Gesundheit : Der kalifornische Patient

Vor 25 Jahren: In den USA tritt erstmals eine mysteriöse Immunschwäche auf. Aids ist da

Adelheid Müller-Lissner

Es ist der 5. Juni 1981, an sich kein besonderes Datum. Und es ist nur eine scheinbar unbedeutende Mitteilung. An diesem Tag berichten die beiden kalifornischen Ärzte Michael Gottlieb und Wayne Shandera im „Morbidity and Mortality Weekly Report“, dem Mitteilungsblatt der amerikanischen Seuchenbehörde CDC, auf anderthalb Seiten über fünf ungewöhnliche Fälle von schwerer, teils tödlicher Lungenentzündung. Aber mit diesem Report im Amtsblatt schreiben Gottlieb und Shandera Geschichte. Denn die Krankheit, über die sie als Erste berichten, wird die Welt verändern.

Es ist Aids.

Die tödliche Lungenentzündung der kalifornischen Patienten wird von einem Pilz namens Pneumocystis carinii verursacht. Ein Erreger, der bisher allenfalls schwer kranken Menschen mit geschwächtem Immunsystem zugesetzt hatte. Die dann das bekamen, was Mediziner eine „opportunistische Infektion“ nennen. Das machte die Mediziner stutzig, denn sie hatten es bei den Patienten aus Los Angeles mit jungen Männern zu tun, die fast alle aus heiterem Himmel erkrankten.

Dass der Himmel über dem toleranten Kalifornien für die jungen Homosexuellen, die von überall her dorthin gekommen waren, so heiter nicht war, wurde zur bitteren Erkenntnis der folgenden Jahre. Heute, 25 Jahre später, erscheint HIV schon wie ein alter Bekannter. Weltweit sind mehr als 40 Millionen Menschen mit dem Immunschwächevirus infiziert. Wie kein anderer Krankheitserreger hat das Virus die letzten beiden Jahrzehnte des 20. Jahrhunderts geprägt.

Als alles begann, im Jahr 1981, beunruhigte kurz nach der rätselhaften Lungenentzündung eine weitere unerklärliche Krankheitswelle die Gesundheitsbehörden der USA. Mehr als 50 junge Männer litten plötzlich unter einer Hauterscheinung, die man bisher nur bei Älteren beobachtet hatte. Die Ärzte diagnostizierten bei ihnen das Kaposi-Sarkom, einen seltenen Hautkrebs, benannt nach dem Arzt Moritz von Kaposi.

Kurz darauf zeigte sich, dass auch Drogensüchtige betroffen waren, die sich Heroin in die Venen spritzten. Dazu Menschen, die Bluter waren. Ihre Krankheit, die Hämophilie, wurde mit Gerinnungsfaktoren von Blutspendern behandelt. Hatte man die Erscheinungen anfangs noch als „Gay-related Immune Deficiency“ („Schwulen-Immunschwäche“) zusammengefasst, so prägten die Mediziner angesichts ihrer Ausdehnung auf Bluter und Heroinabhängige nun den Begriff „ Akquiriertes Immundefizienz-Syndrom“, erworbene Immunschwäche. Der Name Aids war geboren.

Doch woher die Immunschwäche rührte, blieb ungeklärt. Er könne sich noch gut an die Theorien der Anfangszeit erinnern, erzählt der Aids-Experte Keikawus Arastéh vom Berliner Auguste-Viktoria-Krankenhaus: „Da wurde neben der allgemeinen Umweltverschmutzung auch der Gebrauch erektionsverlängernder Mittel und der Lebensstil der Schwulen angeschuldigt.“

Dass ein Virus dahintersteckt, wurde 1984 bekannt, als zeitgleich der französische Virologe Luc Montagnier vom Pariser Institut Pasteur und der Amerikaner Robert Gallo vom Nationalen Krebsinstitut der USA in Bethesda bei Washington die Entdeckung für sich reklamierten. Gallo hatte sich zuvor Verdienste bei der Erforschung eines Erregers erworben, der für seltene Formen von Blutkrebs ursächlich ist, des Humanen T-Zell-Leukämievirus. Mit dem Aids-Erreger HIV hat das Leukä mievirus einiges gemein: Es befällt die T-Zellen oder Helferzellen des Immunsystems, und es ist ein Retrovirus. Sein genetisches Material besteht nicht aus DNS, sondern aus RNS.

Bis heute lässt sich die Infektion nicht ungeschehen machen. Und bis Medikamente auf den Markt kamen, mit denen man die Viruslast wirkungsvoll eindämmen konnte, dauerte es Jahre. „Trotz all unserer Bemühungen sind unsere Patienten im Schnitt neun Monate nach dem Ausbrechen von Aids gestorben. Erst 1996 konnte dieses große Sterben beendet werden“, sagt Arastéh.

„Wir haben uns für die Behandlung der HIV-Infizierten mit Schwerpunktpraxen vernetzt, wir haben Selbsthilfegruppen uneingeschränkten Zugang verschafft, und das führte zu einer Bewusstseinsveränderung“, sagt Arastéh. Betrachtet man es so, dann hat unser Gesundheitswesen den meist noch recht jungen Aids-Patienten der 80er Jahre und den engagierten Menschen, die sich um sie kümmerten, viel zu verdanken.

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