Gesundheit : "Der individuellen Hebamme gehört die Zukunft"

Fast 2000 Frauenärzte[Neugebo],Geburtshelfer[Neugebo]

Fast 2000 Frauenärzte, Geburtshelfer, Neugeborenenmediziner, Hebammen und Kinderkrankenschwestern trafen sich am gestrigen Donnerstag zum 20. Kongress der Deutschen Gesellschaft für Perinatalmedizin. Die Tagung wird am heutigen Freitag fortgesetzt. Sie findet wie immer in Berlin statt - der Wiege dieser interdisziplinären Medizin rund um die Geburt. Der Tagesspiegel sprach mit Klaus Vetter vom Krankenhaus Neukölln, dem Präsidenten des Kongresses.

Herr Professor Vetter, immer kleinere Frühgeborene haben dank der Fortschritte der Perinatalmedizin Überlebenschancen. Trotzdem gewinnt man auf diesem Kongress den Eindruck, dass zwar die "Frühchen" kleiner werden, nicht aber die Probleme.

Wir haben auf der einen Seite medizinisch viele Hürden genommen, etwa durch Vorbeugung gegenüber Infekten bei Frühgeborenen. Die Frühgeborenenmedizin ist dadurch in ganz neue Dimensionen vorgestoßen.

Früher lag die Grenze bei 1200 bis 1500 Gramm Geburtsgewicht ...

dann ist das immer weiter zurückgegangen - die fixen Zahlen haben sich als nicht haltbar erwiesen. Heute sind wir bereit, weit früher medizinisch in die Kinder zu investieren. Zu Beginn des Lebens stellen sich aber ethische Fragen, und auch sie sind Thema des Kongresses. Feste Grenzen scheint es nicht mehr zu geben, und auch darüber müssen wir sprechen. Wir müssen uns im Einzelfall fragen: Was können wir tun, wie ist die Zukunftsprognose der Kinder, welchen Aufwand bedeutet das für die Familie?

Frühgeburten haben insgesamt zugenommen - woran liegt das?

Durch Veränderungen gesellschaftlicher Art haben wir uns neue Probleme eingehandelt. Immer mehr Frauen warten, bis sie sich ihren Kinderwunsch erfüllen. Damit aber haben sie häufiger Probleme, schwanger zu werden. Die Paare nehmen deshalb vermehrt die Hilfe der Fortpflanzungsmedizin in Anspruch, mit der Folge, dass Mehrlingsschwangerschaften zunehmen. Diese wiederum sind mit einem erhöhten Risiko für Frühgeburten verbunden. Wir haben also eine völlige Verschiebung der Probleme.

Was kann man tun?

Wir Perinatalmediziner haben uns sehr dafür eingesetzt, dass man die Entstehung von Mehrlingsschwangerschaften beschränkt. Man muss Methoden anwenden, die das begrenzen. Wir wissen, dass Familien durch Mehrlinge gesprengt werden können, vor allem, wenn es bei den Kindern große gesundheitliche Probleme gibt. Wir sehen unsere Aufgabe ja nicht zuletzt darin, Vermeidbares zu vermeiden.

Welche weiteren Komplikationen entstehen dadurch, dass die Frauen immer später schwanger werden?

Im Prinzip können sich hier alle Probleme stellen, die durch das Anhäufen von Risiken im Verlauf der Lebenszeit entstehen: Schädigungen der Eizelle, aber auch Krankheiten der Mutter, insbesondere Stoffwechselkrankheiten. Zum Beispiel nimmt das Risiko für Schwangerschaftsdiabetes mit dem Alter der Mutter zu. Biologisch gesehen liegt das optimale Alter für das Kinderkriegen früher als das heutige Alter der Erstgebärenden, das im Schnitt bei 29 Jahren liegt.

Müssen also die Geburtsmediziner aus ihrer fachlich-medizinischen Sicht auf die Politik einwirken, damit die Rahmenbedingungen sich verändern und die Frauen wieder jünger Kinder kriegen?

Wenn Aussicht auf Erfolg bestünde, würde ich diese Aufgabe gerne übernehmen! Aber ich sehe in meinem eigenen Krankenhaus, dass das zum Beispiel für junge Ärztinnen, aber auch für Hebammen nicht so einfach ist. Wer seine Karriere unterbricht, ist leicht außen vor.

Sind die werdenden Eltern anspruchsvoller geworden? Verschieben sich die Wünsche Ihrer "Kunden"?

Es gibt eine Bewegung weg von der automatischen, hin zur individuellen Betreuung. Die Frauen möchten zum Beispiel von der Hebamme betreut werden, die sie schon kennen. Eines der Modelle dafür ist das Geburtshaus, ein anderes ist natürlich die Hausgeburt. Die individuelle Betreuung im Krankenhaus lässt sich nur realisieren, wenn eine Hebamme mitgebracht wird: Diese Beleghebammen haben meiner Ansicht nach eine große Zukunft, wir haben im Moment im Krankenhaus neun davon. Die persönliche Betreuung bezieht sich hier nicht nur auf die Vorbereitung und die Geburt selbst, sondern auch auf die Zeit danach. Es gibt Hinweise darauf, dass Risiken früher erkannt werden, wenn man sich persönlich gut kennt.

Beim Kongress war auch das Stillen ein wichtiges Thema. Eine Studie zu Stillen und Säuglings-Ernährung hat gezeigt, dass sechs Monate nach der Geburt nur noch zehn Prozent der deutschen Mütter stillen. Dabei haben 91 Prozent nach der Entbindung damit begonnen. Liegt hier auch eine Aufgabe für die Hebammen?

Ja, denn zum Stillen braucht es Motivation. Wenn ich einen Klinikaufenthalt von nur zwei oder drei Tagen habe und dann nach Hause gehe, brauche ich dort jemanden, der mich unterstützt und mir zum Beispiel sagt: Du musst es aushalten, wenn die Brust spannt. Die Frauen dürfen nicht ins Leere fallen. Als Mitglied der Nationalen Stillkommission liegt mir das Thema sehr am Herzen. Wir haben in unserer Klinik eine Hebammen-Sprechstunde eingeführt, weil nicht alle Frauen zu Hause besucht werden wollen.

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