Gesundheit : Der Himmel über dem Ich-fixierten Menschen

Bedeutet die Verweltlichung das Ende der Religion? Im Gegenteil, meint der Theologe Wilhelm Gräb/Eine Ringvorlesung

Tom Heithoff

Die Terroranschläge vom 11. September haben Entsetzen und Schrecken ausgelöst. Sie verstärken apokalyptische Visionen und provozieren (militärische) Gegenvisionen. Doch sie führen auf der anderen Seite auch zu intensiveren Diskussionen über Werte, Kultur und Kulturen. Besonders Religion und Säkularisierung rücken zunehmend ins Blickfeld. Auch die theologische Fakultät der Humboldt-Universität (HU) untersucht nun in einer interdisziplinären Ringvorlesung das Phänomen der Säkularisierung und ihre globalen Folgen für Politik, Kultur und Religion aus Sicht von Theologen, Philosophen und Kulturwissenschaftlern.

„Bedeutet die Säkularisierung das Ende der Religion?“, fragte in der vergangenen Woche der Theologe Wilhelm Gräb (HU). Man ist geneigt, diese Frage ohne Zögern mit ja zu beantworten. Seit der Aufklärung ist die Trennung von Kirche und Staat fortgeführt und gefestigt worden. In der säkularen Gesellschaft hat die Religion ihren direkten Einfluss auf Macht und Kultur eingebüßt. Eine Rückkehr zu einer allmächtigen Kirche ist in der westlichen Welt undenkbar. Das bestreitet Gräb auch gar nicht, aber allen Verweltlichungsprozessen zum Trotz: „Religion ist zwar nicht mehr für alles zuständig, aber sie ist mit allem vermischt.“ Der Bedeutungsverlust der Kirche führe nicht zu einem Bedeutungsverlust der Religion.

Sichtbar werde das Bedürfnis nach Religion besonders bei „Einbrüchen des Abgründigen und Absurden“. Ein Schulmassaker wie in Erfurt oder ein Terrorangriff führen den Menschen „an die Grenzen moralischer Sicherheit“. Nach solchen Vorkommnissen seien die Kirchen voll. Die Rolle der Religion sei dann wie eh und je, ein „Grundvertrauen ins Dasein“ zu vermitteln und die Gewissheit, dass man „nicht allein“ ist, so Gräb.

Aber im Alltagsleben, das unter unspektakulären Umständen vor sich geht, wie steht’s da mit der Religion? Wenn Religion lebendig ist, müsste Gott ja auch dort vorkommen. Kommt er auch, sagt Gräb und verweist auf scheinbar völlig religionsfremde Phänomene, die aber nur Resultat einer „Neuformatierung auf dem Feld des Religiösen“ seien. Früher sei die religiöse Sinnbildung von den Kirchen erfüllt worden, heute vom kulturellen Markt. Ob von der Werbung, wo „Marken als Ikonen“ erscheinen, oder vom Sport, wo manche Abläufe – wie im Fußballstadion – einer „säkularisierten Liturgie“ gleichen.

Auch die Religion habe sich im Zuge gesellschaftlicher Entwicklungen gewandelt und ausdifferenziert. „Das Religiöse lebt heute in Formen des Individualismus und der Privatisierung und zeigt sich in der Sakralisierung der Individualität.“ Paradoxerweise sei es gerade die oberflächliche, konsumorientierte, Ich-fixierte, vom eigenen Machbarkeitswahn entzückte Gesellschaft, die das Bedürfnis nach Religion provoziere. Die verweltlichte Gesellschaft selbst erzeuge Sinnfragen, „die nach religiöser Bearbeitung verlangen“. Es geht stets um „die religiöse Grundfrage: Was hält am Leben?“ Gräb hat keinen Zweifel: „Der Bedarf an Religion nimmt nicht ab sondern zu.“

Die Ringvorlesung findet mittwochs um 18 Uhr 15 im Senatssaal der Humboldt-Universität, Unter den Linden 6, statt. Am 13. November spricht Micha Brumlik (Frankfurt/M.) über „Säkularisierung und Judentum“. Am 27. November erklärt Rolf Schieder (HU) warum die USA ein „Säkularer Staat mit Zivilreligion“ sind. Bassam Tibi (Göttingen) fragt am 18. Dezember: „Kann es einen Euro-Islam geben? “

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