Gesundheit : Der Hochzeitskick

Macht die Ehe glücklich? Studien zeigen: Schon Monate vor der Trauung fühlen wir uns besser – bei manchen hält das gute Gefühl Jahre an

Bas Kast

„Die Ehe“, sagte Oscar Wilde, „ist ein Versuch, zu zweit wenigstens halb so glücklich zu werden, wie man allein gewesen ist.“ Wie es scheint, hatte der irische Schriftsteller mit der Vorliebe fürs Paradoxe Recht – und Unrecht.

Warum Wilde Unrecht hatte? In so gut wie allen Studien, die es zur Ehe gibt, zeigt sich ein Befund immer wieder: Verheiratete Menschen sind glücklicher als Singles. So untersuchte der Glücksforscher Ed Diener von der Universität von Illinois in Urbana-Champaign das Verhältnis zwischen Ehe und Lebenszufriedenheit in 42 verschiedenen Nationen. Eindeutiges Fazit: Wer verheiratet ist, fühlt sich besser – ein Gesetz, das rund um den Globus gilt.

Doch auch den Experten blieb damit noch unklar, was zuerst kommt: Henne oder Ei. „Glückliche Menschen könnten angenehmer und unternehmenslustiger und so erfolgreicher darin sein, einen Partner zu finden“, schreibt Diener in seiner neuen Studie, veröffentlicht im US-Fachblatt „Journal of Personality and Social Psychology“. Zusammen mit Richard Lucas von der Michigan State University und einem Team von Psychologen wertete Diener darin die Daten von insgesamt mehr als 24000 Menschen in Deutschland aus, die man über einen Zeitraum von 15 Jahren beobachtet hatte. Mit dem Ziel, endlich eine Antwort auf die Frage zu finden: Macht die Ehe glücklich?

Dazu gaben die Personen regelmäßig Auskunft über ihr Wohlbefinden, und zwar auf einer Skala von 0 („total unglücklich“) bis 10 („total glücklich“). 1761 Menschen waren zu Beginn der Studie noch Singles, sie heirateten im Laufe der Zeit – und lieferten den Forschern damit erstmals eine Antwort auf die uralte Frage.

Ergebnis Nummer 1: Eine Hochzeit gibt unserem Gemüt einen kleinen, kurzfristigen Kick. Schon im Jahr vor der Hochzeit steigt die Zufriedenheit. Im Schnitt aber bleibt das Hoch gering: „Eine Ehe geht auf der Skala von 0 bis 10 durchschnittlich mit einem Anstieg von nur 0,115 Punkten einher.“ Immerhin. Dann, nach und nach, verfliegt das Glücksgefühl, die Verheirateten kehren zu ihrem ursprünglichen Zufriedenheitsniveau zurück (das bei 7 Punkten liegt). Und ab dem dritten Ehejahr fühlt man sich wieder wie gehabt.

Damit schien es zunächst, als hätte das ehrwürdige Prinzip der „hedonischen Adaptation“ einmal mehr sein Haupt erhoben. Dieses Gesetz der Psychologie besagt: Unser Gefühlsleben hat die Tendenz, immer wieder zum Mittelmaß zurückzukehren. Sowohl grandiose Erfolge wie auch herbe Rückschläge erschüttern uns nur kurzfristig. Früher oder später kehren wir wie eine angestoßene Schaukel in unsere Ruhelage zurück. Das zeigen auch Studien an Lottogewinnern, die nach einer anfänglichen Euphorie bald wieder von der Gewöhnlichkeit des Alltags eingeholt werden.

Dann aber werteten die Forscher die Daten noch einmal anders aus. Dabei konzentrierten sie sich auf die Phase nach der Hochzeit. Könnte es nicht sein, sagten sie sich, dass diese Rückkehr zum Durchschnittsgefühl zum Teil auch darauf zurückzuführen ist, dass es auf der einen Seite Menschen gibt, die die Hochzeit in ein dauerhaftes High versetzt, während eine andere Gruppe in ein post-maritales Tief versinkt? Das Gefühlsplus auf der einen Seite würde dann vom Minus auf der anderen schlicht „weggerechnet“.

Tatsächlich ergab die Analyse, dass es lange nicht bei jedem zur hedonischen Adaptation kommt. „Es trifft nicht zu, dass alle Menschen nach der Hochzeit wieder zu dem Zufriedenheitsniveau zurückkehren, an dem sie anfangs standen“, lautet das Fazit der Forscher. „Viele sind dauerhaft glücklicher als noch vor der Hochzeit, während eine ähnlich große Gruppe damit endet, sich unglücklicher zu fühlen.“ Bei manchen zieht mit der Ehe ein dauerhaftes Glück oder Unglück ein, das sich über Jahre hinweg zu halten scheint.

Doch wem von uns ist dieses langfristige Hochzeitshoch gegönnt? Wer von uns profitiert von der Ehe? Und wer darf sich, umgekehrt, nach der Hochzeitszeromonie, auf ein Dauertief einstellen? Schon die anfängliche Einstellung zur Hochzeit prophezeit das spätere Glück in der Ehe: Wer von Anfang an positiv eingestellt ist, ist auch Jahre später noch zufriedener – ein Befund, der vielleicht nicht überrascht.

Umso verblüffender war die Entdeckung, dass gerade die Menschen, die vor der Hochzeit am zufriedensten mit sich sind, am wenigsten von einer Hochzeit profitieren. Vielleicht, spekulieren die Forscher, verfügen diese besonders zufriedenen Zeitgenossen über einen großen Freundeskreis – womöglich ist ihr Single-Leben von so viel Auf- und Anregendem ausgefüllt, dass ihnen eine Ehe keinen Gewinn bringt – der Oscar-Wilde- Effekt. „Auf der anderen Seite“, so die Psychologen, „kann eine Person, die einsam und deshalb eher unzufrieden ist, viel gewinnen, indem sie heiratet.“

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