Gesundheit : Der Historiker möchte die Geschichte der Juden in Deutschland "aus der Mitte" schreiben

Clemens Wergin

Frank Stern ist ein Aufmischer, ein Umdeuter und Neuleser. Und ein sympathischer, leiser dazu. Er würde wohl sagen, er sei einer, der die Dinge vom Kopf wieder auf die Füße stellt. Und das Ding, um das es ihm geht, ist die deutsch-jüdische Geschichte. Die wurde seit Auschwitz immer nur in eine Richtung gelesen: als Geschichte der Ausgrenzung, der Randexistenz und - so das Diktum Gershom Scholems - als einseitige Liebesaffäre der Juden mit der deutschen Kultur. Die Nachkriegslesart der deutsch-jüdischen Symbiose, die keine war, ist auch ein Erbe der Antisemitismusforschung. Die in allen Phasen der mehr als tausend Jahre währenden jüdischen Geschichte in Deutschland die Vorboten des Holocaust witterten, die Zurichtung eines Volkes für die Schlachtbänke der Nazis.

Für Stern ist das eine Verzerrung. "Ich will jüdische Geschichte nicht vom Rand, sondern von der Mitte her lesen", sagt er. Deswegen wählte sich der Historiker und Kulturwissenschaftler als Ausgangspunkt seiner Gast-Vorträge an der Humboldt-Universität in Berlin eine schillernde Figur des mittelalterlichen Hofes, den Minnesänger. Nicht irgendeinen Minnesänger, sondern jenen Süßkind von Trimberg, einen Juden und Troubadour, der im 13. Jahrhundert von Hof zu Hof zog und dort Lieder von der Schönheit der christlichen Prinzessinen zum Besten gab. Seine in einem frühen Deutsch-Jüdisch, auch Westjiddisch genannt, verfassten Lieder unterschieden sich kaum von mittelalterlichen Dialekten des Deutschen. Ohnehin ist "Jiddisch" erst eine späte Bezeichnung. Für die mittelalterlichen Juden war die Sprache, die sie in hebräischen Lettern notierten, schlichtweg "Teitsch".

Laut Frank kam das Deutsche über die Frauen in die jüdischen Familien, die am meisten Kontakt mit der Umwelt pflegten. Es handelte sich aber keineswegs nur um eine Frauensprache: Am Ende des 14. Jahrhunderts tauchten erste Hebräisch-Jiddische Wörterbücher auf, deutsch-jüdische Handbücher der Religion und Medizin, Lehrbücher für Schach und zum Briefeschreiben, Sagen- und Legendensammlungen und sogar Randglossen in Talmudabschriften. Sie bezeugen, wie stark die Kultur der deutschen Juden schon im Mittelalter von der Mehrheitsgesellschaft geprägt war. So gibt es aus der damaligen Zeit unzählige jiddische Versionen der Arthussage. Das Gudrunlied gar ist nur in einer in hebräischen Lettern geschriebenen Version überliefert, die ihren Weg nach Kairo fand und dort in der legendären "Genizah" gefunden wurde, einem zugemauerten Zimmer der Synagoge, das als "Begräbnisstätte" für unbrauchbare Manuskripte diente. So bewahrte das Jiddische das, was lange Zeit als eines der reinsten Werke des "Deutschtums" galt.

Moses Mendelssohn, der jüdische Aufklärer, habe demnach nur vollzogen, was ohnehin jahrhundertelange Praxis war: die Eingemeindung der Juden in die deutsche Kulturnation. Angesichts der ausbleibenden gesellschaftlichen Emanzipation ein Akt der Selbstermächtigung, eine Beitrittserklärung von jüdischer Seite. Denn hier nahm die Identifikation mit Deutschland durch die Teilnahme am Befreiungskrieg gegen Napoleon am Anfang des 19. Jahrhunderts weiter zu. Dass das Edikt von 1822 die von Napoleon eingeführte bürgerliche Gleichstellung für Preußen wieder rückgängig machte, musste da als Ohrfeige empfunden werden.

Warum aber diese jüdische Affinität zur deutschen Kultur? Die längst vergessene Tatsache, dass heute noch gesungene religiöse Lieder ihre Melodien deutschen Trinkliedern entlehnten, mag als Beleg dafür gelten, dass Juden im mittelalterlichen Alltag in regem Kontakt mit Christen standen. Die Liebesaffäre mit der deutschen (Hoch-) Kultur ist aber wohl doch ein Produkt der Aufklärung: Sie öffnete den geistigen Horizont auch für Juden, Grundlage der bürgerlichen Kultur war ja gerade, dass jeder die Möglichkeit haben sollte, an ihr Teil zu haben. Grundlage des schnellen Aufstiegs des jüdischen Bürgertums war aber das aus der religiösen Tradition mitgebrachte "kulturelle Kapital": Eine hohe Alphabetisierungsrate bei Frauen und Männern, hohes Ansehen von Bildung allgemein und eine Tradition der körperlichen und geistigen Selbstdisziplin, die ja auch Elias schon als Basis des bürgerlichen Zivilisationsprozesses sah.

Frank Sterns Weg als Wissenschaftler führte ihn von Berlin über Jerusalem, Tel-Aviv, New York, Wien bis an die Negev-Universität in Beer-Sheva. Seine einmonatige Gastprofessur mit den montäglichen Vorlesung und dem diensttäglichen Vertiefungsseminar für Studenten schließt somit einen Zirkel. Einen, den er jedoch inhaltlich nicht ganz vollziehen kann. Denn trotz seiner Insistenz darauf, dass die kulturelle und gesellschaftliche Vermischung von Deutschen und Juden schon weit vor der Aufklärung anzusiedeln ist, bleibt das Diktum Scholems weiter gültig. Denn Belege dafür, dass die Deutschen die jüdische Kultur genauso offen übernommen hätten wie umgekehrt, kann Stern nicht präsentieren. Es musste eine einseitige Liebesaffäre bleiben, doch zu einer wirklichen Beziehung gehören nun einmal zwei.Frank Stern spricht noch einmal am 29. Mai um 18 Uhr im Senatssaal der Humboldt Universität (Hauptgebäude) über das Thema: "Gebrochene Wahlverwandschaften im Nachkrieg: Aufbau nach dem Untergang in einer Kultur antagonistischer Erinnerungen".

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