Die einen Protagonisten wurden beklatscht, die anderen ins Gefängnis geworfen.

In den 80er-Jahren wehrten sich Intellektuelle und Schriftsteller aus Polen, Tschechien und Ungarn in einer Mitteleuropa-Debatte dagegen, zum sowjetisch regierten Ostblock zu gehören. Sie entdeckten die von Juden, Deutschen und anderen Minderheiten geprägte Geschichte ihrer Länder und ihre demokratische Tradition aus der Zeit zwischen den Weltkriegen. Sie schlossen daraus, dass Mitteleuropa eigentlich zum Westen gehöre. Der tschechische Schriftsteller Milan Kundera, der das letzte Telexschreiben des Budapester Chefredakteurs zum Ausgangspunkt eines Essays über „Die Tragödie Mitteleuropas“ machte, argumentiert, „Europa“ sei für Ungarn, Tschechen und Polen kein geographischer Begriff. Sondern ein geistiger: „Mit dem Wort ‚Westen’ gleichbedeutend.“ Europa habe das Verschwinden von Mitteleuropa, seiner kulturellen Heimat, nicht bemerkt. Denn Europa würde sich nicht mehr als kulturelle Einheit verstehen. „Nun erblickt es in Mitteleuropa nichts als ein politisches Regime“, schrieb Kundera. „Es sieht in Mitteleuropa nur Osteuropa.“ Mitteleuropa gehöre in den Westen und könne ihm seine verloren gegangene Kultur zurückbringen.

„Geistige Dumpfheit“

Mit der Osterweiterung der EU ist diese Rückkehr nun vollzogen, jedoch sind das Neue Europa und das alte nicht immer einer Meinung. Auch in der Mitteleuropa-Debatte gab es Stimmen, die den europäischen Westen kritisierten und einen „dritten Weg“ nach Europa propagierten. Der ungarische Essayist György Dalos forderte Mitte der 80-er Jahre in deutschen Zeitschriften freie Wahlen und „vernünftig begrenzten Privatbesitz“, ein Europa ohne Angriffsarmee und ohne Geheimdiplomatie.

In „Mein Traum von Europa“ wünschte sich der Schriftsteller György Konrád das Ende „des ideologischen Ringens und der geistigen Dumpfheit“, ohne dass die zurückliegenden Jahre verleugnet werden sollten. „Die Idee einer gerechten Gesellschaft wird individualistisch und nicht kollektivistisch sein, dezentralisiert und heterogen.“ Und – sehr praktisch – Ungarn könne seine bäuerliche Landwirtschaft in Westeuropa einbringen: Denn dort ließe sich „noch vieles retten, was im Westen schon verloren ist und dessen Verlust das Leben trostloser gemacht hat“.

Der Autor ist Mitarbeiter im Forschungsprojekt „Europa im Ostblock. Vorstellungswelten und Kommunikationsräume im Wandel“ am Zentrum für Zeithistorische Forschung in Potsdam.

Das Zentrum für Zeithistorische Forschung veranstaltet am 6. Mai, 19 Uhr, im Französischen Dom am Gendarmenmarkt eine öffentliche Podiumsdiskussion „Integrieren ohne Erinnern? Zur Europäisierung der Zeitgeschichte“ mit Ulrich Herbert (Universität Freiburg), Konrad H. Jarausch (Direktor des ZZF), Karl Schlögel (Viadrina Frankfurt/Oder) und Thomas Lindenberger (ZZF).

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